Könnern - Das schwerste Busunglück in Deutschland seit 15 Jahren hat nach ersten Erkenntnissen der Polizei ein unaufmerksamer Lastwagenfahrer ausgelöst, der vermutlich ungebremst auf den langsam fahrenden Bus auffuhr. Gegen den Unfallverursacher wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ihm werden die "Herbeiführung eines schweren Verkehrsunfalls und fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge" vorgeworfen, wie die Polizei mitteilte. "Geklärt werden muss, ob menschliches oder technisches Versagen vorliegt", sagte ein Sprecher der Polizei.
Der Lastwagen war auf den mit 49 Insassen besetzten Bus aufgefahren, der wegen eines anderen Unfalls langsamer fahren musste. Laut Polizei hob dabei der Lkw den Bus aus, so das dieser vom Fahrer nicht mehr gelenkt werden konnte. Der Bus kam von der Fahrbahn ab, stürzte einen Abhang hinunter und blieb auf dem Dach liegen. Zuvor hatte der Reisebus noch ein Auto touchiert, dessen Insassen unverletzt blieben.
In dem Bus war eine Seniorengruppe aus Hopsten in Nordrhein-Westfalen auf dem Weg zu einer Städtereise nach Dresden unterwegs. 13 Menschen kamen ums Leben, 36 wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Bislang war von 31 Verletzten die Rede gewesen. Laut Polizei schwebt keiner der Verletzten mehr in Lebensgefahr.
Bei den Getöteten handelt es sich um sieben Männer und sechs Frauen. Die Todesopfer waren im Alter zwischen 49 und 79 Jahren. Die Identifizierung der Leichen nahm mehrere Stunden in Anspruch.
Der Busfahrer war laut Polizei langsam gefahren, als der Lastwagen auffuhr. Der 46 Jahre alte Fahrer des Lastwagens wurde bei dem Unfall verletzt und kam in ein Krankenhaus. Zu seinem Gesundheitszustand wie auch der anderen Verletzten lagen der Polizei in der Nacht keine neuen Erkenntnisse vor.
Noch ist unklar, ob die Senioren angeschnallt waren
Der 65 Jahre alte Busfahrer ist der Inhaber des Busunternehmens aus Ibbenbüren. Der Mann, der bei dem Unfall einen Schock erlitt, ist nach Unternehmensangaben seit 1963 Busfahrer. Der vier Jahre alte Bus, der komplett mit Anschnallgurten ausgestattet war, hatte 48 Sitzplätze und war voll besetzt. Unklar war laut Polizei noch, ob die Gäste aus Hopsten angeschnallt waren.
Mit Hilfe des Fahrtenschreibers des Lastwagens wollen die Ermittler klären, wie lange der Lastwagenfahrer am Steuer gesessen hatte. Die Polizei hatte zunächst keine Hinweise darauf, ob der 46- Jährige womöglich vorgegebene Ruhezeiten nicht eingehalten hat.
Der Lastwagenfahrer war zum Zeitpunkt des Unglücks möglicherweise abgelenkt, sagte der Geschäftsführer der Straßenbaufirma aus Krefeld dem Nachrichtensender "n-tv" unter Berufung auf Kollegen. Der 46-Jährige habe wohl nach einer Flasche greifen wollen und deshalb die Bremslichter des vor ihm fahrenden Reisebusses zu spät bemerkt. Er habe dann noch gebremst und versucht, mit dem Laster dem Bus auszuweichen. Der Polizei lagen diese Angaben nach Aussage eines Sprechers nicht vor.
Zum Zeitpunkt des Unfalls war die Autobahn unübersichtlich
Das Fahrzeug kam am frühen Nachmittag auf dem Abschnitt der Autobahn 14 zwischen Plötzkau und Könnern in Sachsen-Anhalt von der Straße ab, stürzte eine Böschung hinab und blieb auf dem Dach liegen.
Viele Opfer wurden in dem Fahrzeugwrack eingeklemmt und konnten zum Teil erst nach Stunden geborgen werden. Hubschrauber brachten fast im Minutentakt Unfallopfer in Krankenhäuser nach Halle, Magdeburg und Leipzig. Allein in die Unfallklinik Bergmannstrost nach Halle wurden fünf Schwerverletzte geflogen, von denen laut der Klinik am späten Abend noch zwei in Lebensgefahr waren.
Zum Zeitpunkt des Unfalls war die Situation auf der Autobahn unübersichtlich, da fast an der gleichen Stelle auf der Gegenfahrbahn am Morgen ein Lastwagen umgekippt war. Wegen der Bergungsarbeiten war die Fahrspur eingeengt.
Nach den Aufräumarbeiten wurde die Sperrung in der Nacht aufgehoben, teilte die Polizei in Dessau mit. Seit 0.30 Uhr sei die Strecke wieder in beide Richtungen befahrbar. Nachdem die großen Trümmerteile abtransportiert worden waren, säuberten Kehrmaschinen die Fahrbahn. Der Verkehr war während der Autobahnsperrung umgeleitet worden. Dabei war es zu Staus auf umliegenden Landstraßen gekommen.
14 Notfallseelsorger kümmern sich um die Hinterbliebenen
Für die Angehörigen der getöteten und verletzten Menschen ist in der Gemeinde Hopsten ein Krisenzentrum eingerichtet worden. Seit gestern seien 14 Notfallseelsorger im Einsatz und kümmerten sich um die Hinterbliebenen, sagte ein Gemeindesprecher. Der Opfer sollte heute morgen bei einem katholischen Gottesdienst gedacht werden.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer und Nordrhein-Westfalens Regierungschef Jürgen Rüttgers äußerten sich bestürzt und sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus.
jjc/dpa/ddp
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