Von Erich Follath
Hamburg - Der tibetische Mönch Padmasambhava hat vor mehr als 1200 Jahren eine erstaunliche Prophezeiung gemacht: "Wenn Eisenvögel durch die Luft fliegen, wird der Buddhismus Richtung Westen kommen." Er kam sogar schon früher: Schopenhauer und Nietzsche empfahlen die fernöstliche Religion als Alternative zu einem als langweilig und bedrückend empfundenen Christentum.
Schlegel warnte vor den Ideen Buddhas 1827 als die "verderblichsten für den menschlichen Geist" - immerhin, er kannte sie (oder meinte, sie zu kennen). Wagner wollte eine Buddha-Oper komponieren und die Nazis glaubten allen Ernstes, Tibet sei Zufluchtsort einer "arischen Wurzelrasse". Von der SS finanzierte Expeditionen sollten Reste von "nordisch-geistigem Adel" aufspüren.
Seine tibetische Heimat, von den KP-Führern in Peking besetzt, kann er zwar seit seiner Flucht vor 48 Jahren nicht mehr besuchen, aber der "Rest der Welt" liegt dem Mann mit dem Exil-Sitz im nordindischen Dharamsala zu Füßen. Manchmal freilich zweifelt der Gottkönig auch an seinen Anhängern: "Erwarten Sie von mir die Instant-Erleuchtung? Glauben Sie, ich erzähle Ihnen etwas von tantrischem Sex?", fragte er einmal beim Interview.
Die Zahl Sieben hat im Buddhismus eine besondere Bedeutung: Sieben Schritte hat der kleine Siddharta Gautama angeblich gleich nach seiner Geburt gemacht. Sieben Missverständnisse prägen auch die Meinung der Deutschen über den tibetischen Gottkönig.
Missverständnis eins: Der Dalai Lama würde es gern sehen, wenn der tibetische Buddhismus im Westen größere Verbreitung fände.
Überhaupt nicht. "Bleiben Sie beim Christentum, bei der Religion aus Ihrem Kulturkreis", sagt er. Den tibetischen Buddhismus betrachtet der Dalai Lama für Westler als eine Art "letzten Ausweg" und grenzt ihn von esoterischen Praktiken ab.
Keineswegs. "Es gab himmelschreiendes Unrecht, die tiefe Ergebenheit in den Buddhismus hatte auch Schattenseiten, Äbte bereicherten sich und unterdrückten teilweise die Gläubigen", sagt der Dalai Lama.
Missverständnis drei: Der Dalai Lama fühlt sich als Wiedergeburt des "Buddha des Mitgefühls" und kennt deswegen keine negativen Emotionen wie Jähzorn.
Teils, teils. Zwar akzeptiert er "nicht ohne Zögern" seine Wiedergeburt als Bodhisattva in der Reihe der Dalai Lamas, aber er bekennt auch Anflüge von Jähzorn, "offensichtlich von meinem Vater geerbt".
Missverständnis vier: Seine Politik der Gewaltlosigkeit und sein Verzicht auf tibetische Eigenstaatlichkeit sind bei den Tibetern allseits akzeptiert.
Von wegen. Der Tibetan Youth Congress drängt darauf, die chinesischen Besatzer zur Not auch mit Gewalt zu vertreiben. "Ich werde von der Politik der Gewaltlosigkeit nicht abweichen, aber das heißt nicht, dass diese Politik für alle Zeiten festgeschrieben ist", sagt der Dalai Lama.
Missverständnis fünf: Er glaubt bedingungslos an das System der Wiedergeburt und denkt bereits darüber nach, was er zur Auffindung des nächsten Gottkönigs beitragen könnte.
Unkorrekt. "Vielleicht bin ich der letzte Dalai Lama, vielleicht wird es nach dem Verlassen meiner sterblichen Hülle zwei Dalai Lamas geben, darunter einen von Pekings Gnaden", sagt er. "Das Volk wird entscheiden, ob es noch einen weiteren Dalai Lama geben soll, ich fühle mich heute schon halbpensioniert."
Missverständnis sechs: Er beobachtet das ständig wachsende Konsumangebot in der von Pekings KP beherrschten "Autonomen Region Tibet" mit großem Misstrauen.
Nur zum Teil richtig. Zwar sieht der Dalai Lama die Gefahren eines "spirituellen Genozids" in seiner Heimat und verurteilt die Einschränkungen der Religionsausübung scharf, aber die Verbesserung der Lebensverhältnisse begrüßt er. "Seid so fleißig und tüchtig wie die chinesischen Händler", sagt er.
Missverständnis sieben: Er setzt für die Zukunft Tibets und seine mögliche Rückkehr nach Lhasa vor allem auf die Unterstützung des Westens.
Ganz bestimmt nicht. Der 14. Dalai Lama hat als Realpolitiker längst erkannt, dass kein westlicher Staatsmann sich wegen Tibet mit der wirtschaftlichen Großmacht China anlegt - allerdings sind die "Abstufungen der Feigheit" durchaus erheblich: In Deutschland fühlt sich der Dalai Lama auch deshalb wohl, weil sich Politiker unterschiedlichster Couleur für den tibetischen Freiheitskampf einsetzen. Wenn sich Seine Heiligkeit am Donnerstag ins Goldene Buch der Stadt Hamburg eintragen darf, dann ahnt er, welcher Kampf einer solchen "Aufwertung" vorangegangen sein muss.
Tibetischer Gottkönig, Friedensnobelpreisträger, spiritueller Superstar - wer ist der Mensch hinter dem Klischee des Dalai Lama? Lesen Sie mehr zum Thema in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL sowie in dem eben erschienenen Buch "Das Vermächtnis des Dalai Lama" von SPIEGEL-Reporter Erich Follath.
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