Von Julia Jüttner
Es habe sich so angefühlt, als sei "der Krieg wieder da", erinnert sich die Vietnamesin Phuong Kollath, die selbst einst in der Mecklenburger Allee 18 wohnte, im Gespräch mit SPIEGEL TV. Befreundete Vietnamesen berichteten ihr, wie sie sich in dem Hochhaus verschanzten: "Wir haben so getan, als sei niemand mehr im Haus, als würde es sich nicht lohnen zu schreien, Beifall zu klatschen oder einen Brandanschlag verüben zu müssen", hätten ihre Freunde damals erzählt.
Aus nächster Nähe dokumentiert ein Reporter-Team der ZDF-Sendung "Kennzeichen D" die Menschenhetze: Gemeinsam mit den Vietnamesen sind die Journalisten in dem Hochhaus von Flammen eingeschlossen.
Rosemarie Melzer, eine Nachbarin, beobachtet fassungslos die Szenen, die sich vor ihren Augen abspielen, und wählt den Notruf. Ihr Gespräch wird aufgezeichnet: "Es brennt! Die Polizei ist mit anderen Dingen beschäftigt." Die Reaktion des Mannes in der Leitstelle beunruhigt sie noch mehr. Man werde sich darum kümmern, antwortet eine müde Stimme am anderen Ende. "Ich hörte die Resignation aus seinen Worten." Vor Ort kommen die Retter nicht an das brennende Haus heran. Die Brandstifter hindern die Feuerwehr über eine Stunde lang an den Löscharbeiten. Im dichten Steinhagel müssen sich die Feuerwehrmänner wieder zurückziehen.
Den im Haus eingeschlossenen Menschen gelingt es, aufs Dach des Gebäudes zu fliehen. Gebückt verharren sie dort, um von unten nicht entdeckt zu werden. Von dort gelangen sie in eines der Nachbarhäuser. Die Flüchtenden zittern vor Angst. Anwohnerin Melzer gewährt einigen Zuflucht. Als sie mit SPIEGEL TV darüber spricht, kämpft sie mit den Tränen - 15 Jahre später sind die Szene noch immer so präsent wie damals.
Mit dem Horror von damals kommen auch viele der Polizeibeamten nicht klar. Bis heute haben einige das Versagen der Staatsgewalt nicht verarbeitet. Einer berichtet SPIEGEL TV, er habe - als er bereits auf dem Heimweg nach Hamburg war - erst von seiner Frau am Telefon vom Ausmaß der Krawalle erfahren. Sie sei vor dem Fernseher dem Geschehen näher gewesen als der Beamte vor Ort. "Wie? Ihr fahrt zurück?", fragte sie ihn entsetzt. Hans-Heinrich Heinsen, damals Leiter des Landespolizeiamtes von Mecklenburg-Vorpommern, räumt im Interview ein: "Möglicherweise hat unsere Polizei nicht sofort erkannt, was da vorne eigentlich los ist."
"Fremdenfeindlichkeit ist noch immer an der Tagesordnung"
Nach dem Schock von Rostock-Lichtenhagen haben viele Menschen das Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen, etliche Bürgerinitiativen gegen Rechts bilden sich. Ein Jahr später werden viele Randalierer wegen versuchten Mordes, schwerer Brandstiftung oder Landfriedensbruch verurteilt. Den letzten Tätern wird im November 2001 vor dem Schweriner Landgericht der Prozess gemacht. Er endet mit Bewährungsstrafen wegen Mordversuchs und schwerer Brandstiftung. Insgesamt kommt es zu weit mehr als 30 Prozessen. Das Ergebnis: rund 40 Verurteilungen und Strafbefehle.
Heute leben noch mehr als 7000 Ausländer in Rostock, rund 800 davon stammen aus Vietnam. 15 Jahre nach Lichtenhagen scheint bei den Opfern nichts vergessen. Ausländerhass schlägt ihnen noch immer entgegen. "Fremdenfeindlichkeit ist immer noch an der Tagesordnung", sagt die Vietnamesin Phuong Kollath. Man spüre den Hass täglich - auf dem Wochenmarkt, im Freibad, auf der Straße.
Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr kam die NPD in Lichtenhagen auf 6,1 Prozent, im Landesdurchschnitt sogar auf 7,3 Prozent. Im Landtag sitzen sechs Abgeordnete der Rechtsextremen. "Wenn man die Kinder so erzieht, wie es sich gehört, dürfte so etwas nicht noch mal kommen", sagt eine ältere Rostockerin im Gespräch mit SPIEGEL TV und erklärt direkt im Anschluss, dass ihrem Enkel von einem "Zuwanderer" das Handy geklaut worden sei. Auch wenn er es wieder bekommen habe - "wir müssen uns das nicht gefallen lassen".
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