Hamburg - "Guten Morgen, Schatz. Wie geht es dir heute?" Die Frage, mit der Minnie Smith ihre Tochter Christa Lilly begrüßt, ist jeden Morgen die gleiche. Die Antwort war es am Sonntag nicht. In den vergangenen sechs Jahren hat Lilly so gut wie nie geantwortet: Sie befindet sich in einem komaähnlichen Zustand, ihre Augen sind zwar geöffnet, aber reagieren oder selbstständig essen kann sie nicht. Seit Jahren wird sie im Heim ihrer Eltern in Colorado Springs im US-Bundesstaat Colorado gepflegt - meist ohne Reaktion ihrerseits.
Am Sonntag allerdings antwortete die 49-Jährige ihrer verwunderten Mutter. "Mir geht es gut", sagte sie. Es waren die ersten Worte seit acht Monaten, und es war das insgesamt fünfte Mal innerhalb von sechs Jahren, dass Lilly für kurze Zeit bei Bewusstsein war. Sie hat geredet, gegessen, gelacht, als sei seit dem 4. November 2000, an dem sie einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall erlitten hat, nichts passiert.
Drei Tage dauerte die wache Phase, am Dienstagabend fiel sie erneut in einen tiefen Schlaf: "Das war nicht das erste Mal, dass Christa aus dem Koma erwacht ist. Und jedes Mal, wenn sie zurückgefallen ist, ist sie für ungefähr zwei Tage in einen sehr tiefen Schlaf gefallen", sagte Minnie Smith den "Rocky Mountain News". "Nach diesem Schlaf wird sie dann langsam wieder wacher, aber nie so wach, wie sie war, als sie geredet hat."
In den wenigen Tagen, in denen Lilly bei Bewusstsein war, gab sie einem örtlichen Fernsehsender ein Interview: "Ich finde, es ist wunderbar. Ich bin so glücklich", sagte sie dem Sender KKTV. Selbst zu essen sei nach jahrelanger künstlicher Ernährung kein Problem. "Ich habe Kuchen gegessen", erzählte sie. Ihr größter Kampf sei, wieder sprechen zu können.
Der behandelnde Neurologe, Randall Bjork, sagte, er könne mit den gegenwärtig verfügbaren medizinischen Kenntnissen nicht erklären, warum seine Patientin kurzzeitig in der Lage war zu sprechen. Anders als im Fall von Terri Schiavo, in dem sich Familienmitglieder eine erbitterte gerichtliche Auseinandersetzung über die Abschaltung lebenserhaltender Maßnahmen lieferten, sei Lilly minimal bei Bewusstsein. Allerdings habe er ein solches Aufwachen noch nie gesehen. Es sei wahrscheinlich, dass Lilly auch in der Zukunft für kurze Zeit aufwache.
"Christa hat ganze Wörter gesprochen. Sie sprach zwar undeutlich, aber man konnte verstehen, was sie sagen wollte, und sie hat sich sehr angestrengt. Sie konnte alle Extremitäten bewegen und hat auf das reagiert, was man ihr gesagt hat", zitieren die "Rocky Mountain News" den Mediziner. Lilly habe ihm erzählt, dass sie sich an die Zeiten, in denen sie nicht bei Bewusstsein war, nicht erinnern könne. Sie habe gedacht, es sei das Jahr 1986, und erklärte, Bush sei Präsident - obwohl sie nicht sagte, ob sie Vater oder Sohn meine. Am Ende des Arztbesuches habe sie gesagt, sie wolle in einen Club gehen und tanzen. Dazu habe sie in ihrem Rollstuhl die entsprechenden Bewegungen gemacht.
Laut Bjork befindet sich Lilly in einem "Dämmerzustand". Vor allem Minnie Smith habe einen großen Anteil an dem Erwachen ihrer Tochter: "Ihre Mutter hat sich in unglaublicher Weise in den vergangenen sechs Jahren um ihre Tochter gekümmert". Nachdem ihre Tochter wieder in den vegetativen Zustand gefallen war, sagte Smith: "Der liebe Gott hat mich wissen lassen, dass es ihr gut geht. Er bringt sie hin und wieder zurück, und ich bin dankbar dafür."
han/AP
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