Aus Sidmouth berichtet Hasnain Kazim
Sidmouth - Bis spät in den Abend hinein versuchen Experten, mit Spezialschiffen an die "MSC Napoli" heranzukommen und den ersten von sechs noch mit Öl gefüllten Tanks abzupumpen. Aber als der Wind zu stark wird, verlässt auch das letzte Schiff den Unglücksfrachter. In größerer Entfernung patrouillieren Boote der britischen Küstenwache, um Schaulustige nicht zu nahe an die "MSC Napoli" kommen zu lassen und Ausschau nach möglicherweise auftauchenden Containern zu halten, die das Schiff verloren hat.
"MSC Napoli" im Ärmelkanal: "Wir werden jeden Tag dran vorbeifahren müssen"
Der Strand von Branscombe ist seit gestern gesperrt, die Polizei kontrolliert jeden, der dort an die Küste möchte. Die Aufräumarbeiten laufen auf Hochtouren.
"Wir sind froh, dass ein größeres Unglück ausgeblieben ist", sagt Mark Williams, Chief Executive des Distrikts East Devon, so etwas wie ein Landrat. "Die Angst vor einer Katastrophe ist weg, aber die Anspannung bleibt", sagt er. "Bis sämtliches Öl aus dem Schiff gepumpt, der Frachter in den sicheren Hafen geschleppt und alle Aufräumarbeiten am Strand erledigt sind, wird es wohl noch dauern."
Die Kommunalbehörden rechnen mit Arbeiten, die bis zu ein Jahr dauern werden. Diese Information erhielten sie aus London. Es hat ein paar Stunden gedauert, bis sich die Nachricht herumgesprochen hat. Sie hat die Menschen gehörig erschreckt. Besonders in die Länge ziehen könnten sich die Arbeiten, weil auch eine noch nicht feststehende Zahl von Containern auf den Meeresboden gesucht und geborgen werden müssen.
Touristenattraktion Frachter
Fischer Alan aus der Stadt Exmouth sorgt sich um seine Existenz. "Muss ich jetzt ein Jahr lang Angst haben, dass doch noch was passiert? Dass ich nicht mehr fischen darf, weil die See verpestet ist?" Kommunalpolitiker haben Alan und weitere Fischer über die Lage informiert und ihnen gesagt, dass sie weiter ihre Netze auswerfen dürfen - vorerst. Manche stört, dass sie künftig jeden Tag an das Risiko erinnert werden: "Das Schiff liegt ja in Sichtweite, wir werden also jeden Tag dran vorbeifahren müssen", sagt einer.
Ähnlich äußern sich Hoteliers und Restaurantbesitzer an der Strandpromenade von Sidmouth. "Andererseits ist das natürlich neben der Schönheit der Region ein weiterer Grund für Touristen, hierher zu kommen", versucht einer von ihnen, die Sache positiv zu sehen.
Knapp 3500 Tonnen Öl sind schätzungsweise noch an Bord, etwa 50 Tonnen sind ins Meer geflossen. "Unsere schlimmste Befürchtung, dass ein Tank mit mehr als 200 Tonnen Kraftstoff ein Leck hat, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet", sagt Mark Rodaway, Einsatzleiter der Küstenwache. Die ausgelaufene Flüssigkeit sei benutztes Schmieröl. Experten hätten das vom Hubschrauber aus feststellen können. "Der Kraftstofftank, der ungefähr dort liegt, wo das Schiff beschädigt ist, scheint keinen Riss zu haben."
Neue Straßen zum Strand
Ungefähr eine Woche werde es dauern, bis die sechs Tanks leer gepumpt sind, erklärt Rodaway. "Die nächste schwierige Aufgabe ist es, die gut 3000 an Bord verbliebenen Container beziehungsweise einen Teil davon wegzuschaffen, um das Schiff in eine stabile Position zu bringen." Man habe dazu eine Spezialfirma aus den Niederlanden angefordert, deren Schiffe derzeit unterwegs nach England seien. "Gut möglich, dass es wegen der schwierigen Lage des Schiffes und wegen des Wetters tatsächlich bis zu ein Jahr dauern wird, bis alle Spuren des Unglücks beseitigt sind", sagt der Offizier.
Das 62.000-Tonnen-Containerschiff liegt nach wie vor mit Schlagseite einige hundert Meter von der Küste vor Sidmouth entfernt. Die Gefahr, dass das Schiff auseinander bricht, sinkt oder kippt, sieht Rodaway nur eingeschränkt. "Wir tun alles, was in unserer Macht steht, das zu verhindern. Hoffen wir also, dass alles gut geht", sagt er.
Bislang haben Tierschützer rund 70 ölverschmierte Vögel an den Stränden Südenglands registriert. "Wir wissen noch nicht, ob Giftstoffe wie beispielsweise Säuren aus Batterien in bedrohlicher Menge ins Meer gelangt sind", sagt Toby Stone, bei der Küstenwache für Umweltschutz zuständig. "Jedenfalls raten wir ausdrücklich davon ab, verendete Tiere oder gestrandete Waren anzufassen. Finder sollten sofort die zuständigen Behörden anrufen", sagt er. Das größte Problem an den Stränden sei derzeit aber nicht die Verschmutzung durch Öl und Gifte, sondern durch die Container und deren Inhalte. "Hier sind schon Teams bei der Arbeit", sagt er. Robin Middleton, für maritime Angelegenheiten zuständiger Regierungsvertreter aus London hatte gestern zugesagt, dass teilweise neue Straßen gebaut würden, damit Lastwagen und Bagger zum Strand kommen können.
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