London/Berlin/Hamburg - Der 62.000-Tonnen-Frachter "MSC Napoli" ist nach Informationen der BBC vor der Küste von Cornwall gesunken. Die 26 Mann Besatzung konnte gerettet werden, obwohl meterhohe Wellen die Evakuierung, an der die französische Küstenwache beteiligt war, erschwerten.
Wegen des schweren Wellengangs kam es im Ärmelkanal auch zu erheblichen Behinderungen im Fährverkehr. Die Windgeschwindigkeiten erreichten bis zu 100 Stundenkilometer. Wegen des Orkans mussten auf dem Flughafen London-Heathrow mehr als 120 Flüge abgesagt werden. Betroffen waren auch zahlreiche Verbindungen nach Deutschland.
Angesichts des nahenden Orkans "Kyrill" laufen die Vorbereitungen auch auf den ostfriesischen Inseln auf Hochtouren. "Wir erwarten für heute Nacht eine sehr schwere Sturmflut mit Werten zwischen zwei und drei Metern", sagte die Sprecherin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, Herma Heyken. Alle Deichtore auf den Inseln seien bereits geschlossen. Es drohten Dünenabbrüche. "Alle unsere Leute sind in Rufbereitschaft." Im Wesergebiet wird das Hochwasser 2,5 bis 3 Meter höher als das mittlere Hochwasser sein, an der nordfriesischen Küste und im Elbegebiet 3 bis 3,5 Meter höher.
In Gebirgslagen wurde bereits am Morgen Windgeschwindigkeiten in Orkanstärke gemessen, in den Niederungen sollte das Unwetter ab Mittag von West nach Ost ziehen. Im gesamten Land wurde die Bevölkerung vor Aufenthalten im Freien gewarnt. An vielen Schulen sollte der Nachmittagsunterricht ausfallen.
Wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte, wurden am Morgen auf dem Feldberg im Schwarzwald Windgeschwindigkeiten von 122 Stundenkilometern gemessen, was Orkanstärke entspricht. In Rheinland-Pfalz und dem Saarland konnte der DWD in den Niederungen bereits schwere Sturmböen von 80 bis 90 Stundenkilometern messen.
Fährverkehr kommt zum Erliegen
Der Orkan sollte sich im Laufe des Nachmittags von Westen und Nordwesten mit einer leichten Südverlagerung nach Osten vorarbeiten. Im Westen soll er hauptsächlich am Abend toben, im Osten und Süden im Lauf der Nacht. Auf den Bergen rechnen die Meteorologen dann mit Orkanböen bis 150 Stundenkilometern, vereinzelt sogar noch mehr. Ab 154 Stundenkilometern gilt die Hurrikan-Kategorie Nummer zwei.
Zusätzlich zum Orkan soll vor allem in Nordrhein-Westfalen und in Teilen Niedersachsens noch heftiger Regen dazukommen. Gebietsweise seien 50 bis 70 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden zu befürchten.
In Hamburg stockte die Feuerwehr ihre Einsatzleitzentrale auf. Der Fährverkehr zu den Halligen Hooge und Langneß im nordfriesischen Wattenmeer wurde bereits am Morgen eingestellt, ab dem frühen Nachmittag muss auch mit der Einstellung des Verkehrs auf der Linie Dagebüll-Föhr-Amrum gerechnet werden. Betroffen ist ebenfalls der Linienverkehr von und nach Pellworm, dort sollte das vorerst letzte Schiff am Mittag ablegen.
In Mecklenburg-Vorpommern wurde die Bevölkerung über den Rundfunk aufgefordert, nachmittags möglichst nicht ins Freie zu gehen. Fenster und Türen sollten geschlossen bleiben. Vorsorglich sollten zudem bewegliche Gegenstände gesichert, Autos nicht unter Bäumen geparkt und Boote fest vertäut werden. Der baden-württembergische Forstminister Peter Hauk warnte mit Verweis auf Lebensgefahr vor Spaziergängen im Wald. In zahlreichen Bundesländern erlaubten die Ministerien den Schulen, den Unterricht am Nachmittag ausfallen zu lassen.
Verzögerung bei Bahn und Flugzeugen
In Niedersachsen, wo sich das Orkantief bereits in der Nacht angekündigt hatte, musste die Polizei mehrfach wegen umherfliegender Gegenstände ausrücken. In Oldenburg wurde auf der Autobahn 1 bei Wildeshausen ein leerer LKW von der Fahrbahn gedrückt und beschädigt.
Auch im Flug- und Bahnverkehr sorgte der Sturm bereits am Vormittag für ernsthafte Verzögerungen. Am Flughafen Frankfurt am Main mussten 34 Flüge storniert werden, bei ankommenden Maschinen kam es zu Verspätungen von bis zu einer Stunde. Die Flugausfälle gingen aufgrund des Sturms auch an anderen Startflughäfen, etwa in Skandinavien zurück.
Die Deutsche Bahn setzte das Höchsttempo ihrer Fernverkehrszüge auf Tempo 200 herab. Nahverkehrszüge fahren nur noch maximal 140 Stundenkilometer, in den Neigezügen wurde die Pendeltechnik ausgeschaltet. Normalerweise fahren die schnellsten Züge der Bahn Tempo 300. Der Auto Club Europa warnte alle Verkehrsteilnehmer vor den Folgen des starken Winds.
Das Technische Hilfswerk (THW) sieht sich gegen das herannahende Unwetter gut gerüstet: Mit seinen über 40.000 aktiven Helfern könne das THW gute Hilfe leisten, sagte Präsident Albrecht Broemme. Es seien bereits Tausende von Helfern informiert. "Besonders kritisch sind natürlich Ballungsgebiete, weil dort die Schäden auch besonders groß sein können." Als Beispiele nannte Broemme das Rhein-Main-Gebiet und Berlin.
dab/dpa/AP
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