Von Timo Nowack
Hamburg - "Hey Ulf, trag deinen Namen in die Liste ein, danach kannst du dir ein Bier holen", begrüßt Uwe Sommer einen Neuankömmling. In der Deichwacht auf der Elbinsel Wilhelmsburg treffen immer mehr freiwillige Helfer ein. Sommer sitzt auf einem abgewetzten braunen Stuhl und überwacht, dass sich jeder pflichtgemäß anmeldet. In den Räumen nebenan wird Karten gespielt, gewürfelt und Bier getrunken. Dass Hamburg einen angsteinflößenden Orkan und Hochwasser erwartet, ist hier niemandem anzumerken. Besonders nicht Uwe Sommer.
"Uwe ist so alt wie der Deich selbst", sagt Angelika, die einzige Frau in der Deichwacht an diesem Abend, und meint das positiv. In den letzten Stunden hat das Urgestein der Hamburger Deichwachten 24 ehrenamtliche Helfer zusammentelefoniert und organisiert, dass im nahen Deichverteidigungslager vier Lkw-Ladungen Sandsäcke bereitstehen. Im Notfall werden die Helfer damit das Wasser stoppen, das durch den beschädigten Deich bricht. "Das ist harte Arbeit", erklärt Sommer. "Ein Sandsack wiegt 25 Pfund." Im Ernstfall müssten die Helfer 500 Stück in der Stunde schleppen.
Uwe Sommer hat die meiste Erfahrung von allen. "1962 bei der Sturmflut war ich als Soldat im Einsatz und das Wasser stand mir bis zum Hals", erzählt er und zeigt auf Fotos an der Wand. Zu sehen ist eine überflutete und zerstörte Stadt, Menschen, die mit Hubschraubern von den Dächern gerettet werden. "Ich habe diese Bilder aufgehängt, damit die Jüngeren sehen, was passieren kann", erklärt Sommer. Als Held will er aber nicht gesehen werden und sagt über die Geschichten von damals: "Eigentlich brauchen Sie die gar nicht aufzuschreiben."
Die Flut kommt um 4.30 Uhr morgens
Ein Jahr nach der großen Flut trat Sommer der Deichwacht bei - und ist bis heute dabei. Als Ortsbeauftragter für die Elbinsel Wilhelmsburg hält er den Stamm von Ehrenamtlichen zusammen, auch wenn sie seit Ende der neunziger Jahre keine Sandsäcke mehr in einem richtigen Einsatz geschleppt haben. "Irgend ein Hobby muss man ja haben", sagt Sommer und lacht. Tatsächlich erinnert das Zusammensein bei Bier und Karten an diesem Abend im ersten Moment mehr an eine Skat-Runde als an Katastrophenschutz.
Doch damit tut man den freiwilligen Helfern Unrecht. Von den 24 Ehrenamtlichen glaubt kaum einer daran, dass "Kyrill" sie wirklich auf die Deiche pustet. Trotzdem sind sie alle um 19 Uhr gekommen, bereit, bis zur Flut um 4.30 Uhr morgens zu wachen. Bereit für den Notfall, entschädigt mit 2,05 Euro pro Stunde. Dabei nehmen sie in Kauf, sich nach einer harten Sturmnacht am nächsten Morgen müde zur Arbeit zu schleppen. "Ich bin Kranfahrer in einer Müllverbrennungsanlage", sagt Heiko. "Meine Schicht beginnt morgens um 4 Uhr."
Seine Motivation, sich die Nächte bei der Deichwacht um die Ohren zu schlagen, erklärt Ulf kurz und bündig: "Wir helfen", sagt der 44-Jährige. "Jeder der hier lebt, hat das gleiche Problem." Die Leute in der Deichwacht würden eben realisieren, dass sie auf einer Elbinsel leben, erklärt Angelika. "Viele Leute kennen außerdem noch Zeitzeugen der großen Fluten 1962 und 1976." So wie Uwe Sommer. Doch kein anderer ist noch so aktiv wie er.
Um 21 Uhr kommt die Entwarnung per Telefon. Sommer widerspricht: "Ich kann die Leute nicht nach Hause schicken, und dann um 2 Uhr nachts wieder wecken." Und er tut es doch. Er verabschiedet seine Helfer ins Bett und kündigt an, dass er sie später in der Nacht vielleicht wieder brauchen wird. Keiner murrt, niemand beschwert sich - nicht beim Urgestein der Deichwacht in Hamburg.
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