Von Sascha Klettke und Martin Sümening, Krümmel
Eine grüne Wiese auf der friedlich Schafe grasen, Fotografen haben es sich unter Bäumen gemütlich gemacht. Ihre Objektive sind auf den Brandherd gerichtet: Das Trafogebäude am Kernkraftwerk Krümmel in Geesthacht. Das hat vor kurzem noch heftig gebrannt: Flammen schlugen aus dem Trafo-Block, große, dunkle Rauchwolken stiegen in den Himmel. Jetzt, am frühen Abend, wird nur noch nachgelöscht und gekühlt. Routine für die Männer der Freiwilligen Feuerwehr, auch wenn der Brand nur etwa hundert Meter vom Reaktorgebäude entfernt ausgebrochen war.
Auf der Wiese mit den Fotografen steht Ivo Banek im Nadelstreifenanzug und erklärt in eine Kamera nach der anderen, dass es zwischen dem Feuer und dem Kernreaktor keinen Zusammenhang gibt. Banek ist Pressesprecher des Reaktorbetreibers Vattenfall Nuclear Energy. Immer wieder sagt er, die Trafos befänden sich zwar neben dem Maschinenhaus, der Reaktor sei aber noch ein ganze Stück und mehrere Schutzschichten entfernt. Und er wiederholt den Satz, der bei keinem Zwischenfall in einem Kernkraftwerk fehlen darf: "Es bestand keine Gefahr für die Bevölkerung."
Die sollte während des Feuers Fenster und Türen geschlossen halten. Nicht wegen möglicher Strahlung, sondern wegen der Rauchgase. Im benachbarten Ortsteil Tesperhude, einen knappen Kilometer vom Kraftwerk entfernt, haben das nicht alle mitbekommen. Die Durchsage kam nur im Radio, nicht von Lautsprecherwagen. In der kleinen Kneipe neben dem Minigolfplatz am Elbufer haben die Menschen vom Brand gehört. "Deswegen trinken wir auch gerade ein Bier", sagt ein Gast gelassen, "das beruhigt." Es wirkt allerdings nicht so, als sei er vorher sehr beunruhigt gewesen. Und eine Frau würde auch zur Flasche greifen, wenn es in Krümmel zum GAU käme: "Dann trinken wir eben unser letztes Bier."
Auch der Mann, der in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks wohnt und an diesem Abend im Blaumann Lackstellen an seinem Auto ausbessert, lässt sich vom Feuerwehr-Einsatz in der Nachbarschaft nicht aus der Ruhe bringen. "Wegen des Kernkraftwerks mache ich mir keinen Kopf. Die Dinger sind doch sicher. Da würde ich eher nicht neben einer Chemiefabrik wohnen wollen."
Gerhard und Bettina Boll sehen das deutlich weniger entspannt. Sie sind in der Ortsgruppe des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland aktiv und nach Krümmel gefahren, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. "Wie immer beunruhigend", finden sie den Brand auf dem AKW-Gelände. Schließlich sei eine Reaktor-Schnellabschaltung notwendig geworden, und die sei immer eine Sondersituation: "Da muss nur mal ein Ventil klemmen und dann geht es plötzlich um 20 Minuten wie in Forsmark", sagt Gerhard Boll. In dem schwedischen Kraftwerk war es im vergangenen Jahr zu einem schweren Zwischenfall gekommen.
Vattenfall-Pressesprecher Banek versichert, dass bei der Schnellabschaltung in Krümmel alles planmäßig lief. Mit ruhiger Stimme spricht er in die Mikrofone, nur seine Finger, die er die ganze Zeit gegeneinander reibt, verraten seine Anspannung. Routine ist so ein Brand am Kernkaftwerk auch für ihn nicht. Und dass gleich zwei Vattenfall-Kraftwerke am gleichen Tag schnell runtergefahren werden müssen, neben Krümmel noch das AKW Brunsbüttel im Westen von Hamburg, findet auch Banek ungewöhnlich: "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir das schon mal hatten."
Die Ursachenforschung an diesem Tag mit zwei abgeschalteten Reaktoren, Stromausfällen in Hamburg und einem Feuer wird ihn wohl noch einige Tage beschäftigen. Und auch die Menschen in Geesthacht werden wissen wollen, ob in Krümmel alles seine Ordnung hat. Vermutlich werden sie die Untersuchungsergebnisse mit Galgenhumor kommentieren.
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