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22.09.2007
 

Oktoberfest

Stoibers Ehre - oder die Gerüchte vom Kamillentee

Kaum eröffnet, schon total voll. Kurz nach Beginn des Oktoberfests wurden viele Bierzelte wegen Überfüllung geschlossen. Der scheidende Ministerpräsident Edmund Stoiber bekam heute zum letzten Mal das erste Bier - und lüftete das Geheimnis, womit seine Mass wirklich gefüllt ist.

München - "O'zapft is!" Mit drei Schlägen hat der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude heute um Punkt 12 Uhr das erste Fass angezapft und damit das 174. Oktoberfest eröffnet. Etwa 500.000 Besucher drängten sich bei strahlendem Sonnenschein zum Auftakt auf der Theresienwiese. Zwölf donnernde Böllerschüsse gaben nach dem offiziellen Anstich das Signal zum Ausschank in den 14 Festzelten, wo 100.000 Menschen seit 9 Uhr sehnsüchtig die erste Mass erwartet hatten.

Edmund Stoiber: Zum letzten Mal das erste Bier
DDP

Edmund Stoiber: Zum letzten Mal das erste Bier

Vor über 6000 Gästen im vollbesetzten Schottenhamel-Zelt überreichte Ude die erste Mass traditionsgemäß dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und stieß mit ihm "auf eine friedliche Wiesn" an. "Es ist wirklich schade, dass wir zum letzten Mal eine rein oberbayerische Besetzung haben", sagte Ude in Anspielung auf Stoibers baldigen Rücktritt als Ministerpräsident. "Ich werde im nächsten Jahr einen Franken verköstigen müssen", erklärte der Münchner Oberbürgermeister mit Blick auf Stoibers designierten Nachfolger Günther Beckstein. "Aber Franken gehört auch zu Bayern", stellte Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl umgehend klar. "Es war eine wunderbare Zeit, aber alles hat seine Zeit", sagte Stoiber, der zum 30. September zurücktreten will.

Als er zum 14. und letzten Mal als Ministerpräsident mit seiner Frau Karin unter Fanfarenklängen ins Zelt einzog, erwarteten ihn sowohl Applaus als auch vereinzelte Buh-Rufe. Stoiber kündigte an, der Anstich 2008 werde wahrscheinlich ohne ihn stattfinden, damit sein Nachfolger im Mittelpunkt stehe. "Zum Wohlbefinden brauch' ich nicht die erste Mass - mir langt auch die sechste oder siebte", sagte er. Eines wolle er aber klarstellen: Gerüchte, wonach er statt Bier Kamillentee in seinem Steinkrug habe, seien "ein solcher Schmarrn".

Fahrgeschäfte werde er wegen des Sicherheitsaufwandes nicht besuchen können, sagte Stoiber. "Dafür bin ich früher viel Auto-Scooter und Karussell gefahren." Seine Frau Karin erklärte, sie könne mit dem Abschied sehr gut leben: "Ich strahle immer noch." Nun freue sie sich schon auf Wiesn-Besuche mit ihren Enkeln.

Mit drei Anzapf-Schlägen konnte Ude in diesem Jahr seinen Rekord von zwei Schlägen nicht halten. "Der zweite Schlag hätte genügt", erklärte er nach dem Anstich des 224-Liter-Fasses. "Mein Coach hat noch 'Passt schon' gerufen, aber da war der dritte Schlag schon unterwegs." Obwohl er bereits zum 14. Mal anzapfte, habe er vorher noch mal geübt, gestand Ude.

Mitgebrachte Würste überbrückten Zeit bis zum Anstich

Der CSU-Politiker Peter Gauweiler hatte die Zeit bis zum Anstich mit mitgebrachten Würsten überbrückt. Er sei seit 1972 live bei dem Eröffnungsritual dabei, erzählte er. Vier bayerische Ministerpräsidenten habe er dabei miterlebt. "Mein Ziel sind 15", erklärte Gauweiler.

Bundespolitische Prominenz ließ sich beim diesjährigen Anstich kaum blicken. Auf dem Balkon mit den Ehrengästen dominierten bayerische Landespolitiker wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Maget und seine Grünen-Kollegin Margarete Bause. Maget erklärte zu Stoibers Abschied: "Traurig bin ich nicht, aber ich werd' ihn vermissen." Auf Einladung von Ude war auch sein Nürnberger Oberbürgermeister-Kollege Ulrich Maly angereist - gab sich aber zurückhaltend. "Ich betrachte das mit wissenschaftlichem Interesse", meinte er zum Oktoberfest-Trubel.

Aus Berlin war immerhin FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zum Anstich gekommen. "Ich genieß das. Hier wird nicht gestritten wie in Berlin", sagte sie und meinte zu den Buh-Rufen: "Ich finde es nicht so gut, dass Herr Stoiber hier Kritik kriegt." Am FDP-Tisch hatte sich auch Kabarettist und Guido-Westerwelle-Double Holger Paetz niedergelassen. Volksmusiker und Moderator Florian Silbereisen hatte sich in Lederhose und Lederjanker ebenfalls einen Platz im Anstich-Zelt reserviert. "Ich war um zehn Uhr da, weil es ja immer schwierig ist reinzukommen", sagte er. Schauspieler Axel Milberg war extra von Dreharbeiten aus Kiel angereist, wollte sich aber trotz des langen Weges nur eine Mass Bier gönnen.

"Höllenblitz" und "Gaudi-Schaukel"

Das größte Volksfest der Welt dauert bis zum 7. Oktober. Insgesamt werden sechs Millionen Gäste aus aller Welt erwartet. Die Wiesn lockt mit neuen Fahrgeschäften wie der 900 Meter langen Achterbahn "Höllenblitz" und einer riesigen "Gaudi-Schaukel", aber auch alteingesessenen Attraktionen wie dem Wiesn-Varieté Schichtl und einem Kettenkarussell. Die begehrteste Attraktion aber wird erneut das Festbier sein: Die Zelte mussten ihre Türen schon kurz nach der Eröffnung am Samstag wegen Überfüllung wieder dicht machen. Der Liter Bier kostet zwischen 7,30 Euro und 7,90 Euro und ist damit bis zu 40 Cent teurer als im Vorjahr.

Auch in diesem Jahr wollen die Münchner Brauereien wieder sechs Millionen Mass Bier, eine halbe Million Hendl und rund 90 Ochsen an die Festbesucher bringen. Bayerische Blasmusik soll am Nachmittag für Gemütlichkeit und ruhigere Stimmung sorgen. 300 Polizisten und 800 Ordner sollen für eine friedliche Wiesn sorgen. Mit zwölf Überwachungskameras und Kontrollen will die Polizei den Überblick behalten. Jeden Morgen werden angesichts von Terrorgefahr mit Sprengstoffhunden die Zelte kontrolliert. "Was gemacht werden kann und was sinnvoll ist, haben wir gemacht", sagte Polizeisprecher Wolfgang Wenger. "Wir haben uns sehr gut vorbereitet."

Maria Marquart/AP

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