Von Manfred Ertel und Felix Zeltner
Alles an Kristina Bøjstrup Djarling ist gelebte Nächstenliebe. "Mein Herz hat geweint", sagt die 31-jährige Dänin und spricht vom Elend der Straßenkinder in Indien. "Ich möchte mehr Gutes tun", sagt sie und redet von der Verderbtheit der Jugend zu Hause.
"Ich habe Gott getroffen", wiederholt sie engelsgleich, wenn sie von ihrer Mission spricht: Die Welt verbessern, heute in Dänemark und morgen in der ganzen Welt. Dann streicht sie ihre langen blonden Locken aus der Stirn, ihre goldenen Ohrringe leuchten wie ihre großen blauen Augen.
Kristina ist Jugend- und Straßenpastorin der dänischen Freikirche "Faderhuset" (Haus des Vaters) und so etwas wie deren Chefagitatorin. Ihre Tante Ruth Evensen, 58, ist Anführerin der obskuren Sekte. Und zusammen sind sie das derzeit größte Politikum des Landes, das für Aufregung in halb Europa sorgt.
Die Christentruppe war Eigentümerin des besetzten Hauses im Kopenhagener Szenestadtteil Nørrebro, das als Jugendzentrum "Ungdomshuset" europaweit Schlagzeilen machte. Als sie es im Namen Gottes erst räumen und dann, Anfang März, abreißen ließ, brannten im Viertel Barrikaden und Autos, Hunderte Jugendliche wurden nach Straßenschlachten verhaftet. In 20 deutschen Städten, aber auch in Bern, Oslo oder Amsterdam demonstrierten Anhänger ihre Sympathie, Autonome organisierten Krawalle.
"Gott hat uns auferlegt, um dieses Haus zu kämpfen"
In der Altbaufassade von Nørrebro klafft inzwischen ein großes Loch und in der Dänen-Metropole eine Glaubwürdigkeitslücke. Denn eigentlich hatte die Stadt das Haus mit dem Jugendzentrum an ein kleines Unternehmen veräußert und einen Weiterverkauf strikt untersagt. Doch die Verträge waren so dilettantisch, dass Faderhuset einfach die Aktien übernahm und damit das Unternehmen schluckte, die begehrte Immobilie inklusive.
"Gott hat uns auferlegt, um dieses Haus zu kämpfen", sagt Ruth Evensen. Sie nennt sich "Frau Gottes" und ist die oberste Heilige der Truppe. Jetzt will sie zurückkehren in den Stadtteil ihrer Wurzeln, "wo unsere christliche Mission zuhause ist". So sagt sie es jedenfalls offiziell.
Intern hört sich das etwas anders an. Dann wettert sie gegen eine "von Dämonen besetzte Jugend" und feiert, wie auf einem Siegesgottesdienst nach dem Abriss, trotz Gästen und Ohrenzeugen von der Universität Roskilde ihren Erfolg als "Sieg Gottes über Satan".
Die Sekte wurde Ende 1990 gegründet und profitiert seither von den äußerst liberalen Bestimmungen in Dänemark. Die bieten Raum für inzwischen Hunderte Frei- und Kleinstkirchen. Ihr Gemeindehaus ist ein trister Industrieschuppen im Außenviertel Rødovre. Hinter einem kommunalen Jobcenter und verschlissenen Gardinen verbirgt sich ein schmuckloser Veranstaltungssaal, in dem die Gottesdienste stattfinden. Einziges christliches Insignium ist eine Art göttlicher Wandteppich: "King of Kings" steht in großen Goldlettern darauf und "Lord of Lords".
Keine Freunde, keine Bücher, keine Rockmusik
Die Andachten sind nach Berichten von Teilnehmern eine Mischung aus fundamentalistischer christlicher Missionierung, Magie und Musik. "Mehr Freistil", nennt das Ruth Evensen, wenn Hardrock-Klänge und HipHop-Rhythmen einer eigenen Band mit Leadsängerin Kristina und christlicher Fundi-Lyrik die gut hundert Zuhörer einpeitschen. Und Sektenmitglieder in Trance, Ekstase oder laute Verzückung geraten.
Per Unterschrift müssen sich die Mitglieder der Sektenführung bedingungslos ausliefern und unterwerfen und, so Pastor Niels Underbjerg, "absoluten Gehorsam" versprechen. Zuwiderhandlungen werden mit rituellen Beschwörungen bis zur Gehirnwäsche und symbolischen Teufelsaustreibungen geahndet. Steffen war 15, als er langsam in die Fänge der Freikirche geriet. Nach einer schweren Kindheit und dem Tod seines Vaters nahmen ihn Ruth und Knut Evensen quasi an Kindes statt auf. "Ich war eine leichte Beute", sagt Steffen heute, aber auch: "Sie haben viel an mir verdient" - er meint zum Beispiel die Sozialhilfe, die sie für ihn kassierten.
Steffen musste seinen Freunden entsagen, seinen Büchern, seiner Lieblingsband, den Hardrockern Metallica. Er durfte nicht arbeiten. sondern "nur der Kirche dienen". Als er doch einmal mit Metallica erwischt wurde, vergaß Kristina allen Charme. Sie schüttelte ihn und schrie "'Satan komm raus' - sie versuchten mich zu exorzieren".
Machtgier, Manipulation und Hochmut
Heute ist Steffen 24, depressiv und arbeitsunfähig. Er wartet auf seinen Rentenbescheid wegen Erwerbsunfähigkeit. Der Kopenhagener Pastor Underbjerg betreute etwa 70 Ex-Mitglieder wie Steffen. Underbjerg ist Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche. Er stellte fest, dass die Sekte bei vielen zum "psychischen und physischen Zusammenbruch geführt" hat.
Als "sehr gefährlich", bezeichnet sie auch Psychoanalitiker Cyril Malka, der ebenfalls Aussteiger behandelt: "Die Leute, die zu mir kommen, haben ihr Gesicht verloren, ihre Zukunft, ihre Vergangenheit, ihr soziales Netz, alles".
Finanziert wird der missionarische Haufen durch die Ausbeutung der eigenen Mitglieder und ein undurchsichtiges Geflecht von kleineren Firmen, deren Erlösen und Steuertricks. Über eines dieser Unternehmungen, World Mission Aid, betreibt Kristina Bøjstrup Djarling für die Sekte ein Kinderheim im Südosten Indiens. Drei weitere sollen Anfang April dazukommen. Sektenexperten nennen das Gesamtkonstrukt ein "Netz aus Machtgier, Manipulation und Hochmut".
"Gott hat große Pläne"
Für Juni hat Faderhuset eine Missionstournee durch Deutschland, Frankreich und Italien geplant, erzählt Kristina, "wir wollen die Jugend in Europa erreichen".
Los geht's schon jetzt im kleinen Nordland. "Wir wollen Dänemark verändern", sagt Ruth Evensen, das ist Drohung genug. Denn sie sagt auch, "wir haben unsere eigene Interpretation der gesellschaftlichen Entwicklung". Und das stimmt. Homosexualität, Pornografie, Abtreibung, Prostitution, "satanisches Kinderspielzeug" - die Agenda ihrer nächsten Feldzüge ist lang. Und wird Kopenhagen noch viel Freude machen. "Homosexualität ist die gleiche Sünde wie Lügen, Diebstahl und Verbrechen", sagt Missionarin Kristina quasi zur Einstimmung.
"Gott hat große Pläne mit Faderhuset" (Evensen), und die hat gleiches mit dem Bauloch in Nørrebro. Ein Missionszentrum soll hier entstehen, Hort der Erweckung, mit Konzert- und Theatersaal, Gebetsräumen, vielleicht ein Café und auch Wohnungen.
Das wollen inzwischen sogar christliche Glaubensbrüder verhindern. Die Sekte "missbraucht den Namen Gottes", sagt Pastor Ivan Larsen von der evangelischen Staatskirche. Die Sekte respektiere nicht, dass in Nørrebro immer unterschiedlichste Menschen friedlich und ungestört zusammenleben konnten. "Mein Gott vergibt ihr", sagt Pastor Larsen dann, "ich nicht".
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