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09.08.2007
 

Therapie-Tagebuch

Ein letzter Gruß vom Teufelszeug

Es ist vollbracht: SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem hat sich die letzte Spritze gesetzt. Ein Jahr voller Leiden, Mühe, Aufs und Abs liegen hinter ihm. Die Medikamente verabschieden sich mit einem fiesen letzten Gruß: dem Wolf-im-Märchen-Gefühl.

Es ist soweit, endlich. Es ist Freitagabend, die letzte von 48 Interferonspritzen liegt auf meinem Tisch und wartet auf die Injektion. Anschließend muss ich noch eine Woche Tabletten schlucken, dann ist es geschafft. Kaum zu fassen, dass die oft endlos scheinenden Monate bald hinter mir liegen. Ich habe diesem Moment entgegengefiebert, war sogar versucht, mir diese letzte Spritze schon am Donnerstagabend zu setzen - die Behandlung hinter mich bringen, so schnell wie möglich. Aber ich habe mehr als elf Monate durchgehalten, da kommt es auf den einen Tag nicht an. Sollte man zumindest meinen.

Kalendereintrag für die letzte Spritze: Finaler Abschiedsgruß
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Jörg Böckem

Kalendereintrag für die letzte Spritze: Finaler Abschiedsgruß

Dennoch, die letzten Tage stellen meine Geduld und Disziplin noch einmal auf eine harte Probe. So scheint es vielen zu gehen - Simone erzählt, dass ihr Arbeitskollege, der erst kürzlich seine Hepatitis-C-Behandlung hinter sich gebracht hat, in der letzten Woche auf die Tabletten komplett verzichtet habe. Und Bernd hat sich seine letzte Spritze im vergangenen Jahr an einem Donnerstagabend gesetzt, drei Tage später saß er abends mit seiner Freundin in einem Restaurant, bestellte sich ein Bier und entschied, die Tabletten für die letzten Tage wegzulassen.

Die letzte Spritze drückt mich noch einmal mit großer Kraft nieder, ein finaler Abschiedsgruß, als wolle sich das Medikament in meinem Gedächtnis festschreiben. Am Samstag kommt die Erschöpfung. Ich schleppe mich durch die Welt wie der Wolf im Märchen, als sei mein Bauch mit Wackersteinen gefüllt. Die Einkaufstüte schwer wie die Zementsäcke, die ich in meiner Jugend auf Baugerüste gewuchtet habe.

Seid gegrüßt, Nebenwirkungen!

Am Donnerstag habe ich Kiara und Mira zum Bahnhof gebracht, die beiden Mädchen waren einige Tage zu Besuch. Wie üblich wollte ich Kiaras Tasche tragen, sie ist das Kind, ich bin der Erwachsene. Doch nach wenigen Minuten musste ich passen, die Mädchen mussten mir die Tasche abnehmen. Mit dieser Umkehr der Rollenverteilung zurechtzukommen, ist gar nicht so leicht, vielleicht ein Vorgeschmack auf das Alter.

Das letzte Tief vor dem zu erwartenden Hoch, ich fühle mich, als sei ich in eine Schrottpresse geraten. Auch die roten und schuppigen Stellen in meinem Gesicht sind wieder da, die Schlafstörungen, der Durchfall. Seid gegrüßt, Nebenwirkungen, ein letztes Mal! Bald bin ich euch los, hoffentlich für immer. Die Medikamente zeigen sogar angenehme Folgeerscheinungen: Mein chemieverseuchtes Blut schmeckt den Mücken scheinbar nicht. In diesem Jahr bin ich noch nicht einziges Mal gestochen worden. Wenn wir in Bernds Garten Karten spielen, bin ich der einzige, der von den Biestern verschont bleibt.

Eine Leserin schreibt mir in einer Mail, nach Ende der Behandlung habe sie sich wie befreit gefühlt - körperlich, seelisch und geistig, viel besser sogar als vor der Therapie. Ein Gefühl, als sei sie 20 Jahre im Keller gefangen gewesen und würde endlich Tageslicht sehen. Sie denkt, das Virus habe ihr Leben, Denken und Fühlen in den Jahren vor der Behandlung stark überschattet.

Lust auf die Zukunft

Allerdings - so ein Happy End gibt es nicht immer. Eine andere Leserin berichtet, für sie habe nach der Behandlung der Krankheitsmarathon erst begonnen. Noch Monate nach der Therapie leidet sie an Gelenkschmerzen, Nachtschweiß und Schlafstörungen, außerdem seien Muskelkrämpfe, Wundheilstörung, Schilddrüsenunterfunktion, Juckreiz und Ausschlag dazu gekommen. Eine Alptraumvorstellung. Aber ich glaube fest daran, dass alles gut ausgehen wird.

Am Sonntag kommt mein Bruder mit Frau und Kind zu Besuch. Auch wenn Lebensrhythmus, Lautstärke und Geschwindigkeit meines dreieinhalbjährigen Neffen nicht immer mit meinem Zustand harmonieren - es ist toll, ihn um mich zu haben. Er lenkt mich ab, bewahrt mich davor, ungeduldig wie ein Kind vor Weihnachten die letzten Stunden zu zählen, und macht Lust auf die Zukunft.

Am Mittwochnachmittag bekomme ich die Ergebnisse der abschließenden Blutuntersuchung. Ein Leberwert ist leicht erhöht, kein Grund zur Sorge. Die Schilddrüsenwerte sind normal, ich hatte auf Grund meiner Gewichtszunahme eine Unterfunktion befürchtet, eine verbreitete und leider dauerhafte Nebenwirkung der Hepatitis-C-Medikamente. Und das Wichtigste: Die Viruslast in meinem Blut ist nach wie vor unterhalb der Nachweisgrenze. "Das weist auf einen dauerhaften Erfolg hin", sagt mein Arzt. In sechs Monaten werde ich es genau wissen. Und nächste Woche um diese Zeit wird es mir deutlich besser gehen, da bin ich sicher.


In der kommenden Woche schließt Jörg Böckem seine Kolumne "Freitags Gift" ab - mit einem Rückblick auf das Jahr der Hepatitis-C-Therapie.

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