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Aids in Ägypten "Von Safer Sex haben die Leute noch nie gehört"

2. Teil: "Eine Gefahr für das Volk, die weggeschlossen gehört"

"Was wir brauchen, ist eine weitere Studie und ein Schlachtplan gegen die Krankheit", sagt Kozman, dessen Zentrum seit über zehn Jahren hauptsächlich vom deutschen Hilfswerk Misereor finanziert wird. "Wir müssen dringend handeln, sonst steuern wir auf eine große Krise zu."

Dass sich nichts tut, liegt an einer typisch ägyptischen Zwickmühle. Zwar sei das Gesundheitsministerium einsichtig und willig und habe auch die erste Studie unterstützt. Als sich jedoch herausstellte, dass das Virus vor allem unter Schwulen weit verbreitet ist, verhinderte das Ministerium die Veröffentlichung der Ergebnisse, sagt Kozman. "Die haben Angst, dass Homosexuelle dann doppelt diskriminiert werden, wegen ihrer sexuellen Neigungen und weil sie als 'gefährliche, ansteckende Krankheitsträger' wahrgenommen werden."

Dass die pessimistische Einschätzung den Tatsachen entspricht, zeigt ein Fall aus Kairo. Vergangene Woche wurden dort fünf homosexuelle Männer zu je drei Jahren Haft verurteilt - da Homosexualität in Ägypten nicht strafbar ist, wurde ihnen "Prostitution" vorgeworfen. Die Polizei behandelte die Männer wie Verbrecher, kettete sie während der Untersuchungshaft monatelang ans Bett und unterzog sie Zwangs-HIV-Tests. Vier der Angeklagten waren positiv - eine "Gefahr fürs Volk, die weggeschlossen gehört", schlussfolgerte der Staatsanwalt.

Das schwulenfeindliche Klima macht Kozman seine Arbeit schwer.

Um überhaupt Teilnehmer für die erste Studie zu gewinnen, hat er einen schwulen Mitarbeiter mit einem Bündel Geld losgeschickt. Jeder seiner Bekannten, der sich testen ließ, bekam ein paar Pfund. Wer weitere drei Kandidaten brachte, bekam noch mal umgerechnet acht Euro. "Die Männer waren so misstrauisch, die haben zuerst einen vorgeschickt, der auskundschaften sollte, ob wir die Tests mit Kameras aufzeichnen und die Infizierten an die Polizei verpfeifen", erinnert sich Kozmann.

Einmal die Wahrheit über Leben und Krankheit sagen können

Marwan hat Träume, in denen er die Tabus, die ihm sein Leben schwer machen, mit Gewalt zertrümmert. "Ich bin stark, ich bin jung, ich will den Leuten sagen, dass sie mich umarmen können, ohne dass ihnen was passiert."

In seinem Marken-Polohemd und mit der für ägyptische Verhältnisse sündteuren Swatch-Uhr am Arm würde er gern in ein Café gehen, eine Tasse Tee bestellen und sagen: "Übrigens, ich bin einer von den Lebenden."

"Lebende", so nennen sich die Infizierten, die gerade im Nachbarraum zur Sitzung der einzigen ägyptischen HIV/Aids-Selbsthilfegruppe zusammenkommen.

Alle zwei Wochen treffen sich zwanzig Betroffene aus dem ganzen Land, um sich gegenseitig zu ermutigen, um wenigstens alle 14 Tage mal die Wahrheit über ihre Leben und ihre Krankheit sagen zu können. Einige reisen dazu extra aus dem etwa 900 Kilometer entfernten Luxor an. Viele sind Frauen, die über ihren Ehepartner infiziert wurden.

Marwan und Sara haben Glück. Noch ist die Krankheit bei keinem von ihnen ausgebrochen, auch der inzwischen eineinhalbjährigen Meya geht es soweit gut. Sara ist weiter in der Uni eingeschrieben, sie will ihr Handelsstudium beenden. Marwans Eltern, der Vater pensionierter Textilarbeiter, die Mutter ebenfalls pensionierte Angestellte eines Ölkonzerns, wissen Bescheid. Sie unterstützen den Sohn und die Schwiegertochter, wo sie können. Als nächstes müssen die beiden Saras Familie aufklären, der Anfang ist gemacht: Erst letzte Woche hat Sara ihrer Schwester von ihrer Infektion erzählt, die hat sie in die Arm genommen und getröstet.

Doch dann sind da die Rückschläge. Ebenfalls vergangene Woche sei eine Freundin gestorben, mit der er vor fünf Jahren mal geschlafen habe, sagt Marwan. "So ist es immer: Mein Leben war weiß, und nun ist es plötzlich nur noch schwarz." Er macht sich unendliche Vorwürfe, dass er Sara und Meya angesteckt hat. Sein Arzt erzählt, dass Marwan mehrere Selbstmordversuche hinter sich hat. "Für Väter, die ihre Kinder angesteckt haben, ist das sehr, sehr hart", sagt der Arzt.

"Alles ist Gottes Wille, wir liegen in Gottes Hand"

Ab und an tropft ein kleines bisschen Hoffnung in Marwans Leben: Wenn der "Global Fund" - wie im März geschehen - Geld gibt, damit auch Ägypter Zugang zu Spezial-Medikamenten bekommen, wenn sie gegen den Standard resistent geworden sind. Wenn sich der ägyptische Filmsuperstar Khaled Abol Naga bereit erklärt, in einem Spielfilm mitzumachen, der das Thema Hiv/Aids unters kinoverrückte ägyptische Volk bringen soll. Wenn er über die Caritas einen Kinderarzt genannt bekommt, dem er ohne Angst sagen kann, dass Meya infiziert ist.

Dank der neuen Medikamente ist die Lebenserwartung von HIV-Infizierten und Aids-Kranken auch in Ägypten gestiegen, "das sind die guten Nachrichten", sagt Kozman.

Die schlechten seien, dass es in dem Nilland fast unmöglich sei, ein durch und durch gesundes Leben zu führen. "Für HIV-Infizierte ist es in Ägypten schon gefährlich, in einen Bus einzusteigen oder auswärts zu essen", sagt Kozman.

Überall lauerten Infekte, die das Immunsystem belasten könnten. Aus Geldgründen gibt es antivirale Medikamente für die Patienten erst, wenn das Immunsystem schon stark geschwächt ist, vorher muss sich der Körper selbst wehren.

Marwan weiß das und ist verbittert. "Die Regierung gibt uns die Medizin erst, wenn es schon zu spät ist", sagt er. Wo kein Arzt helfen kann, sucht er sein Heil in Gott. "Alles ist Gottes Wille, wir liegen in Gottes Hand", sagt Marwan.

Seit der Diagnose betet er fünfmal am Tag, Sara trägt seitdem das Kopftuch.

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