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18.11.2007
 

Skandal um Hilfsorganisation

Retter, Schlepper, Kinderfänger

Von Barbara Hans

Ein Verband, falsche Blutspritzer darauf, "fertig ist der Kriegsverletzte": Die Hilfsorganisation Arche de Zoé wollte afrikanische Kinder nach Europa ausfliegen. Angeblich hilflose Waisenkinder. Doch viele haben Väter und Mütter. Die Franzosen störte das nicht. Ein Kamerateam dokumentierte die krumme Tour.

Hamburg – "Hier hast du deine Kriegsverletzung", sagt die Frau mit den blonden Locken und spritzt die dickflüssige dunkelrote Flüssigkeit aus der Plastikflasche auf den verbundenen Arm des Jungen. Dann lacht Emilie Lellouch kurz auf – sie hat alles im Griff, der Plan scheint aufzugehen. Die Kinder tragen Verbände an den Köpfen, einigen hat man scheinbar Infusionen angelegt, um den Konvoi, der sich in den frühen Morgenstunden des 16. Oktober aus Abéché auf den Weg zum Flughafen macht, wie einen Krankentransport aussehen zu lassen.

Doch krank sind die Kinder nicht: Die französische Hilfsorganisation Arche de Zoé versucht vielmehr, 103 Mädchen und Jungen aus dem Tschad und aus dem Sudan nach Frankreich auszufliegen. Bei den Kindern handele es sich um Waisen, beteuern Lellouch und ihr Lebensgefährte, Eric Breteau. Angeblich stammen sie aus der Krisenregion Darfur.

Erst später wird sich herausstellen, dass viele der Kinder sehr wohl Vater und Mutter haben und man sie mit Süßigkeiten und dem Versprechen einer besseren Zukunft in die Fahrzeuge der Hilfsorganisation gelockt hat. Auch wird man anhand der Äußerungen der älteren Kinder rekonstruieren können, dass die meisten von ihnen nicht aus Darfur, sondern aus dem Tschad stammen.

Zwei französische Journalisten haben die Hilfsorganisation bei der Umsetzung ihres Plans begleitet und das bizarre Ansinnen von Arche de Zoé dokumentiert, am Sonntagabend berichtet SPIEGEL TV über die vermeintlichen Menschenretter und zeigt Originalfilmmaterial.

Nach Angaben der sudanesischen Regierung werden 74 weitere Kinder, die Arche de Zoé in die Hände gefallen waren, vermisst. Die Mädchen und Jungen seien von der umstrittenen französischen Organisation bereits nach Europa gebracht worden, sagte ein sudanesischer Regierungsvertreter in Genf.

Insgesamt, so der Vorwurf des sudanesischen Hochkommissars für humanitäre Angelegenheiten, Mohammed Abdelrahman Hassabo, hätten Breteau und seine Lebensgefährtin die Entführung von 10.000 Kindern aus dem Sudan und dem Tschad geplant. Die Zahl stammt nicht etwa von Ermittlern, sondern von der Organisation selbst: Um mit mehr Nachdruck für finanzielle Unterstützung werben zu können, hatte Arche de Zoé mit dem Umfang des Programms geworben.

Die Katastrophe ist genau geplant

Klar ist: Sechs Mitglieder der Organisation sind derzeit im Tschad inhaftiert und wegen Kindesmisshandlung angeklagt. Außerdem sitzen drei Piloten wegen Komplizenschaft in Haft.

Die Rettungsassistentin Lellouch und der Feuerwehrmann Breteau haben sich 2004 in Indonesien kennengelernt. Sie haben gemeinsam versucht, den Opfern des Tsunami zu helfen. Seither sind sie unzertrennlich. In den vergangenen Jahren hat die Hilfsorganisation ihr Engagement nach Afrika verlegt, um "möglichst viele Kinder zu retten, solange es noch geht" – so das erklärte Ziel auf der Arche-de-Zoé-Homepage.

Der Film der französischen Journalisten zeigt, wie Lellouch und Bretau mit an Ignoranz grenzender Naivität versuchen, ihre Vorstellung von einer besseren Welt durchzubringen – koste es was es wolle. Wie sie alle Anzeichen, die auf die drohende Katastrophe hindeuten, ausblenden, um nicht von ihrem tollkühnen Plan, 103 Kinder heimlich aus dem Tschad nach Frankreich auszufliegen, abweichen müssen. "Ich bin den Plan wieder und wieder durchgegangen, um sicherzugehen, dass ich an alles denke", sagt Breteau während er rauchend auf einem Bett sitzt. Die spanische Maschine ist gechartert, die vermeintlichen Waisen sind aufgetrieben – auch wenn es eigentlich viel mehr sein sollten – und als Kriegsopfer verkleidet, die neuen Eltern in Frankreich haben das Geld überwiesen und warten auf die Ankunft der Kinder. Was also soll noch schiefgehen?

"Wir machen etwas Konkretes"

Die Behörden im Tschad denken, "Children Rescue", wie sich Arche de Zoé aufgrund früherer Probleme im Sudan nun im Tschad nennt, wolle in Abéché ein Waisenzentrum errichten, sich vor Ort um die Kinder kümmern. Von dem Vorhaben, die Kinder nach Europa auszufliegen, ahnt hier niemand etwas. Noch nicht einmal die Tschader, die Arche de Zoé vor Ort angeheuert hat, wissen, was die Franzosen planen. Sie werden kurz vor dem Abflug unter einem Vorwand entlassen.

Der Feuerwehrmann Breteau hat eine klare Vorstellung von dem, was er in Darfur erreichen will. "Das wichtigste ist, dass man die Kinder aus der Hölle rettet", sagt der 37-Jährige, und es klingt fast ein wenig staatstragend. Breteau hat sich gut überlegt, was seine Mission ist, was Arche de Zoé erreichen will. Seine Worte sind bedeutungsschwer, durchdacht ist der Plan dennoch nicht. "Das Wichtigste ist, dass diese Kinder in ein Land kommen, in dem man sie beschützt. Natürlich wird es auch Leute geben, die denken, wir sind verrückt und totale Spinner."

Aber Breteaus Äußerungen verdeutlichen, was ihn wirklich antreibt: Während die anderen Organisationen ihre Aktionen langfristig und im Detail planen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten, will Arche de Zoé vor allem schnell handeln. "Wir machen etwas Konkretes. Wir kommen hier her und bringen die Kinder raus aus Darfur. Wenn alle Gruppen, die sich hier als Hilfsorganisationen bezeichnen, das auch machen würden, könnte man in Darfur viele Leben retten."

Aber die Mädchen und Jungen, deren Leben Arche de Zoé retten will, sind nicht verzweifelt – sie haben Eltern, eine Familie, sind nicht einmal Flüchtlinge. Die tschadischen Helfer der Organisation, die das Grenzgebiet zum Sudan auf der Suche nach Waisen durchkämmt haben, haben den Dorfältesten ein besseres Leben für die Kinder versprochen – in Abéché, nicht in Frankreich. Über die Kinder, die nachts in Jeeps in das Lager der Organisation gebracht werden, wissen die Arche-de-Zoé-Mitarbeiter praktisch nichts.

Keiner weiß, wie die Kinder heißen, wie alt sie sind, aus welchen Dörfern sie kommen, ob sie tatsächlich Vater und Mutter verloren haben und es nicht doch Angehörige gibt, die sich kümmern können und wollen. Die meisten der Kinder sind zwischen drei und fünf Jahre alt, sitzen auf Teppichen auf dem Boden, starren apathisch vor sich hin, weinen. "Wir können uns nie sicher sein", sagt Lellouch. "Dafür hätten wir beim Angriff der Dörfer dabei sein müssen. Das wäre die einzige Möglichkeit, um rauszufinden, ob die Eltern tatsächlich ums Leben gekommen sind." Aber die Kinder seien ja in der Lage, zu sagen, ob sie Mutter und Vater verloren hätten.

Die Katastrophe als Abenteuer

Einige der Kinder, die nachts in das Heim gebracht werden, werden wenige Tage später unter Tränen und Geschrei wieder zurück in ihr Dorf gefahren – Angehörige haben sich gemeldet, sie wollen nicht, dass die Kinder in den Händen von Arche de Zoé bleiben.

Noch aus dem Tschad versuchen Lellouch und Breteau, die Kinder nach Frankreich zu vermitteln. Per Telefon geben sie den interessierten Familien die Daten durch, loten aus, inwieweit sie bereit sind, von ihren Altersvorstellungen abzuweichen. Lellouch freut sich, als eine Familie zusagt, drei Brüder aufzunehmen: "Das ist für sie ein vorgezogenes Weihnachtsfest."

Die beiden Leiter der Hilfsorganisation feiern sich selbst als wagemutige Wohltäter und sonnen sich im Glanz ihres Gutmenschentums. "Wenn sie mich ins Gefängnis stecken, weil ich Kinder aus Darfur gerettet habe, dann wäre ich stolz ", sagt Breteau. Für ihn heiligt der Zweck die Mittel und er verkennt, dass es letztlich nur seine eigenen Interessen sind, um die er kämpft. Für die beiden vermeintlichen Menschenretter ist es ein Abenteuer – für die verschleppten Kinder aus der Krisenregion, die nicht wissen, was mit ihnen geschieht, ist es eine Katastrophe.

Mehr zu dem Fall: SPIEGEL TV Magazin, heute, Sonntag, 18.11., 22.15 Uhr, RTL

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