Von Uwe Buse
Der Korrektor George Turklebaum starb an einem Montag an seinem Arbeitsplatz. Als sein Herz das letzte Mal schlug, war Turklebaum 51 Jahre alt, und er saß an seinem Schreibtisch im Großraumbüro einer New Yorker Firma. Er teilte dieses Büro mit 23 Kollegen, und niemand merkte, dass Turklebaum irgendwann an diesem Tag eines schmerzhaften Todes starb. In den Unterlagen notierte der Arzt später Herzinfarkt. Am Abend verließen Turklebaums 23 Kollegen das Büro, und niemand fragte, wann er denn gehe.
Am nächsten Morgen erschienen die 23 wieder zur Arbeit, am Abend gingen sie, und niemand wunderte sich, dass Turklebaum sich nicht bewegt, nicht geredet, nicht telefoniert hatte und nicht zum Klo gegangen war. Auch am Mittwoch und Donnerstag zog die Karawane durch das Büro, ohne Turklebaum zu grüßen oder sich von ihm zu verabschieden. Am Freitag änderte sich das auch nicht.
Erst am Samstag näherte sich Turklebaum ein menschliches Wesen. Eine Putzfrau fragte, was ihn denn am Wochenende im Büro halte, und die Frau entdeckte, dass auf dem Stuhl kein Mann mehr saß, sondern eine Leiche.
Elliot Wachiaski, Turklebaums Boss, sagte später: "George war morgens immer der Erste und abends der Letzte. Er redete nie viel und war immer in seine Arbeit versunken. Deshalb wunderte sich niemand, dass er die ganze Zeit einfach so dasaß." Turklebaum arbeitete 30 Jahre lang für seine Firma.
Diese Geschichte veröffentlichte der "Sunday Mercury", eine britische Zeitung, am 17. Dezember 2000 auf der Seite neun. Der Text zählte 166 Wörter, die Überschrift lautete: "Arbeiter fünf Tage lang tot an seinem Tisch". Das Wort "fünf" druckte die Zeitung in Großbuchstaben.
Ende Januar veröffentlicht die Zeitung einen zweiten Artikel über George Turklebaum. Der Text zählt 514 Wörter, die Überschrift lautet: "Wir waren die Ersten!" Der Autor: Bernard Cole, ein Redakteur des Blattes. Cole schreibt: "Wir schätzen, dass die Geschichte des armen George als E-Mail über 100.000-mal verschickt wurde. Wir hatten Anfragen aus so entfernten Orten wie Amerika und Frankreich. Jeder fragt, ist diese Geschichte wahr, und wo hat der 'Sunday Mercury' sie gefunden?" Cole gibt die Antwort selbst: "Natürlich ist diese Geschichte wahr! Sie stammt von Keith Chalkley, einem Mann, der oft merkwürdige Geschichten in allen möglichen Ecken der Welt findet." Ruft man Cole an, um zu erfahren, ob die Geschichte wirklich stimmt, ist das Gespräch kurz und der Ton sehr nüchtern. Cole verweist auf den Urheber der Geschichte, einen freien Journalisten.
Zu den Tausenden, die per E-Mail von George Turklebaums ungewöhnlichem Ende erfuhren, gehört Barbara Mikkelson. Sie lebt in der Nähe von Los Angeles, und ihr Hobby ist das Enttarnen von Falschmeldungen in Zeitungen.
Mikkelson wundert sich, dass eine britische Zeitung über Turklebaum schrieb. Turklebaum starb angeblich in New York. Warum kann sie sich an keinen Artikel in einer amerikanischen Zeitung erinnern? Mikkelson sucht in US-Zeitungsarchiven nach Turklebaum und findet ihn nicht. Sie sucht im Internet nach einem Nachruf. Nichts. Sie gibt seinen Namen in eine Datenbank ein, in der jeder tote Amerikaner zu finden ist, wenn er eine Sozialversicherungsnummer besaß. Turklebaum arbeitete als Korrektor. Er muss eine Nummer besessen haben. Kein Turklebaum. Mikkelson lässt die Totenlisten des New Yorker Leichenbeschauers der Jahre 1999 und 2000 prüfen. Auch nichts.
Während Mikkelson Beweise für Turklebaums Existenz sucht, informieren die Londoner "Times", der "Daily Star", "Scotland on Sunday", der südafrikanische "Dispatch online" und der Berliner "Tagesspiegel" ihre Leser über Turklebaums einsames Sterben. Der "Tagesspiegel" bringt die Nachricht am 8. April. Die "Times" meldet den Tod von Turklebaum gleich zweimal. Am 11. Januar schreibt der Autor Martin Waller im Wirtschaftsteil 96 Wörter über den Toten. 13 Tage später folgt im Gesellschaftsressort der Text des Autors George Pendle. Er bringt es auf 503 Wörter.
Anruf bei Pendle in London: "Woher stammen Ihre Informationen?" "Äh, ich glaube, das war ein amerikanischer Journalist, der die Geschichte irgendwo gelesen hat." Anruf bei Waller, dem Autor des ersten "Times"-Artikels. Er antwortet: "Oh, der Artikel stand schon im vergangenen Jahr in den Zeitungen? Ich dachte, ich wäre der Erste. Meine Informationsquelle?" Eine Computertastatur klickert. Dann ist Waller wieder am Apparat: "In meinem Text steht ein Zitat. Das muss ich aus einem Artikel haben. Wahrscheinlich aus den USA. An mehr erinnere ich mich nicht." Der südafrikanische "Dispatch online" nennt Keith Chalkley als Autor, den freien Journalisten, auf den auch Bernard Cole verwies.
Anruf bei Chalkley: "Ja, ich habe die Meldung aus einer amerikanischen Zeitung." Er klingt schuldbewusst.
"Aus was für einer Zeitung?" – "Na ja, es ist eine sehr allgemeine Zeitung." Pause. Chalkley scheint an einer Zigarette zu ziehen.
"Was bedeutet das?" – "Nun, es ist eine Zeitung, die in den USA vor allem in Supermärkten verkauft wird."
"Eine Boulevardzeitung?" – "Ja, die 'Weekly World News'."
Die "Weekly World News" hat ihren Sitz in Boca Raton, Florida. Ein Redakteur bestätigt, dass seine Zeitung den Tod von Turklebaum veröffentlicht hat.
In der vergangenen Woche berichteten die "Weekly World News" auf ihrer ersten Seite, in der Nähe von Genf seien 960 Mitglieder einer Sekte an Bord eines Ufos gebeamt worden.
Das Buch "Die Quadratur des Kekses", aus der dieser Text aus dem Jahr 2003 entnommen ist, ist seit heute im Handel.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH