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21.09.2007
 

Regenflut in Afrika

"Es trifft die Ärmsten der Armen"

Von Julia Jüttner

Der Regen hört nicht auf, die ersten Krankheiten brechen aus: Nach Uno-Angaben kämpfen West-, Ost- und Zentralafrika gegen die schwersten Überschwemmungen seit drei Jahrzehnten. Millionen Menschen sind obdachlos. Helfer vor Ort schildern SPIEGEL ONLINE die verheerende Lage.

Kampala - Noch ist das wahre Ausmaß der Schäden und Zerstörungen nicht absehbar. Doch eins steht für die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen fest: "Es regnet seit Juli, doch erst jetzt hat sich die Lage extrem zugespitzt. So schlimm war es noch nie", sagt Bettina Baesch, die für World Vision in Uganda arbeitet, SPIEGEL ONLINE. Den Vereinten Nationen zufolge sind die Unwetter in Afrika die verheerendsten der vergangenen 30 Jahre.

"Hier haben viele Erfahrungen mit Hochwasser, aber das Ausmaß erreicht eine neue Dimension", berichtet die 34-Jährige. "Es trifft die Ärmsten der Armen, nämlich die, die nach dem Rebellenkrieg im Norden neue Hoffnung geschöpft hatten. Sie sind durch die Vergangenheit ohnehin schwer gebeutelt."

Regierungen, Uno und Hilfsorganisationen bemühen sich, die von der Außenwelt abgeschnittenen Hochwasserregionen zu erreichen und mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. "Das ist äußerst schwierig: Manche Orte erreicht man nicht durchgängig mit Booten. Daher müssen wir auch Lastwagen mit Hilfsgütern beladen, doch die Wege sind nicht durchgängig trocken. Die Wagen sinken ein, es kommt zu Unfällen."

Die Zahl der Todesopfer steigt stetig. "Momentan sind es 21 Tote hier in Uganda", sagt Bettina Baesch, die seit mehr als drei Jahren in Kampala lebt. Die Uno meldet insgesamt 250 Tote in 17 afrikanischen Ländern von Senegal bis Äthiopien. Von der Flut sind diesen Angaben zufolge rund 1,5 Millionen Menschen betroffen.

Am schlimmsten sei die Lage in Uganda, Sudan und Ghana. Die Regierung Ugandas hat für mehrere Gebiete den Ausnahmezustand ausgerufen. Die sintflutartigen Regenfälle haben besonders den Osten des Landes stark verwüstet. Zwei Teams des Technischen Hilfswerks wollen morgen nach Ghana und Uganda aufbrechen, um dort Wasseranalysen durchzuführen und einen möglichen Einsatz vorzubereiten.

"Die Ernte wird zu 90 Prozent ausbleiben"

Die Wassermassen zerstören Häuser, Brücken, Zelte und Hütten und vernichteten die Ernte. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht. 400.000 Menschen brauchen allein in Uganda Hilfe, die Hälfte davon seien Kinder, erklärte das Kinderhilfswerk Unicef.

"Es ist eine Katastrophe für die Menschen. Ackerflächen stehen unter Wasser. Die Ernte wird zu 90 Prozent ausbleiben", sagt World-Vision-Mitarbeiterin Baesch. "Wir müssen warten, bis der Boden austrocknet, um ihn neu zu bepflanzen, das heißt: Erst im Februar 2008 werden die Menschen hier wieder ernten können."

Die Hilfsorganisationen rechnen mit Epidemien. "Viele Brunnen und Latrinen wurden zerstört. Wir müssen damit rechnen, dass Malaria und Cholera ausbrechen", sagt Bettina Baesch. Ihre Kollegen hätten bereits mit dem Bau von Latrinen begonnen. Vor allem Kinder seien angesichts unhygienischer Lebensbedingungen gefährdet. Viele plagen sich bereits mit Durchfallerkrankungen.

Wie gehen die Menschen, die die alljährliche Regenflut gewohnt sind, mit diesen Schicksalsschlägen um? "Die im Norden nehmen es regelrecht stoisch auf, sie sind verbittert, eben weil sie nach dem Waffenstillstand nicht für neue Katastrophen gewappnet sind. Die Menschen im Osten und die, die wir schwer erreichen, fürchten sich immens. Sie sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, ob und wann Hilfe kommt." Viele versuchen in ihrer Verzweiflung, vor den Wassermassen zu fliehen oder sich selbst zu helfen, was ihnen nicht immer gelingt. "Sie verletzen sich oder bringen sich dabei in Gefahr."

Das Welternährungsprogramm der Uno bezifferte die notwendige Hilfe alleine für Uganda auf rund 43 Millionen Euro. "Die akute Hilfe besteht aus Lebensmitteln, Materialien zur Wasseraufbereitung, Medikamenten, Moskitonetzen, Plastikplanen und Decken", sagt Bettina Beasch. Der zweite Schritt wäre dann, den Menschen neues Saatgut und Werkzeug zu verteilen.

Die in den kommenden Wochen erwarteten weiteren Regenfälle dürften die Situation noch verschärfen. "Laut Prognose soll es mit Unterbrechungen bis in den Dezember hinein regnen. Das sind schlimme Aussichten."

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