SPIEGEL ONLINE: Herr Radtke, wie viele Helfer Ihrer Organisation sind im burmesischen Krisengebiet?
Radtke: Wir haben dort 40 Mitarbeiter, fünf Entsandte und 35 lokale, hoch spezialisierte Einsatzkräfte.
SPIEGEL ONLINE: ... und können die nicht optimal einsetzen. Hilfsorganisationen klagen darüber, von der Militärjunta gegängelt und beaufsichtigt zu werden. Können Sie das bestätigen?
Radtke: Die "Malteser International" haben zurzeit in zwei Townships von Rangun absolute Bewegungsfreiheit. Fürs Delta haben wir allerdings von der Regierung keine Reisegenehmigung. Da müssen wir hin. Da herrschen Zustände wie damals beim Tsunami. Unsere Mitarbeiter berichten, dass es allein in dieser Region mehr als eine Million Obdachlose geben soll. Da werden wir gebraucht.
SPIEGEL ONLINE: Was tun Ihre Helfer jetzt genau?
Radtke: Unsere Leute sind in verschiedene Hilfsteams aufgeteilt, einige machen Bestandsaufnahmen, andere fahren mit ihren Fahrzeugen voll beladen mit Medikamenten raus und leisten, so weit machbar, direkt erste Hilfe vor Ort. Der enge operative Austausch mit den Partnerorganisationen macht die Hilfe möglich. Aber natürlich ist die Situation ungewöhnlich. Wir wissen, dass wir noch mehr tun könnten, wenn wir noch mehr Bewegungsfreiraum hätten.
SPIEGEL ONLINE: Welches sind die größten Probleme?
Radtke: Logistische Probleme haben wir vor allem durch die Katastrophe selbst. Sämtliche Zugänge und Straßen sind durch herumliegende Äste, Bäume und Mäste blockiert oder liegen unter Wasser. Die ohnehin marode Infrastruktur hat sich durch den Zyklon nur noch mehr verschlechtert. Außerdem haben wir ein massives Problem im Bereich der Energieversorgung. Im Moment steht jedem Menschen, den Helfern eingeschlossen, täglich knapp acht Liter Benzin zur Verfügung. Damit kommen wir nicht weit. Die gesamten Telefonleitungen im Land liegen brach. Satellitentelefone sind verboten. Das erschwert die dringend notwendige Hilfe ungemein.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie überhaupt Hilfsgüter einführen?
Radtke: Die Einfuhr und der Transport von Hilfsgütern werden von der Regierung streng kontrolliert und reglementiert, ein riesiger bürokratischer und restriktiver Vorgang. Das lähmt jede Handlung, jede Bewegung, jede Fahrt von A nach B. So weit es geht, versuchen wir die Nahrungsmittel im Land einzukaufen. Zum einen, um Transportkosten zu sparen und den Wiederaufbau im Land zu stärken, zum anderen, um den Opfern vertraute Produkte anzubieten. Andere Nahrungsmittel besorgen wir aus Nachbarländern, vorwiegend Thailand.
SPIEGEL ONLINE: Was brauchen die Opfer jetzt am dringendsten?
Radtke: Ein Dach über dem Kopf, medizinische Versorgung und Zugang zu sauberem Trinkwasser. Sonst besteht die Riesengefahr von Durchfallerkrankungen.
SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie von Deutschland aus Kontakt zu Ihren Leuten vor Ort?
Radtke: Die Leitungen nach Burma liegen brach. Intern sowieso, und auch von außen ist ein Kontakt dorthin ebenfalls so gut wie unmöglich. Einmal am Tag, immer gegen 12 Uhr, tauschen wir uns mit unserem Team über eine große Leit-E-Mail aus. Sie geben uns Bestandsaufnahmen, wir listen zum Beispiel die finanziellen Hilfsmittel, mit denen sie operieren können. Das ist die einzige Kommunikation, auf die wir uns im Moment wirklich verlassen können.
SPIEGEL ONLINE: Für die wenigen Mitarbeiter muss der Einsatz extrem belastend sein. Wie gehen die Helfer damit um?
Radtke: Unsere Helfer sind in der Lage, mit einer solchen Situation professionell umzugehen, auch wenn das, was sie gerade in Burma erleben, sehr belastend ist. Diese Katastrophe ist schwer in Worte zu fassen. Das Leid der hunderttausenden Verletzten und Überlebenden geht unseren Mitarbeitern natürlich sehr nah. Aber sie finden die notwendige Distanz, um helfen zu können. Und sie tauschen sich miteinander aus, um die Erlebnisse zu verarbeiten.
SPIEGEL ONLINE: Augenzeugen sprechen immer wieder erschüttert von den zahllosen Leichen, die auch am vierten Tag nach dem Zyklon noch auf den Straßen liegen.
Radtke: Die Toten müssen, so schnell es geht, beerdigt werden, allerdings - und das ist sehr wichtig - muss trotz der schrecklichen Umstände die Pietät gewahrt sein. Die Hinterbliebenen brauchen die Zeit, sich von ihren Angehörigen zu verabschieden. Das konnte damals bei der Tsunami-Katastrophe auch gewährleistet werden. Das darf auch in Burma nicht vergessen werden.
Die Fragen stellte Schabnam Tafazoli.
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