Aus Riekofen berichtet Lisa Sonnabend
Riekofen - In dem bayerischen Ort Riekofen ist nichts mehr so wie früher: auf den Straßen nicht, im Wirtshaus nicht und in der Kirche erst recht nicht. Zum Sonntagsgottesdienst in St. Johannes sind heute viele Gläubige und Neugierige gekommen: Der neue Pfarrer Gottfried Dachauer wird eingeführt. Er ist der Nachfolger von Pfarrer Peter K., der seit Ende August in Untersuchungshaft sitzt und gegen den ungeheuerliche Vorwürfe erhoben werden. Der 39-jährige Pfarrer soll jahrelang Ministranten missbraucht haben - und das nicht zum ersten Mal. Die meisten der 800 Einwohner des Dorfes sind schockiert.
Vor acht Jahren hatte sich der Pfarrer an Kindern im etwa 60 Kilometer entfernten Viechtach vergriffen. Nach einer vierjährigen Therapie wurde ihm in einem Gutachten attestiert, geheilt zu sein - obwohl Pädophilie als nicht heilbar gilt. Im Jahr 2004 ernannte ihn der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Pfarrer von Riekofen, ohne dass die arglosen Gemeindemitglieder über seine Vergangenheit informiert wurden.
Vor dem Gotteshaus lauern Kamerateams, sogar ein Polizeiwagen ist da, die letzten freien Sitzplätze in der Barockkirche besetzen Journalisten. Der Gottesdienst vermittelt einen Eindruck, wie schwer es sein wird für die Riekofener, mit den Ereignissen umzugehen. Der ehemalige Pfarrer wird nicht explizit erwähnt, doch das Geschehene ist allgegenwärtig. Rosmarie Meßner vom Pfarrgemeinderat sagt: "Die Ereignisse der letzten Wochen haben Wunden hinterlassen. Die Narben werden lange bleiben." Die Gläubigen blicken versteinert, einigen kommen die Tränen. Pfarrer Dachauer erinnert an die, "die in den vergangenen Wochen eine harte Wirklichkeit zu tragen hatten und zu tragen haben werden". Die Geistlichen mahnen auch, nach vorne zu blicken, sie sprechen von einem Neubeginn. Wenn es nur so einfach wäre.
Ein Schmetterling hat sich in die Kirche verirrt, den Weg nach außen kann er nicht mehr finden, verzweifelt flattert er durch den Raum. Noch ist nicht abzuschätzen, ob und wie die Gemeinde Riekofen es schaffen wird, sich den Weg zu einem Neuanfang zu bahnen.
Auch Johanna Treimer ist an diesem Sonntag in die Gemeinde Riekofen gekommen. Sie ist die Mutter der zwei Jungen, die der Pfarrer im Jahr 1999 in Viechtach missbraucht hat: Während eines Festes berührte der Pfarrer die damals Neun- und Zwölfjährigen am Geschlechtsteil. Die Eltern beschwerten sich, doch letztlich unterzeichneten sie eine Stillschweigevereinbarung. Eine Bekannte zeigte den Pfarrer wenig später an. Als der Vater der Jungen erfuhr, dass Pfarrer Peter K. wieder aktiv ist, machte er den Fall publik. Eine Psychologin kam in das Dorf, die Ministranten begannen zu reden. Rund hundert Jungen werden derzeit vernommen. Es wird gemutmaßt, dass die Übergriffe in Riekofen noch weitaus schlimmer waren als die vor acht Jahren in Viechtach.
Johanna Treimer ist entschlossen zu kämpfen. "Mit Abstand ist es nicht mehr so schwierig, darüber zu sprechen", sagt die zierliche Frau zu SPIEGEL ONLINE. "Es ist mehr eine Genugtuung, dass das Ganze auf den Tisch kommt, dass der Druck auf die Geistlichen wächst." Sie möchte Opfer ermutigen, über das Geschehene zu sprechen, sich zu wehren. "Ich wünsche mir, dass die Opfer von Riekofen Kontakt zu uns aufnehmen", sagt sie. "Doch noch ist es zu früh, noch können sie nicht darüber sprechen."
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