Bad Reichenhall - "Das war ein ganz braver, anständiger Bub", sagt eine alte Frau. Sie steht vor ihrem Haus und kann noch gar nicht fassen, was da wenige Stunden zuvor in dem beschaulichen Kurort Bad Reichenhall geschehen ist: Ein Jugendlicher rastet aus und feuert mit einer großkalibrigen Waffe eine Dreiviertelstunde lang aus einem Einfamilienhaus heraus auf alles, was sich bewegt. Der Täter ist mit größter Wahrscheinlichkeit der 16-jährige Sohn jener Familie, aus deren Wohnung die Schüsse fielen.
"Mit Waffen hat er schon immer zu tun gehabt", betont die alte Frau. Schon vor Jahren habe er ihren Enkeln Spielzeugwaffen mitgebracht. Daraufhin habe sie ihm das Haus verboten. Ein paar Jugendliche sagen: "Der war ganz normal, aber jeder wusste, dass sein Vater Waffen hatte." Auch die Polizei berichtet von einer stattlichen Waffensammlung des Mannes, der offenbar auch Mitglied des örtlichen Schützenvereins ist.
Ein altes Ehepaar kommt aus einem anderen Haus heraus. "Ich saß gerade am Frühstück", sagt der 79-jährige Alfred Wolzem, "da hab ich fünf Böller gehört." Er fügt hinzu: "Zunächst habe ich mich gefragt, wer heiratet denn an Allerheiligen." Schließlich sei er von Freudenschüssen ausgegangen. Was wirklich los sei, habe er erst später erfahren. Angst habe er aber keine.
Das Blutbad versetzt das beschauliche Städtchen in helle Aufruhr. In der Nähe des Krankenhauses, das weiträumig abgesperrt ist, versammeln sich Kamerateams und Schaulustige. Sondereinsatzkommandos bewachen mit Maschinengewehren die Absperrungen. Wie viele Tote sind es? Wie lange wurde geschossen? Was weiß man über den Täter? Auf den Pressesprecher der Polizeidirektion Traunstein, Fritz Braun, hageln die Fragen ein. Und immer wieder kommt dieselbe Antwort: Seit Stunden sei es "totenstill". Braun lacht etwas. "Ja, so kann man's sagen, so schlimm das ist."
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