Von Oliver Rahayel
Aachen - Wer in der Justizvollszugsanstalt Aachen einsitzt, hat einiges auf dem Kerbholz: Mord, Drogenhandel, Brandstiftung mit Todesfolge, organisierte Kriminalität, Kindesmissbrauch. Die mehr als 800 Gefangenen sind zu langen Haftstrafen verurteilt, viele sitzen lebenslänglich, einige müssen mit anschließender Sicherungsverwahrung rechnen. Ausgerechnet in dieser Hochsicherheitsanstalt im Aachener Industriegebiet findet im Oktober ein bundesweit einzigartiges Experiment statt: Gourmetküche für externe Gäste, zubereitet unter der Aufsicht eines bekannten Aachener Edelkochs, serviert von Langzeitgefangenen.
Zwar gibt es in der JVA Aachen eine riesige Küche, nicht aber einen Speisesaal für die Gefangenen. Weil die Anstaltsleitung große Ansammlungen vermeiden möchte, essen die Häftlinge "auf Zelle". Daher wird die Beamtenkantine als temporäres Knastrestaurant dienen. Sie liegt im ersten Stock, gleich hinter dem Haupteingang, und ist der einzige größere Raum, der freie, von Gitterstäben unbeeinträchtigte Sicht nach draußen erlaubt.
Deshalb drängt Hermann S., 50, darauf, zur Besichtigung mitkommen zu dürfen. Der ehemalige Kokaingroßhändler sitzt seit acht Jahren in Aachen und ist einer der Mitinitiatoren des Restaurants hinter Gittern. Zusammen mit der stellvertretenden Gefängnisdirektorin Brigitte Kerzl entwarf er ein Konzept, das in erster Linie die Kochkurse der Anstalt finanzieren sollte. Denn manche Teilnehmer, besonders die arbeitslosen, können sich die teuren Zutaten nicht leisten.
Im jüngsten, sechstägigen Kursus unter der Anleitung externer Köche galt es immerhin, Schlemmereien wie Lammfilet in Rosmarinjus oder Entenbrust mit karamellisierten Kirschen zu zaubern. Alle elf Teilnehmer jenes Kurses wirken nun auch beim Restaurantprojekt mit, fünf davon beim Service.
"Für uns ist das wie eine Prüfung", sagt Kursteilnehmer S., der laut Anstaltskochbuch für "südamerikanische und spanische Akzente" sorgt. Denn zum ersten Mal werden in gut zwei Monaten auswärtige Besucher die Kreationen der Knackis probieren. Dass genug Geld hereinkommt, ist so gut wie sicher. Immerhin 75 Euro kostet jeden Gast das Vergnügen - und rund 70 Gäste werden geladen.
Vor der Zimtzabaione: Stahltüren und Metalldetektor
Viele Behördenleiter werden darunter sein, so Kerzl, etwa vom Landgericht, der Polizei oder der Staatsanwaltschaft, und auch der Oberbürgermeister, zugleich Schirmherr des Projektes, wird erwartet. Persönlichkeiten der Aachener Wirtschaft sowie der Intendant des Schauspielhauses stehen ebenfalls auf der Gästeliste. Nicht zuletzt auf Geheiß des Maître de Cuisine, Maurice de Boer, unter dessen Leitung an jenem Herbstabend gebrutzelt wird. Der holländische Chefkoch des angesehenen "Ratskellers" will "Menschen helfen, die sich bessern wollen". Gleichzeitig hat er derart viele Verbindungen in die Aachener Gesellschaft, dass, um niemanden zu übergehen, mindestens ein zweiter Abend "nicht ausgeschlossen" ist, erklärt Kerzl.
De Boer arbeitet nicht nur unentgeltlich, ebenso wie die Kochkursleiter, er spendet auch die edlen Zutaten, die zu einer bereits festgelegten, ansehnlichen Menüfolge führen werden: darunter St. Petersfisch auf lauwarmer Ratatouille, Spanferkelkeulchen, Printenparfait mit Aprikosen und Zimtzabaione. Für das Raumambiente stellt sich die Juristin Kerzl gedimmtes Licht und Kerzenschein vor, Tischläufer und Tischdecken. S. hält dagegen: "Man darf es nicht überfrachten, wir sind hier nicht im 'Ratskeller'", was zweifellos den morbiden Reiz des Abends ausmachen wird.
Dass die Gäste den Charakter des Hauses übersehen werden, ist zwar kaum zu befürchten angesichts der abweisenden Siebziger-Jahre-Architektur sowie der Schleuse mit Stahltüren und Metalldetektor, durch die jeder Besucher hindurch muss. Vor dem Abendessen wird es eine Anstaltsführung geben. Spätestens die endlosen, kahlen Flure des Zellentraktes mit den zahllosen weißen, mit Gucklöchern versehenen Türen werden die hungrigen Herrschaften wohl erschaudern lassen.
Das Restaurantprojekt ist Teil eines ambitionierten Kulturprogramms, das die Aachener Anstalt auszeichnet. Seit rund acht Jahren bietet sie Konzerte und Theateraufführungen auswärtiger Künstler, aber auch Aktivitäten für die Häftlinge selbst, wie etwa klassischen Klavierunterricht, an dem bis zu sechs Interessierte teilnehmen können. Rund ein Viertel ihrer Dienstzeit stecke sie in diese Kulturarbeit, erklärt Kerzl.
Hermann S., einziger hauptberuflicher Redakteur der Anstaltszeitschrift "Printe", hat darüber hinaus einen neuen Trend entdeckt: hin zu kommerziell gefärbten Knastprojekten. So schneidern Berliner Gefangene unter dem Label "Haeftling" Kleidung und verkaufen sie im Internet. In diese Rubrik fällt offensichtlich auch das Knastrestaurant. All diese Projekte dienten jedenfalls dazu, so S., dass die Verurteilten, die oft in Lethargie und Depression gefangen seien, wieder verantwortliches Handeln lernen. Zudem, glaubt Kerzl, lösen die Aktivitäten "den Antagonismus zwischen Gefangenen und Anstaltsleitung" und wecken gegenseitiges Vertrauen.
Ganz ohne Vorbild ist das Projekt nicht. Im toskanischen Volterra kochen Mafiosi und andere Schwerverbrecher regelmäßig für auswärtige Gäste. Die deutschen Behörden haben gegen das Aachen-Projekt bislang nichts einzuwenden, sie hatten jedoch bisher auch keinen Grund dazu: "Das Justizvollzugsamt wird informiert", sagt Kerzl selbstbewusst, "und gibt die Information eventuell weiter." Der Handlungsspielraum der JVA ist also selbst für spektakuläre Projekte wie dieses groß genug.
Außer den Einwänden konservativer Politiker gegenüber liberalem Strafvollzug könnten auch Sicherheitsbedenken zutage treten, aber Kerzl winkt ab: "Nur psychisch stabile Gefangene" nähmen an den Kursen wie auch an dem Restaurantabend teil. Beamte seien ja auch zugegen, und an Ausbruch sei in dieser Anstalt ohnehin nicht zu denken. "Wir hatten hier noch nie Schwierigkeiten", so Kerzl. Die gitterlosen Fenster der Kantine sind schließlich aus Panzerglas, und zu trinken gibt es nur alkoholfreien Wein.
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