Von Kläre Weingarten und Michael Sontheimer
Noch an den beiden Tagen vor ihrem Verschwinden hatte Michaltschuk ihren Mann auf eine Vortragsreise nach Süddeutschland begleitet, wo sie nach den Aussagen der Gastgeber, des Kulturzentrums Bilderhaus in Gschwend, voller Pläne war, sich nach Stipendien für Künstler erkundigte, den Gastgeber nach Berlin einlud, und an der Stadtführung durch Stuttgart, das sie nicht kannte, mit großer Aufmerksamkeit teilnahm.
"Nichts an ihr wirkte deprimiert", sagte Martin Mühleis, der Organisator des Bilderhauses.
Aber Anna Altschuk litt, ohne dass man es ihr anmerkte. Alte Freundeskreise in Moskau zogen sich mehr und mehr von der ehemaligen Angeklagten und "Nestbeschmutzerin" zurück. Im Internet hatte es einen Mordaufruf gegen sie gegeben. Noch als sie vermisst wurde, meldeten sich nur wenige der prominenten russischen Intellektuellen bei ihrem Mann, allenfalls eine Handvoll guter Freunde. Der Prozess und das Exil waren für die Künstlerin zu einem Alptraum geworden, der sie von ihrer Sprache und von ihrem Land zwangsentfremdete. Ihren alten Eltern in Russland mochte niemand die Meldung von ihrem Verschwinden weitergeben, Tochter und Enkelkind in Moskau warteten vergebens auf einen Anruf.
Anna Michaltschuk/Altschuk, von ihren Freunden Anja genannt, wurde am 28. Mai 1955 in einer jüdischen Familie auf der nordrussischen Insel Sachalin geboren, ihre Eltern waren Geologen, die auf der Insel forschten. Die Tochter wuchs in Workuta im Nordural auf und studierte in Moskau Geschichte.
Als sie 19 Jahre alt war, heiratete sie den 1948 geborenen Ryklin. Beide lasen und schrieben viel, sie studierten auch Werke von Autoren, die in der Sowjetunion verboten waren, wie Solschenizyn. Michaltschuk war von seinem "Erster Kreis der Hölle" tief beeindruckt, wo sie zum ersten Mal vom Gulag und von den stalinistischen Repressionen erfuhr.
Keine Rückkehr nach Moskau - das war kaum zu ertragen
"Natürlich war das ein Schock", sagte sie in einem Radiogespräch 2006. "Ich hatte zwar schon vorher geahnt, dass die sowjetische Ideologie viele schlimme Seiten unserer Wirklichkeit überdeckte. Aber erst Solschenizyn hat gezeigt, was hinter dieser Fassade war."
Dass die Repression des russischen Staates sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs unter anderen Vorzeichen fortsetzen würde, war der spätere Schock. Doch Anna Altschuk blieb aktiv, auf ihre scheue, manchmal auch ironische, feinsinnige Art. 1986 war sie Mitbegründerin des Moskauer "Klubs für Geschichte der zeitgenössischen Kunst", sie wurde Herausgeberin der Zeitschriften "Paradigma" und "DP" und 1991 Mitglied im Schriftstellerkomitee der Russischen Föderation.
Als Feministin interessierte sie die Gender-Problematik in der Kunst, sie schrieb für die Website "Frauen und Avantgarde in Russland". Mit Performances, Installationen und Fotoarbeiten nahm sie an mehr als fünfzig Einzel- und Gruppenausstellungen teil, sie bereiste dabei halb Europa, stellte in Amsterdam aus, in Berlin, Stockholm, St. Petersburg und immer wieder in Moskau.
Dass ihr die Rückkehr nach Moskau nie wieder - oder doch nie mehr unbelastet - möglich sein würde, war für sie kaum zu ertragen. Im Deutschlandradio las sie vor zwei Jahren eines ihrer damaligen Lieblingsgedichte vor, verfasst von dem Sänger und Autor Alexander Galitsch, geschrieben in der Emigration. "Kehr ich wieder heim... /Nein, du, lach nicht, kehr ich wieder heim,/ Und lauf geradeaus durch den Februarschnee, kaum die Erde berührend,/ Zur Wärme, zum Nachtlager hin auf verblassenden Spuren."
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