• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

150 Jahre Lourdes Die Wunderfabrik

2. Teil: An Wunder muss man nicht glauben - die gibt es

Eine Frau, deren Mann Alkoholiker war und sie geschlagen hat, während sie die vier Kinder durchbringen musste. Eine Koreanerin, die in Pjöngjang geboren wurde und 1948 im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern - engagierten Christen - vor den kommunistischen Machthabern fliehen musste. Darunter sind auch drei adelige Damen aus dem Münsteraner Geschlecht der Droste zu Vischering, die sich sonst auf Wallfahrten ehrenamtlich um Kranke kümmern, dieses Mal jedoch selbst spirituell auftanken wollen.

Intellektuell wird den Gläubigen einiges abverlangt. Sie müssen es akzeptieren, dass die von ihnen verehrte Jungfrau namens Maria die Mutter Gottes ist. Sie müssen darauf vertrauen, dass diese Maria auch heute noch ihre Fürsprecherin bei Gott sein kann. Sie müssen annehmen, dass diese Maria hin und wieder auserwählten Menschen wie der 14-jährigen Bernadette erscheint und ihnen Botschaften überbringt. Dies sind nur einige der "Geheimnisse des Glaubens". Nur an eines müssen die Gläubigen nicht glauben: an Wunder.

Denn Wunder gibt es. "Bien sûr!" - "Natürlich! Es gibt Wunder. Ich habe es selbst gesehen." So spricht Doktor Patrick Theillier, Chef des Medizinischen Büros im "Heiligen Bezirk", ohne den geringsten Zweifel zu zeigen. "Ich kenne die wissenschaftliche Debatte", sagt der zierliche Mann mit weißem, schütterem Haar und weißem Vollbart, "und ich stelle fest: Wunder kommen vor". Bei manchen Heilungen sei es unmöglich, natürliche Gründe zu finden. "Es gibt Ausnahmen vom Naturgesetz. Das ist in der Medizin möglich, denn die Medizin ist keine exakte Wissenschaft."

Beim Medizinischen Büro wurden in den vergangenen 150 Jahren 30.000 Heilungen gemeldet, die von den Betroffenen als Wunder erachtet wurden. Davon wurden 7500 auf Krankenakten hin genauer überprüft, davon wiederum 2500 von einem internationalen Expertengremium als tatsächlich medizinisch unerklärlich eingestuft. Diese Fälle werden der Heimatdiözese des Geheilten gemeldet. Die Bischöfe prüfen dann in einem jahrelangen Prozess, ob ein Wunder vorliegt. 67-mal hat die Kirche ein solches anerkannt. "Es sind 67 Wunder, doch Heilungen gibt es hier viel, viel mehr", sagt Theillier. Warum gerade hier? Theillier lächelt und zieht ratlos die Schultern hoch: "Wenn ich das wüsste. Es ist ein Geheimnis."

Leichter leben lernen

67 Wunder und ein paar Tausend Heilungen - bei Millionen von Besuchern und Kranken ist die Chance, dass einem ein Wunder widerfährt, somit äußerst gering. Irmgard Jehle, Leiterin der Gruppe des Bayerischen Pilgerbüros, leitet ihre Teilnehmer entsprechend geistig an: "Wir kommen hier her mit unseren Beschwerden und Gebrechen, doch durch unsere Pilgerfahrt verschwinden sie nicht einfach. Es geht darum, dass man lernt, mit ihnen umzugehen."

Und auch Marie-Catherine Freifrau Heereman, Leiterin des Malteser Lourdes-Krankendienstes, hält nicht viel von einem Wunder-Begriff im Sinne eines übernatürlichen Mirakels. "Wunder ist auch, wenn jemand für sich das Leben neu findet in einer scheinbar ausweglosen Situation. Wenn sich jemand wieder etwas zutraut, wenn er seine Situation nicht nur erleidet, sondern auch wieder gestaltet."

Der religiöse Katholik scheint dies in Lourdes finden zu können. Wallfahren, ein seelischer Reinigungsprozess. Bernhard Mussong, der Spastiker aus der Bayerngruppe, fährt seit 25 Jahren regelmäßig nach Lourdes. "Eine Heilung erwarte ich nicht", sagt er, "für mich ist nur die Grotte wichtig, hier kann ich intensiver beten als zu Hause".

Marien-Erscheinungen, Wunderheilungen, päpstlicher Ablass - die vermeintlichen Hauptattraktionen von Lourdes stellen sich gar nicht als solche heraus. Den meisten hier geht es vor allem darum, leichter leben zu lernen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP