Rangun/Peking - Langsam wird das ganze Ausmaß des Zyklons "Nargis" in Burma deutlich. Erst am gestrigen Montag hatte sich die Militärregierung erstmals zu den Opferzahlen des Zyklons "Nargis" geäußert: 10.000 Menschen seien durch den verheerenden Wirbelsturm gestorben. Am heutigen Dienstag nun die nächste schockierende Meldung: Es sind wohl noch viel mehr Tote.
Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet unter Berufung auf burmesische Regierungsquellen von mindestens 15.000 Opfern. Die Meldung ist durchaus plausibel, denn China ist der engste Verbündete der Militärjunta und hat in der Regel einen guten Draht zu den Generälen. Inzwischen hat der burmesische Informationsminister die Angaben bestätigt. Dem thailändischen Außenministers zufolge, der sich am Morgen mit dem burmesischen Botschafter getroffen hatte, werden noch immer 30.000 Menschen vermisst.
Zyklon "Nargis" raste am vergangenen Samstag mit einer mehr als drei Meter hoher Flutwelle an Land. Im Delta des Irrawaddy-Flusses wurden zahllose Dörfer überschwemmt. Uralte Bäume wurden von der Wucht der Orkanböen aus dem Boden gerissen und versperrten Straßen. Hunderttausende Menschen wurden obdachlos.
Die Regierung, die ihr Land seit Jahrzehnten abschottet und abgesehen von Touristen nur wenigen Ausländern Zugang gewährt, hat inzwischen Uno-Hilfe akzeptiert. "Wir werden umgehend die am dringendsten benötigte humanitäre Unterstützung liefern", sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki Moon. "Wegen fehlender Kommunikation und Informationen sind wir noch nicht ganz sicher über das Ausmaß der Schäden und die Zahl der Toten." In dem Katastrophengebiet leben nach vorläufigen Schätzungen rund 24 Millionen Menschen.
Einwohner von Rangun, denen es gelang, Kontakt zu Verwandten im Irrawaddy-Delta herzustellen, berichten von verheerenden Zuständen. Manche Dörfer seien dem Erdboden gleichgemacht. In anderen hätten kaum zehn Prozent der Bevölkerung überlebt. Die Reisernte, die in den nächsten Wochen eingefahren werden sollte, dürfte zerstört sein - eine Hiobsbotschaft für die Bevölkerung in dem bitterarmen Land.
Die Uno schickt ein Expertenteam von Thailand nach Burma, um den anlaufenden Großeinsatz zu koordinieren. Ein Team von fünf Katastrophenschutz-Experten werde von Bangkok aus in das Unglücksgebiet geschickt, teilte das Uno-Koordinationsbüro in Genf mit.
Das Welternährungsprogramm (WFP) werde in Rangun 500 Tonnen Lebensmittel bereitstellen und aus Kambodscha Generatoren nach Burma liefern. Das Auswärtige Amt in Berlin hat deutschen Hilfsorganisationen 500.000 Euro für humanitäre Hilfe in Burma zugesagt. Die Aktion "Deutschland Hilft", der zehn deutsche Hilfsorganisation angehören, will nach eigenen Angaben 200.000 Euro als Soforthilfe zur Verfügung stellen. Die EU-Kommission hat zwei Millionen Euro bereitgestellt. Frankreich hat 200.000 Euro zugesagt.
Die USA versprachen 250.000 Dollar. Weitere Hilfe könnte folgen, doch zunächst müsse das Regime deutlich machen, dass die Unterstützung willkommen sei, sagte First Lady Laura Bush, die das Regime in der Vergangenheit mehrfach aufgefordert hatte, die Menschenrechte einzuhalten. Sie warf den burmesischen Militärmachthabern Versagen beim Zivilschutz vor. Obwohl die Behörden von der Bedrohung gewusst hätten, hätten die staatlichen burmesischen Medien keine rechtzeitige Warnung ausgegeben, sagte die Frau von US-Präsident George W. Bush. Viele Menschen in dem südostasiatischen Land hätten erst von ausländischen Sendern wie Radio Free Asia und Voice of America von den Sturmwarnungen erfahren.
Erneut richtete sie scharfe Kritik an die Adresse der Militärjunta. Das südostasiatische Land könnte eine "der reichsten der Region sein. Doch die Junta missachte die "grundlegenden Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung".
Der Sturm war vom Golf von Bengalen aufgezogen und am vergangenen Freitagabend im Irawadi-Delta aufs Land getroffen. Die Böen erreichten Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern pro Stunde. Tausende Gebäude wurden zerstört, unzählige Bäume entwurzelt und Stromleitungen zerrissen. Der Flughafen von Rangun blieb geschlossen. Die Regierung erklärte fünf Regionen zu Katastrophengebieten: Neben Rangun und Irawadi waren dies Bago sowie die Bundesstaaten Mon und Karen.
ler/jdl/dpa/AFP
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