Von Barbara Hans, Kiel
Kiel - Der Mann von der Bahnhofsmission hat schon viel erlebt, in all den Jahren. Leid, Elend, manches Schöne und viele, die auf seine Hilfe angewiesen waren. Aber sowas?
Hauptbahnhof Kiel, 17:45 Uhr: Ein halbes Dutzend junger Frauen in leuchtend roten Jacken und weißen Kappen werkelt eifrig vor Gleis vier. Ein Einkaufswagen voller Sektflaschen wird herangekarrt, in Reagenzgläsern reihen sich rote Rosen in einem Karton. Es dauert nur wenige Minuten, dann ist der Check-In aufgebaut, das rote Banner entrollt. Auf ihm prangt ein dickes Herz, natürlich in rot, schließlich ist rot die Farbe der Liebe. "Das ist der Sonderzug nach Hamburg. Der ist umsonst, für die Singles. Da haben sie extra noch zwei Liegewagen dran gehängt", sagt der Mann von der Bahnhofsmission und schüttelt den Kopf.
Fragt man den grimmig schauenden Menschen hinter dem Informationsschalter nach dem Abfahrtsort des Sonderzuges, hellt sich seine Miene vielsagend auf. Grinsend schickt er die Paarungswilligen zum improvisierten Abfertigungsschalter. Endstation siebter Himmel.
Die Hits von DJ Ötzi und die Sprüche eines flotten Moderators, rote Jacke, weißes Käppi, sorgen derweil am Stand für beinahe lockere Stimmung. Die, die mitfahren wollen im Flirt-Express, mussten sich vorher im Internet anmelden. Auf 800 Plätze deutschlandweit kamen laut Bahn knapp 5000 Bewerber. In 15 deutschen Städten hatte das Unternehmen Singles zum Speed-Dating in Nahverkehrszüge eingeladen. Auf den zwei- bis dreistündigen Fahrten wechseln die Mitreisenden im Zehn-Minuten-Takt ihren Gesprächspartner und vermerken auf der zuvor ausgeteilten Flirt-Liste, ob weiterer Kontakt gewünscht wird - oder nicht. Den Rest der Kuppelei erledigt die Bahn: Quittieren beide die gegenseitige Sympathie in der Rubrik "Wiedersehen?" mit einem "Ja", sorgt das Unternehmen dank der eingesammelten Flirt-Listen für einen Austausch der Mail-Adressen.
Die Stimmung: Zwischen Klassenfahrt und Schützenfest
In Kiel sind um kurz vor sechs - entgegen des von der Bahn proklamierten Andrangs - noch Plätze frei. Kurzentschlossene sind mehr als willkommen, die Abteile zu füllen. Diejenigen, die sich einen Sitz im Voraus reserviert haben, pirschen sich unauffällig an. Während sie scheinbar intensiv den leuchtend gelben Fahrplan studieren, tasten ihre Blicke gleichzeitig die Wartenden in der Schlange ab. Wie groß ist die mögliche Ausbeute? Ist die eigene Zielgruppe an Bord?
"Hoffentlich sind all die tollen Männer schon eingestiegen", sagt Jana, Mitte 40, auf dem Weg zum Abteil, während sie sich umschaut. Was da an männlichen Flirtwilligen bislang am Bahnsteig steht, sieht nicht vielversprechend aus. Die einen sind zu jung, die anderen viel zu alt. Kein Traummann in Sicht. Und auch kein Liegewagen.
19 Frauen und 19 Männer steigen schließlich in den geschmückten Regionalexpress ein. An den Fenstern kleben rote Herzen aus Folie und Plastikvasen mit roten Rosen, darüber rote Luftballons. Auf den blauen Sitzen liegen Donuts mit rosafarbener Glasur, auf den Tischen stehen Salzstangen, auf den Gepäckablagen liegen Boxen zwecks Ötzi-Beschallung. So sieht er aus, der Sonderzug der einsamen Herzen. In ihm sitzen Junge und Alte, Arbeitslose und Rentner, Studenten und Metzger, Neugierige und Verzweifelte. An den Scheiben kleben Zahlen, jeder hat vor Abfahrt eine Startnummer zugewiesen bekommen.
So sitzen sie sich gegenüber, als der Zug sich langsam in Bewegung setzt, der Moderator per Mikrofon die gute Stimmung beschwört und die Damen in Rot Sekt ausschenken: Lehramtsstudentin Anne und Polizist Can, Drogerieverkäufer Jürgen und die attraktive Julie, Studentin Ines und Schlachter Axel. "Ein Stern, der Deinen Namen trägt" dudelt aus den Boxen. Die Stimmung bewegt sich zwischen Klassenfahrt und Schützenfest. Das Licht ist kalt, die Unterhaltungen sind laut. Romantik sieht anders aus.
Verbale Entgleisungen
Ines, 23, Psychologiestudentin, wollte eigentlich gar nicht erst einsteigen. Zwar hatte sie sich angemeldet und war mit Freunden zusammen zum Bahnhof gekommen, aber in letzter Sekunde war es ihr doch unangenehm. Vor allem vor den Kamerateams. Sich filmen lassen beim Flirten? Und jetzt sitzt sie da, trinkt Sekt aus einer tropfenden - weil undichten - Plastiksektflöte und versucht, mehr über Axel rauszufinden.
Der ist 47, trägt eine randlose Brille und eine leuchtend grüne Strickjacke und freut sich, wenn man ihn jünger schätzt. Er sagt, er sei Humanist, denn er mag Menschen. Dass er ein Menschenfreund ist, habe er schon gemerkt, als er noch selbstständig war als Schlachter und der Familienbetrieb vor allem solche Azubis ausgebildet hat, die woanders keine Chance bekamen. Inzwischen hat er sich umorientiert und versucht, in einer Einrichtung jungen Hartz-IV-Empfängern zu helfen. Ines macht gerade ein Praktikum. Man redet über Supervisionen und die Last, nach der Arbeit nicht abschalten zu können.
Der Lautsprecher verkündet das Ende der zehn Minuten. Axel geht, Bahtash kommt. Die Haare kurz rasiert, Sportjacke, strahlende Augen. Wo kommt der Name her? Das sei persisch und Ines, die er siezt, möge sein schlechtes Deutsch entschuldigen, er lebe erst seit einem Jahr hier, sagt Bahtash. Ines überlegt, wo Persien liegt und lobt ihr Gegenüber für seine guten Sprachkenntnisse. Bahtash will Theaterwissenschaften studieren und macht viel Sport, mag persische Küche und geht ins Fitnessstudio. Ines fragt und fragt. Dann stockt sie: "Willst Du nicht auch was von mir wissen?" Nein, sagt Bahtash: "Ich weiß gar nicht, was ich Dich fragen soll." Es wäre peinlich still, würden die Lautsprecher nicht eine Cover-Version von Gloria Gaynors "I will survive" ausspucken. So ist es zwar immer noch peinlich, aber wenigstens mit Geräuschkulisse. Doch zehn Minuten gehen vorbei. Irgendwann.
"Ich bin nur gekommen, um Dich kennenzulernen"
Während der Zug durch schleswig-holsteinisches Niemandsland tuckert, ertönt plötzlich ein Notruf. "Dame Numero eins fehlt ein Mann", meldet der Moderator übers Mikro und droht, den Techniker als Ersatz zu schicken, sollte der zugeordnete Partner nicht auftauchen.
Zu Ines stößt Jürgen, 38, Mitarbeiter einer Drogeriekette mit Oberlippenbart. Der Kragen seiner Jacke ist eingeschlagen. Jürgen kann noch nicht loslegen, er muss sich zunächst verdeckte Notizen zu Ines' Vorgängerin machen. Auf seiner Flirt-Liste hat er bei allen drei Damen, die er bislang gedatet hat, angegeben, dass er sie wiedersehen möchte. Auf Ines' Frage, warum er, der von weit herkommt, denn extra nach Kiel gekommen sei, sagt er: "Nur um Dich kennenzulernen."
Die Damen in Rot stellen den vierten Becher mit Salzstangen vor Ines auf den Tisch. Der Zug hält am Bahnhof von Wrist. "Ohhhh, neeeee, ne!", sagt Jürgen, als er erfährt, dass Ines Psychologin werden will.
Endstation Altona statt siebter Himmel
Abgelöst wird er durch Erwin, Jahrgang 1940, der findet, "das sei doch eine gute Sache, um Leute kennen zu lernen". Der pensionierte Eisenbahner hat auf dem Rückweg von seinem Einkauf bei Hertie den Stand in der Bahnhofshalle gesehen und sich spontan dazu entschlossen, mitzufahren. Ines wundert sich, dass Erwin zu Karstadt Hertie sagt und ist betroffen, als er erzählt, er freue sich über jeden Kontakt, seit seine Lebensgefährtin vor einem halben Jahr gestorben sei. Aber für Mitgefühl und Fragen ist wenig Zeit, denn zehn Minuten sind um und auf Ines wartet Polizist Can, Anfang 30, der sich inzwischen so viel Mut angetrunken hat, dass eine ganze Ladung Sekt aus seinem Glas auf Ines' Hose landet. Immerhin wagen beide noch einen Disko-Fox im Gang des Abteils.
Dann hält der Zug in Hamburg-Altona. Zwischenstopp. Auf dem Bahnhof treffen sie sich alle wieder. Jana und Ines, Andrea und Anne. Und sie tauschen sich aus. Über den einen mit der Tüte ("Geht ja gar nicht"). Und den netten Blonden, der für jede Frau eine einzeln verpackte Praline mitgebracht hat ("Aber viel zu jung").
Jana musste feststellen, dass die spannenden Männer leider nicht im Zug auf sie gewartet haben. Bei "Wiedersehen?" hat sie überwiegend "Nein" angekreuzt. Ines sagt, die Fahrt sei trotz allem sehr unterhaltsam gewesen.
Siebter Himmel? Nicht wirklich. Bibbernd stehen die Flirter im Bahnhof Altona - Gleis sieben. Immerhin.
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