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09.03.2008
 

Schwule Charts

Australien sucht die Homo-Hymne

Von Michael Lenz, Sydney

Cher, George Michael oder Abba? "Strong Enough", "Outside" oder "Dancing Queen"? Wer schrieb die bei homosexuellen Männern beliebtesten Gassenhauer? Und welches ist die Homo-Hymne? Eine australische Internetseite hat es herausgefunden.

Sydney - Böse Menschen haben keine Lieder. Wenn diese Volksweisheit stimmt, dann sind schwule Männer die besten Menschen der Welt. Die haben nämlich viele Lieder. Je kitschiger, gefühliger, herzschmerziger ein Schlager ist, desto größer ist seine Chance, ein Hit in der Schwulenszene zu werden. Wenn dann auch noch der "Interpret" anders ist, schräg, verrückt - und sei es nur in seinen Bühnenkostümen - ist der Erfolg garantiert.

Eine australische Homosexuellen-Webseite hat jetzt die 50 "schwulsten Songs aller Zeiten" ermittelt. Begeistert stimmten bei SameSame.com.au mehr als 15.000 schwule Männer für ihren persönlichen "gayest song of all times". Dass "Dancing Queen" der schwedischen Poplegende Abba mit Abstand auf den ersten Platz kam, wundert niemanden. "Bevor ich überhaupt die Hitliste von SameSame kannte, hätte ich auch sofort auf 'Dancing Queen' getippt", sagt die sonst eher zynische Mother Hell, eine "Nonne" der schwulen Aids-Aktivistengruppe "Sisters of the Perpetual Indulgence" in Sydney.

Die ultimative schwule Hitparade reicht von Madonna über Cher ("Strong Enough"), Barry Manilow ("Copacabana"), KD Lang ("Constant Craving"), Culture Club ("Do You Really Want To Hurt Me"), Diana Ross ("I'm Coming Out"), Barbara Streisand und Donna Summer ("No More Tears"), Sister Sledge ("We are Family"). Auch Bronskie Beat ("Smalltown Boy"), die Weather Girls ("It's raining men"), Deborah Harry ("I want that man"), die in Australien unvermeidliche Kylie Minogue ("Your Disco needs you") und natürlich die unvergesslichen Village People, die mit "YMCA" in der Beliebtheitsskala gleich nach Abba kommen, tauchen in den Charts auf. Die "Nonne" Mother Hell alias Rik Gebalski stöhnt: "Ich glaube, die meisten Schwulen würden vor Freude durchdrehen, wenn die gesamte Liste auf einer Party ohne Unterbrechung gespielt würde."

"Erinnerungen an gute Zeiten"

"Die meisten der Songs auf der Liste sind Fun, Partyhymnen, die Erinnerungen an gute Zeiten wachrufen. Zudem kann man die Songs von Madonnas 'Vogue' bis zu '9 to 5' von Dolly Parton leicht mitsingen und selbst im Wohnzimmer zu ihnen tanzen", sagt Tim Duggan, Mitbegründer von SameSame.com.au, nach eigenen Angaben Australiens größte schwul-lesbische Webseite.

Aber es gehe auch darum, sich angenommen und akzeptiert zu fühlen. Duggan betont: "Es gibt zwei Gemeinsamkeiten in den Songs - Spaß und Selbstbewusstsein. In Liedern wie Gloria Gaynors 'I will survive' und 'I am what I am' wird vermittelt, dass man stolz auf sich selbst und das, was man ist, sein kann. Die Gay Community fühlt sich durch solche starken und machtvollen Lieder verstanden."

Natürlich ist die SameSame-Hitparade nicht das letzte Wort in Sachen "gayest song" aller Zeiten, schließlich hat jeder seinen persönlichen, auch lokal geprägten Geschmack. In Deutschland zum Beispiel würde wohl Marianne Rosenberg mit "Er gehört zu mir" einen Spitzenplatz in den Homo-Charts belegen.

In den USA führte vielleicht die legendäre Bette Middler, die ihren Aufstieg in den Pophimmel in den schwulen Bars von New York begann. Jan Feddersen, "taz"-Redakteur und ausgewiesener Schlagerexperte outet seinen Lieblingssong: "Meine liebste schwule Schnulze - obwohl als solche nie annonciert - war immer Frank Schöbels 'Wie ein Stern'."

"Bombastischer Kitsch"

Für Robert Niedermeier, Chefredakteur des schwulen Reisemagazins "SpartacusTraveler", ist "Holding Out for a Hero" aus dem Jahr 1984 von Bonnie Tyler die Krönung homosexuellen Liedguts. "Dieser bombastische Kitsch, gepaart mit dem für Popmusik recht außergewöhnlichen Einsatz des Septakkordes ist grandios schwul. Und wer wartet nicht auf seinen Helden", sagt Niedermeier und fügt hinzu: "Der Hang zum Dramatischen, die Überhebung des Kitsches und das Quantum Außergewöhnlichkeit machen diesen Song zu meiner ganz persönlichen Schwulenhymne. Und Bonnie singt so männlich-herb. Wunderbar."

Homosexuelle Männer mögen das Positive, das Bunte, das Überdrehte. Feddersen sagt: "Abba waren heiter, trugen verrückte Kostüme und waren dem Leben zugewandt. Die Linke redet ja gerne von letztgültigen Werten und von der großen Chance des frühen Todes. Abba waren das genaue Gegenteil. Ey, Leute, es gibt ein Leben vor dem Tod, war die Botschaft." Zudem stellt Feddersen klar, dass Schwule immer die ersten sind, die auf neue Musikrichtungen abfahren.

"Die entscheidenden Musikstile der letzten 30 Jahre, wie Phillysound oder letztlich auch Soul, wurden ja von Schwulen promoted. Die ganze Factory um Barry White zum Beispiel sind homosexuelle DJs gewesen. In Motown saßen Schwule und der Background um Giorgio Moroder in München bestand nur aus Schwulen. Popularisiert wurden diese Musikrichtungen in den schwulen Discos."

Die Liste der 50 schwulsten Schlager aller Zeiten liest sich wie ein Who-is-Who der internationalen Schlagerwelt der letzten 70 Jahre. Älteste Schwulenhymne ist Judy Garlands "Over the Rainbow" (Platz 15), jener Klassiker des Films "Der Zauberer von Oz" aus dem Jahr 1939, dem Garland in der Rolle der kleinen Dorothy ihren Durchbruch als Superstar verdankt. In einem Zauberland jenseits des Regenbogens zu leben, in dem alles gut wird, ist der Traum der schwulen Männer, die weltweit in über 70 Ländern noch heute kriminalisiert und diskriminiert werden.

Kein Wunder, dass in den USA und in Australien zu Zeiten, in denen Homosexualität noch illegal war, das Eingeständnis "Friends of Dorothy" zu sein das Codewort für "Ich bin schwul" war. Garland war bis zu ihrem Tode 1969 durch eine Überdosis Schlaftabletten eine Ikone der Gay Community. Während einer Pressekonferenz in den Sechzigern fragte ein Reporter die Diva, ob sie sich ihrer treuen schwulen Gefolgschaft bewusst sei. "Mir ist das so was von egal", antwortete Garland, "ich singe für Menschen."

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