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19.01.2007
 

Orkan

Schneise der Verwüstung - "Kyrill" verliert jetzt an Kraft

Viele Tote, Millionenschäden und Verkehrschaos: Mit dem Orkantief "Kyrill" ist einer der schwersten Stürme der vergangenen 20 Jahre über Deutschland hinweggefegt. Er kostete sieben Menschen das Leben. Die erwarteten schweren Sturmfluten verliefen vergleichsweise glimpflich.

Berlin - Für den Norden Deutschlands gaben die Meteorologen bald nach Mitternacht Entwarnung. Trotz des tobenden Orkans in der Nacht ist die Region von der befürchteten schweren Sturmflut verschont geblieben. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) gab kurz nach Mitternacht weitgehende Entwarnung. "Alles ist wesentlich glimpflicher verlaufen. Der Orkan ist wesentlich schneller über den Norden gezogen, die Höchststände traten damit zum Teil bis zu 80 Minuten früher ein", sagte ein Experte im BSH.

Für Hamburg werden in den frühen Morgenstunden statt der ursprünglich prognostizierten schweren Sturmflut von bis zu 3 Metern über dem mittleren Hochwasser nur noch 1,50 Meter erwartet. Diesen Höchststand erreichte die Flut in der Nacht auch auf den ostfriesischen Inseln Borkum und Norderney, in Emden waren es laut BSH 1,91 Meter über dem mittleren Hochwasser. In Büsum an der schleswig-holsteinischen Westküste, wo die Sturmflut am schwersten auftreffen sollte, erreichte das Hochwasser sogar nur 1,17 Meter, wie der BSH-Experte berichtete. Die Sturmflut auf der Nordseeinsel Sylt war weniger schlimm als erwartet. "Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen", sagte ein Feuerwehr-Sprecher aus Westerland.

Dennoch hinterließ "Kyrill" eine Schneise der Verwüstung. Das Orkantief war einer der schwersten Stürme der vergangenen 20 Jahre. Es zog nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia mit Geschwindigkeiten von 202 Kilometern pro Stunde über das Land. Diese Geschwindigkeit wurde auf dem Wendelstein in Bayern gemessen. Am neuen Berliner Hauptbahnhof riss der Sturm zwei tonnenschwere Stahlträger aus ihrer Verankerung, es bestand Einsturzgefahr für eine Glasfassade des Gebäudes.

Sieben Tote in Deutschland

Mit zunehmender Sturmstärke wuchs gegen Abend die Zahl der Todesopfer. Vor den Augen seiner Eltern wurde in Bayern ein Baby von einer Terrassentür erschlagen. Ebenfalls in Bayern wurde ein 73- Jähriger von einem herausgerissenen Scheunentor erdrückt. Ein Mann starb in Baden-Württemberg, als er mit dem Auto auf einen umgestürzten Baum fuhr. In Nordrhein-Westfalen wurden zwei Menschen von entwurzelten Bäumen erschlagen, darunter ein 39-jähriger Feuerwehrmann im Einsatz. Im niedersächsischen Hildesheim erlitt ein Autofahrer tödliche Verletzungen durch einen Baum, der auf sein Fahrzeug stürzte. In Sachsen-Anhalt kam ein Mann ums Leben, als in einer Gaststätte eine Wand auf ihn stürzte.

Erstmals in der Geschichte der Bahn stand der Schienenverkehr in Deutschland fast völlig still. Zehntausende gestrandete Reisende erreichten ihre Ziele nicht. Alle Züge wurden in die Bahnhöfe gefahren. Die Bahn hielt ihre Bahnhofs-Empfangsgebäude in der Nacht geöffnet und versorgte die Menschen mit Getränken und Decken. "Das hatten wir noch nie in Deutschland", sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn. Voraussichtlich wird der Schienenverkehr auch am Freitag noch massiv beeinträchtigt sein. Genaue Informationen über die Wiederaufnahme des Fernverkehrs kündigte die Bahn erst für den frühen Morgen an.

Auch die Mobilität der Menschen auf den Straßen, in der Luft und auf Wasserwegen war stark eingeschränkt. Die Fluggesellschaften strichen hunderte Verbindungen, manche Maschinen hoben erst mit stundenlanger Verspätung ab. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt wurden fast 200 Flüge gestrichen. Mit Galgenhumor nahm eine Passagierin in Düsseldorf die Zwangspause: "Wer fliegen will, braucht heute kein Flugzeug."

Chaos auch im Schiffsverkehr: Im Ärmelkanal spielten sich dramatische Szenen ab, als der Container-Frachter "MSC Napoli" wegen eines Motorschadens vor Cornwall in Seenot geriet. Trotz meterhoher Wellen konnten alle 26 Besatzungsmitglieder gerettet werden. In Deutschland wurden die Fährverbindungen auf Nord- und Ostsee sowie dem Bodensee zeitweise eingestellt.

Zehntausende ohne Strom

"Kyrill" ließ vielerorts den Strom ausfallen; in Magdeburg kam fast das ganze öffentliche Leben zum Erliegen. 41.000 Haushalte in Sachsen waren zeitweise ohne Strom. Katastrophal war die Lage im Harz. Auf dem Brocken wurden Windgeschwindigkeiten von rund 200 Kilometern pro Stunde erreicht, überall knickten Bäume um. "Der Harz ist praktisch nicht mehr passierbar", sagte ein Polizeisprecher. In Bayern stellten die Bergbahnen ihren Betrieb ein.

In Nordrhein-Westfalen wurden auf den Autobahnen mehrere Streckenabschnitte gesperrt. Windanfällige Straßenabschnitte und Brücken wurden auch in anderen Regionen gesperrt, dennoch warf der Sturm mehrere Lastwagen um. In Hamburg musste die Feuerwehr bis nach Mitternacht etwa 450 Einsätze fahren. Hier entgleiste eine U-Bahn. In Schleswig-Holstein rammte ein Zug einen Baum. Auf der Fehmarnsund-Brücke kippte ein Lkw um, die komplette Brücke musste gesperrt werden. Auch der Fährverkehr zwischen Puttgarden auf Fehmarn und dem dänischen Rodby wurde zeitweise unterbrochen. Die Halligen vor der nordfriesischen Küste meldeten "Land unter".

Der Orkan fetzte vielerorts ganze Dächer von Häusern. In Osnabrück wurde das Zelt des dort gastierenden Russischen Staatszirkus zerstört. In Bad Bentheim wurde das Dach des Finanzamtes komplett abgerissen. In Berlin wurde die Sitzung des Bundestags vorzeitig abgebrochen. Alle Abgeordneten brachten sich in Sicherheit.

Etliche Schulen, Kindergärten und Behörden schickten schon am Vormittag Kinder und Mitarbeiter nach Hause. In ganz Bayern und Teilen von Hessen und Nordrhein-Westfalen haben die Kinder auch am Freitag schulfrei.

Der Ostseeküste steht Hochwasser bevor. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) rechnet für die Nacht zum Freitag mit bis zu einem Meter höheren Wasserständen an der Ostseeküste. Orkan "Kyrill" hatte das Wasser der Ostsee vor sich her und damit von der Küste Schleswig-Holsteins weg getrieben. Mit dem Abflauen des Sturmes schwappt das Wasser jetzt zurück gegen die Strände und in die Häfen.

Auch in den Niederlanden, Frankreich und anderen Ländern richtete der Sturm schwere Schäden an. Allein auf den britischen Inseln löschte "Kyrill" mindestens zehn Menschenleben aus; unter den Toten waren ein zweijähriges Kind und der Direktor des Internationalen Flughafens von Birmingham. In Zehntausenden Haushalten brach die Stromversorgung zusammen. Die Schnellzugverbindung Eurostar zwischen London und dem europäischen Festland durch den Kanaltunnel wurde eingestellt. Drei Menschen starben jeweils in den Niederlanden und in Tschechien, zwei in Frankreich und einer in Belgien. In Krems (Österreich) wurde eine Frau aus ihrem völlig zerstörten Haus gerettet.

ler/dpa/ddp

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun

AFP/ NOAA
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.

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