Von Gerd Höhler, Athen
Jetzt hat die Flammenhölle, die seit Freitag in weiten Teilen Südgriechenlands wütet, auch die Hauptstadt Athen erreicht. Am östlichen Stadtrand der griechischen Metropole brachen am Samstagnachmittag mehrere große Brände aus. "Ich habe keinen Zweifel, dass es sich um Brandstiftung handelt", sagte Nikos Diamantis, ein Sprecher der griechischen Feuerwehr.
Eine riesige Rauchwolke verdunkelte den Himmel über der Stadt und tauchte die Viermillionenstadt in ein gespenstisches Zwielicht. Der dichte Qualm, der durch die Straßen zog, verursachte bei vielen Menschen Atembeschwerden. Ein Regen aus grauen Ascheflocken ging nieder.
Auf dem Peloponnes, wo nach vorläufigen Schätzungen seit Freitag bereits über 3000 Quadratkilometer Wald, Buschland und landwirtschaftliche Anbauflächen in Flammen aufgegangen sind, mussten unterdessen weitere Dörfer evakuiert werden. Starke Winde fachten die Brände immer wieder an.
Nachdem die griechische Regierung die EU-Staaten um "jede erdenkliche Hilfe" gebeten hatte, laufen jetzt bei der EU-Kommission in Brüssel die Vorbereitungen für eine Hilfsaktion auf Hochtouren. Frankreich habe die Entsendung von vier Löschflugzeugen und 60 Feuerwehrleuten versprochen, sagte die griechische Außenministerin Dora Bakojannis. Weitere zwei Canadair-Wasserbomber werden aus Italien erwartet.
Hilfe aus Deutschland
Auch Berlin will helfen. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte seiner griechischen Amtskollegin in einem Telefonat Unterstützung zu. "Deutschland steht in diesen schwierigen Stunden an der Seite Griechenlands", sagte er laut Auswärtigem Amt. Drei Hubschrauber sollen bei der Brandbekämpfung helfen.
Griechenland selbst verfügt über mehr als 40 Löschflugzeuge und Hubschrauber und hat damit eine der größten Flotten Europas. Doch wegen der mit Sturmstärke wehenden Winde konnten die Maschinen bisher nur sporadisch eingesetzt werden.
Vor allem das begünstigte die schnelle Ausbreitung der Brände, die sich auch wegen der brütenden Sommerhitze von rund 40 Grad zu riesigen Feuerstürmen entwickelten. Tausende Menschen waren auf der Flucht vor den Flammen.
Während der Nacht zum Samstag erreichten die griechischen Radio- und Fernsehsender telefonisch verzweifelte Hilferufe aus den bedrohten Ortschaften: "Wo bleibt die Feuerwehr, um Gottes Willen!", rief ein weinender Mann im Rundfunk, "schickt uns endlich Hilfe, tut doch etwas, wir verbrennen!"
Machtlose Feuerwehr
Vielerorts waren die Feuerwehren völlig machtlos. Allein auf dem Peloponnes wurden seit Freitag über 190 Brände gemeldet. Wo die Flammen gewütet haben, stoßen die Rettungstrupps auf schreckliche Szenen. Viele Opfer verbrannten qualvoll in ihren Autos, als sie vor den Flammen zu fliehen versuchten. Immer wieder finden die Löschmannschaften auf den Straßen im Katastrophengebiet ausgebrannte Autowracks mit verkohlten Leichen. Unter den Opfern sind mindestens sieben Kinder. "Vielen meiner Männer kommen immer wieder die Tränen", berichtete ein Feuerwehroffizier, "so etwas Grauenhaftes habe ich noch nie gesehen".
Bei der Ortschaft Sacharo kamen in der Nacht zum Samstag neun Menschen in ihren Autos ums Leben, nachdem ein Pkw mit einem Löschfahrzeug der Feuerwehr zusammengestoßen war. Die Unfallstelle, an der sich der Verkehr inmitten der Flammen staute, wurde für die flüchtenden Menschen zur Todesfalle.
Ebenfalls in der Nähe von Sacharo fanden Feuerwehrleute die verkohlten Leichen einer Mutter und ihrer vier kleinen Kinder. "Sie hielten sich in den Armen", berichtete erschüttert Panos Sombolos, ein Polizeireporter des griechischen Fernsehens.
Fünf Menschen, unter ihnen eine Ehepaar aus Frankreich, starben bei einem Hotel in der Nähe der Ortschaft Areopoli. Sie hatten offenbar versucht, zu Fuß zum Strand zu fliehen, wurden aber von den Flammen überwältigt. Ob weitere Urlauber unter den Opfern sind, war am Samstag noch unklar. Die meisten bisher geborgenen Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die Identifizierung wird Tage dauern.
Tausende stehen vor dem Nichts
Der griechische Verteidigungsminister Evangelos Meimarakis schickte mehrere hundert Soldaten und ein Feldlazarett ins Katastrophengebiet. Tausende Menschen sind durch die Feuerstürme obdachlos geworden. Sie stehen vor dem Nichts, haben ihre Häuser, ihr Hab und Gut, ihre Viehherden, ihre landwirtschaftlichen Maschinen und damit ihre gesamte Existenz verloren.
Das Athener Innenministerium rief am Samstagabend eine dreitägige Staatstrauer aus. Auf allen öffentlichen Gebäuden wurden die Flaggen auf Halbmast gesetzt. Ministerpräsident Kostas Karamanlis rief nach einer mehrstündigen Krisensitzung den landesweiten Notstand aus und versprach in einer Fernsehansprache an die Nation den Opfern der Waldbrandkatastrophen rasche und unbürokratische Hilfe.
Karamanlis hatte erst vor zehn Tagen vorzeitige Parlamentswahlen für den 16. September anberaumt. Jetzt muss er fürchten, dass ihn die Katastrophe Wählerstimmen kosten wird. Denn wie schon während der verheerenden Feuerstürme vom Juni und Juli kritisieren Einwohner und Kommunalpolitiker der betroffenen Ortschaften auch diesmal schwere Versäumnisse bei der Ausrüstung der Feuerwehren und Koordinationsmängel bei der Brandbekämpfung.
Karamanlis sprach von einer "nationalen Katastrophe" und äußerte den Verdacht, dass Brandstifter am Werk sind: "Eine so große Zahl von Feuern zur gleichen Zeit an so vielen Stellen des Landes – das kann kein Zufall sein", sagte der Premier, rief die Bevölkerung zur "Wachsamkeit" auf und versprach, der Staat werde alles daransetzen, die Schuldigen zu finden und zu bestrafen. "Griechinnen und Griechen, ich rufe Sie zur Mobilisierung auf", appellierte der Regierungschef. "Niemand hat das Recht, unsere Heimat zu zerstören", sagte Karamanlis. In die Ermittlungen der Brandursachen haben sich jetzt auch der griechische Geheimdienst EYP und die Anti-Terror-Einheit der Polizei eingeschaltet.
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