Doch bei der Knüppelorgie ließ es die Berliner Polizei nicht bewenden. Den flüchtenden Demonstranten setzten die Ordnungshüter mit einem Wasserwerfer nach; Greiftrupps in Zivil versuchten, unter der Devise "Füchse jagen", sich mutmaßliche Rädelsführer zu schnappen. Zu einem dieser Greiftrupps zählte der Kriminalbeamte der Politischen Polizei, Karl-Heinz Kurras, der auf einem Parkplatz unter einen Neubau in der Krummen Straße flüchtenden Studenten nachsetzte. Auf diesen Parkplatz lief auch der Germanistik- und Romanistikstudent Benno Ohnesorg. Unter welchen genauen Umständen Kurras dann Ohnesorg mit einem Kopfschuss aus seiner Pistole des Typs Walther PPK tötete, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.
Es spricht allerdings vieles dafür, dass Ohnesorg erschossen wurde, während er gerade von Polizisten verprügelt wurde. Jedenfalls hörten Zeugen, wie ein Kollege Kurras anherrschte: "Bist Du wahnsinnig, hier zu schießen?" - und Kurras darauf antwortete: "Die ist mir losgegangen."
Polizisten hinderten dann einen Arzt daran, sich um den Schwerverletzten zu kümmern. Ohnesorg wurde erst fünfzehn Minuten nach dem Kopfschuss von Sanitätern abtransportiert, die ihn dann noch einmal 45 Minuten durch die Stadt kutschierten, bevor sie ihn in einem Krankenhaus einlieferten. Dass Ärzte ihm dort genau das Knochenstück mit der Einschussstelle aus der Schädeldecke sägten und wegwarfen, ließ sich nur als weiterer Vertuschungsversuch verstehen.
"Die Geduld der Stadt ist am Ende"
Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz gab noch in der Nacht eine Erklärung heraus: "Die Geduld der Stadt ist am Ende." Ins gleiche Horn stießen auch die Zeitungen des Axel-Springer-Verlages. "Wer Terror produziert", kommentiert die "B.Z." in grotesker Verkehrung des Geschehens, "muss Härte in Kauf nehmen." Die "Bild"-Zeitung hetzte gegen die "SA-Methoden" der Studenten. Ohnesorg, so Springers Massenblatt, sei "nicht der Märtyrer der FU-Chinesen, sondern ihr Opfer".
Der West-Berliner Senat verhängte ein generelles Demonstrationsverbot über den "Freien Teil" der Stadt; Polizisten belagerten den Campus der Freien Universität. Der Schah gab dem Regierenden Bürgermeister Albertz beim Abschied noch den freundlichen Ratschlag: "Sie müssen viel mehr erschießen; dann haben Sie hier Ruhe."
Auch die West-Berliner Justiz legte es geradezu darauf an, dass Vertrauen der Studenten in sie zu zerstören. Fritz Teufel von der Kommune 1, den Polizisten vor der Oper übel zusammengeschlagen hatten, wurde des schweren Landfriedensbruchs beschuldigt. Erst nach über zwei Monaten und einem Solidaritätshungerstreik von Studenten wurde der Kommunarde vorübergehend aus der Untersuchungshaft entlassen.
Erschütterter Glaube
Der Todesschütze Kurras musste hingegen keinen einzigen Tag hinter Gittern darben. Der Kriminalpolizist erklärte standhaft, er sei von Demonstranten mit einem Messer bedroht worden - was allerdings keiner der zahlreichen Zeugen beobachtet hatte. Gleichwohl wurde er vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Kriminalbeamter weiter. "Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit, an die Unabhängigkeit des Gerichts", so erinnerte sich später Otto Schily, der an der Oper mitdemonstriert hatte, "der ging damals ziemlich den Bach runter".
Der 2. Juni 1967 wurde deshalb zur Initialzündung der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition, der Apo. Der Schuss auf Benno Ohnesorg war ein Schuss in viele Köpfe. Als der Leichnam des Studenten nach Hannover überführt wurde, begleiteten rund 15.000 Menschen den Sarg von der Freien Universität zum Kontrollpunkt Dreilinden. Dem Berliner SDS, der erst rund 200 Mitglieder hatte, traten in den folgenden Wochen 800 Studentinnen und Studenten bei.
Das Foto, das zur zeitgeschichtlichen Ikone des 2. Juni 1967 wurde, zeigt die Studentin Friederike Dollinger, wie sie neben dem tödlich verwundeten Ohnesorg kniet. "Ich dachte, ich schau dem Faschismus ins Gesicht", resümmierte sie später dieses Erlebnis. "Und das hat mich in eine mir eigentliche fremde Radikalität getrieben."
Uwe Soukup: "Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2. Juni 1967" , 272 Seiten, Verlag 1900 Berlin, 2007, 19,90 Euro
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