Samstag, 21. November 2009

Panorama



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12.01.2008
 

Nicolas Sarkozy

Ein Präsident verkommt zur Farce

Von Henning Lohse, Paris

Selbstsicher, dynamisch, reformbeflissen: So tritt Nicolas Sarkozy mit Vorliebe auf. Doch jetzt erlebt das französische Staatsoberhaupt in Umfragen den freien Fall. Schuld ist das Privatleben des einstigen Hoffnungsträgers - das viele Franzosen nur noch peinlich finden.

Cécilia Sarkozy, 50, bis vor kurzem Hausherrin im Elysée-Palast, macht ihrem frisch Geschiedenen, Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, 52, zu schaffen. Drei Bücher erscheinen dieser Tage über die Ex-Gattin - und verbreiten Unerfreuliches über "Sarko".

Offenbar hält Cécilia ihren Ex-Mann für jemanden, "der niemanden wirklich liebt, nicht mal seine Kinder". So jedenfalls steht es in der Biografie "Cécilia" der Journalistin Anna Bitton. Gegen die Publikation zog Cécilia Sarkozy zunächst juristisch zu Felde, unterlag aber. Inzwischen kündigten ihre Anwälte an, das Urteil zu akzeptieren.

Bitton schreibt, im November 2007 - einige Wochen nach der Scheidung - habe Cécilia einer Freundin Pikantes anvertraut. Nicolas sei ein Frauenheld, der "die Frauen bespringt und sich dann nicht einmal an ihre Vornamen erinnern kann". Besonders bitter für die Ex-First-Lady ist, dass "alle Welt es mir jetzt sagt, aber 18 Jahre lang geschwiegen" habe.

Klassisch dagegen ihr angeblicher Vorwurf, das Staatsoberhaupt sei "knauserig" nach der Scheidung. So sei Nicolas zwar großzügig gewesen, solange sie mit ihm zusammen war: "Wenn man ihn verlässt, ist das vorbei."

Um sich schnell scheiden zu lassen, hat Cécilia dem Buch zufolge offenbar eine niedrige Unterhaltsregelung akzeptiert. Und erklärt: "Selbst wenn ich nachverhandeln würde, was bekommen ich dann? 1000 oder 2000 Euro mehr. Davon werde ich nicht leben können. Kinder, das ist alles teuer. Sehr teuer! Man muss für die Schule zahlen, die Arztbesuche ... Nicolas wird unseren gemeinsamen Sohn wohl nicht unter einer Brücke leben lassen. Aber mein Sohn wird nicht so leben wie die Kinder aus Nicolas' erster Ehe mit ihren 2000-Euro-Schuhen."

"Er macht als Präsident nichts her, hat ein Benimm-Problem"

Mit Verwunderung erfahren die Franzosen, dass die langjährige Wahlkämpferin Cécilia ihren Ex-Mann des neuen Amtes angeblich nicht würdig hält. Im Buch zitierter O-Ton Cécilia": "Er macht als Präsident nichts her, er hat ein echtes Problem mit Benimm. Jemand muss es ihm sagen. Ich hab's 18 Jahre lang gemacht, ich kann's nicht mehr tun."

Im Wahlkampf Anfang 2007 hatte Cécilia ihren Ehemann noch öffentlich unterstützt. Auch bei seiner Ankündigung: "Mit mir wird alles anders!" Das hatte Nicolas Sarkozy beim Rennen um den Elysée-Palast immer wieder versprochen. Und in diesem Fall auch Wort gehalten. Nach seinem Wahlerfolg am 6. Mai brachte Speedy-Sarko Schwung in die verstaubte Republik. Eine Welle an Reformankündigungen rauschte durch Frankreich. Angela Merkel überraschte er beim Berliner Blitzbesuch mit Bussi-Begrüßung, Ehefrau Cécilia wurde eingeschaltet, um in Libyen die triumphale Befreiung der bulgarischen Krankenschwester-Geiseln aus Gaddafis Kerker zu begleiten.

Vor allem aber verblüfft Sarkozy die Franzosen - und zunehmend auch die Weltöffentlichkeit - mit seinem turbulenten Privatleben, seiner Lust am Luxus und seiner zunehmenden Präsenz auf den Titelseiten der Klatschpresse. Die Blitzscheidung von Cécilia nach fünf Monaten Elysée und 18 Jahren Zusammenleben überraschte das Wahlvolk. Viele waren regelrecht schockiert, hat es doch bis dato in Frankreich noch nie einen geschiedenen Präsidenten gegeben.

Aber Sarkozy, der Freund und Feind gern mit Tempo austrickst, legte mit Freude an der Sensation nach. Seine Balz um Ex-Topmodel Carla Bruni, 39, war von Anfang an ein Dorado für Paparazzi: erster gemeinsamer Fototermin während der Weihnachtsparade im Disneyland Paris, Weihnachtsferien bei den Pyramiden der Pharaonen. Minutiös dokumentiert von den Medien, die das frische Glück zur weltweit verkauften Politkitsch-Story machten.

Die Franzosen fragen sich: Wen haben sie da gewählt?

Inzwischen reüssiert Sarkozy weniger als politischer Erneuerer, sondern vielmehr als Partyklatsch-Protagonist. Das turbulente Eheende wurde noch mitleidig kommentiert, schließlich hat Ex-Mannequin Cécilia ihn verlassen. Seitdem Sarkozy mit seinem neuen Ex-Model Händchen hält, elf Jahre jünger und Lichtjahre berühmter als Cécilia, hält das Mitleid sich in Grenzen. Und immer mehr Franzosen fragen sich, wen sie da eigentlich in den Elysée-Palast gewählt haben.

Sie sind genervt, weil der Präsident und Carla Bruni ununterbrochen die Titelseiten der Klatschpresse zieren. Und nichts tun, um ihre Romanze etwas diskreter zu leben.

Der hohe Klatschfaktor der Sarkozy-Berichterstattung hat auch die Kabarettisten inspiriert. In einem TV-Sketch vertröstet Premierminister François Fillon die fragenden Journalisten auf den kommenden Montag. "Dann erscheint Voici und ich bekomme aktuelle Informationen vom Präsidenten Sarkozy." Voici ist eine berühmt-berüchtigte Klatschillustrierte mit niedrigstem Informationsgehalt. Seit Wochen berichtet das Blatt über Lust- und Liebesabenteuer des französischen Präsidenten.

Absturz in den Umfragen, Grund: das Privatleben

Was dem Präsidentenamt nicht gut tut, schadet jetzt auch dem Amtsinhaber. Erstmals ist die Unterstützung für Sarkozys Politik und Person unter 50 Prozent gefallen. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes CSA sank die Zustimmungsrate von 55 Prozent im Dezember auf 48 Prozent im Januar. Für CSA-Direktor Stéphane Rozès gibt es keine Zweifel an den Gründen für Sarkozys deutlichen Absturz: "Die Darstellung des Privatlebens unseres Präsidenten in den Medien beeinträchtigt das Image seines Amtes. Das stört die traditionellen Unterstützer seiner Politik."

Auch die Pressekonferenz von Sarkozy in den heiligen Hallen des Elysée diese Woche konnte den Abwärtstrend nicht stoppen. "Nicolas Sarkozy hat die Franzosen nicht überzeugt", vermeldet "Le Parisien". So werden die von Sarkozy gewohnt schwungvoll angekündigten Reformen für 2008 zum Großteil von den Wählern goutiert. Den Präsidenten selbst fanden nur 39 Prozent überzeugend. "Eine wunderbare Wahlkampfrede eines Kandidaten", ätzte die "Liberation" über den Auftritt des Präsidenten und sprach von der "Sarkoshow 2008".

Die in Paris lebenden Italiener verfolgen den Verlauf der Sarkozy-Präsidentschaft mit Genuss und Schadenfreude. "Jahrelang habt Ihr Franzosen euch über Berlusconi amüsiert", sagen sie ihren französischen Freunden. "Jetzt habt ihr euren eigenen Präsidenten, der ist noch viel stärker."

Sollte Nicolas Sarkozy seine Freundin Carla Bruni heiraten, bevor er wahrscheinlich im Frühjahr sein Kabinett umbildet, wäre das ein Novum in der Geschichte des Elysée-Palastes.

Sarkozy wäre dann der erste Präsident, der im Amt mehr Frauen als Premierminister verschlissen hat.

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