Aus Schlüttsiel berichtet Hasnain Kazim
Schlüttsiel - Harry Ingwersen ist stürmische Zeiten gewöhnt. Den Mann mit dem blonden Zopf und dem Vollbart, so scheint es, bringt kaum etwas aus der Ruhe - jedenfalls keine Warnungen vor Sturmtief "Kyrill", die gerade alle paar Minuten im Radio gemeldet werden. "Wind haben wir erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben", sagt er. "Und Sturm, wenn sie tief fliegen." Ingwersen grinst. "Sagt man bei uns hier."
Der Mann ist Küchenchef im Fährhaus Schlüttsiel, einem Hotel direkt am Deich. Bis nach Dänemark sind es von hier aus nur noch ein paar Kilometer. Wer im oberen Stockwerk des Hauses sitzt, kann beim Teetrinken beobachten, wie nah das Wasser kommt. Gelegentlich, so wie heute, sogar unangenehm nah.
Ingwersen arbeitet zudem in einem Gasthaus auf einer winzigen Insel vor der Nordseeküste: auf der Hamburger Hallig. Die ist ein paar Kilometer von Schlüttsiel entfernt. Neben dem Restaurant gibt es dort nur noch zwei Hütten: eine für einen Praktikanten des Naturschutzbundes, der hier in den besseren Jahreszeiten arbeiten darf, und eine als Mini-Wattenmeermuseum. Ein knapp vier Kilometer langer Plattenweg führt vom Festland zur Insel - die einzige Hallig, die eine solche Verbindung hat. "An Tagen wie heute ist es schon riskant, da rauszufahren", sagt Ingwersen. Einen Blick über den Deich zur Hallig will er aber doch wagen.
"Keine Chance, schon gar nicht als Fußgänger"
Mit seinem alten 190er Mercedes macht er sich auf den Weg. Am Deich öffnet er ein Gatter, fährt über den Wall und bleibt vor dem Steg mit den Steinplatten, der zur Hallig fährt, stehen. "Manchmal kommt hier das Wasser schneller als man denkt. Es gibt tatsächlich Idioten, die hier unterwegs sind, ohne sich über die Gezeiten informiert zu haben." An Tagen wie heute, sagt er, sollte man es besser bleiben lassen, da rauszufahren. "Wenn das Wasser kommt, hat man überhaupt keine Chance, schon gar nicht als Fußgänger", sagt er und erwähnt nebenbei, wie er selbst einmal vor ein paar Jahren mit dem Auto vom Hochwasser überrascht wurde, sich aber an einer leicht erhöhten Stelle auf dem Weg in Sicherheit bringen konnte. "Ach, was soll's", sagt er dann - und gibt Gas.
Hans Hermann Lätari, Ingwersens Chef und Pächter des Hotels sowie der Gaststätte auf Hamburger Hallig, hat heute Morgen schon mal einen Tischler zur Insel geschickt, damit der eine Tür verbarrikadiert. "Man weiß ja nie, was heute Nacht so kommt", sagt er, während er in seinem Hotel in Schlüttsiel sitzt. Lätari schaut nach draußen aufs Meer, auf dem sich seit ein paar Stunden Schaumkronen bilden, das Wasser ist schon bedrohlich nah am Deich, Spaziergänger, die gegen den Wind laufen, bekommen die Gischt ins Gesicht. "Das ist doch noch nix", sagt Lätari. "Sowas kennen wir Küstenbewohner ja." Dann sieht er zwei Menschen, die sich auf einem schmalen Steg aus Steinen weit in die See hinauswagen. "Sind die total verrückt? Ein Windstoß, und die sind weg", sagt er ganz ruhig.
Außer dass er den Handwerker zur Hallig rausgeschickt hat, sind nach Meinung Lätaris keine weiteren Vorbereitungen nötig. "Kann schon sein, dass der Wind nachher etwas Wasser durch die Fenster und Türen drückt", erklärt er. Dafür hat er schon mal ein paar Küchenhandtücher auf die Fensterbank gelegt. "Mehr kann man ja nicht machen."
Ingwersen hat den Plattenweg ohne Probleme zurückgelegt. "Das Wasser reicht schon ziemlich weit ins Land rein", sagt er. Dabei sei jetzt eigentlich Ebbe, "aber der Sturm da draußen drückt das Wasser so stark hier rein, dass es gar nicht zurückgeht." Sollte der Pegel, wie vom Deutschen Wetterdienst vorhergesagt, um bis zu drei Meter steigen, dürften die Deiche nur noch wenige Meter aus dem Wasser ragen. "Das ist ganz schön heftig", sagt Ingwersen. Als er das sagt, lacht er.
Die Halligen, winzige Punkte am Horizont
Auf der Hallig angekommen, rüttelt er am Brett, das der Tischler vor eine der Türen geschraubt hat. Was, wenn das Wasser tatsächlich die gesamte Insel überschwemmt? "Dann nützt das Brett auch nichts." Er schaut sich um. "Das ist schon ein traumhafter Ort", sagt er, und sein Zopf steht waagerecht im Wind. Bei klarer Sicht sind von hier aus die Inseln Langeneß und Pellworm zu sehen. Jetzt ragen nur ein paar benachbarte Halligen aus dem grauen Schaum - winzige Punkte am Horizont.
Ingwersen setzt sich wieder in sein Auto. Jetzt schnell zurück, bevor Sturmtief "Kyrill" ihn und die Hamburger Hallig für mehrere Stunden von der Außenwelt abschneidet, so wie die Menschen auf den Inseln und Halligen weiter draußen, zu denen der Fährverkehr spätestens seit heute Mittag eingestellt ist. Am Festland trifft er Landwirt Hannes Rabe. Der will gerade einen Spaziergang auf dem Deich machen. "Ach was, Sturmtief", sagt der. "So schlimm wird's schon nicht werden. Ich habe heute Morgen aus dem Fenster geschaut und mich beruhigt zurückgelehnt." In dem Moment, als er das sagt, fehlen nur noch zwei Windstärken zum Orkan.
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