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08.05.2008
 

Burma nach dem Zyklon "Nargis"

Junta korrigiert Zahl der Todesopfer dramatisch nach oben

2. Teil: Burma lässt Hilfe nicht zu: "Eine Katastrophe in der Katastrophe"

Der Präsident des Europaparlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), hat das Verhalten der Regierung Burmas vor und nach der Wirbelsturmkatastrophe scharf kritisiert. "Der Militärjunta ist es offensichtlich nicht gelungen, ordnungsgemäß mit der Situation umzugehen", sagte Pöttering. "Weder waren präventive Maßnahmen gewährleistet, noch wurde der Bevölkerung rechtzeitig hinreichend Unterstützung bereitgestellt."

Den Überlebenden fehlt es an dem Nötigsten: In Rangun, vor allem aber in den abgeschiedenen Orten des Irrawaddy-Flussdeltas, haben sie Mühe, an Trinkwasser, Nahrung und Treibstoff zu kommen.

"Die Generäle haben bereits ihren letzten Kredit verspielt"

"Im Moment sind die Menschen mit ihrem Überleben beschäftigt. Doch ist diese Phase erst einmal überwunden, kann ich mir gut vorstellen, dass die Wut überkocht", sagt Sean Turnell von der australischen Macquarie-Universität. Aufstände, so schätzt der Experte für Burmas Wirtschaft, seien so gut wie vorprogrammiert: "Mit ihrer Reaktion auf die Proteste vom September haben die Generäle bereits ihren letzten Kredit verspielt."

Burma zählt zu den ärmsten Staaten der Welt. Seit 1962 wird das südostasiatische Land vom Militär regiert, das die einstmals aufblühende Wirtschaft in den Ruin trieb.

Als die Treibstoffpreise im vergangenen August in die Höhe gingen, kam es zu heftigen Protesten. Rasch schlugen sie zum größten Aufstand gegen die Junta seit fast zwei Jahrzehnten um: Angeführt von buddhistischen Mönchen gingen allein in Rangun bis zu 100.000 Menschen auf die Straße.

Nur mit Gewalt konnten die Behörden den Aufstand beenden: Mindestens 31 Menschen wurden nach Uno-Angaben getötet, rund 700 sollen bis heute in Haft sitzen.

Zwar kündigte die Junta im Januar ein Einfrieren der Treibstoffpreise an - stattdessen aber beschränkte sie die Ölversorgung. Hoffnungen der Behörden, durch Exporte nach Sri Lanka und Bangladesch von der weltweiten Reisknappheit zu profitieren, zerschlugen sich nun ebenfalls: Mit seinen Verheerungen über dem Irrawaddy-Delta zerstörte "Nargis" gleichzeitig Burmas "Reisschüssel" - wahrscheinlich reicht es jetzt nicht einmal mehr zur Versorgung der eigenen Bevölkerung.

Die buddhistischen Mönche in ihren roten Kutten, Helden und Initiatoren des Aufstandes vom vergangenen September, sind in diesen Tagen wieder allgegenwärtig.

Nach dem Wirbelsturm, der die Hauptstadt Rangun in Trümmern zurückließ, schwärmten Hunderte von ihnen aus, um sofort zu helfen. Mit Äxten machen sie sich an die Aufräumarbeiten, schaffen umgestürzte Bäume aus dem Weg und tragen Betonbrocken und Schutt weg.

"Die Mönche haben den Menschen geholfen"

Straßenlaternen und Reklametafeln liegen in den Straßen verstreut, auch die Splitter von Scheiben, die von entwurzelten Bäumen zerschlagen wurden. "Wir brauchen jetzt die Mönche, um diese Straße zu räumen", sagt eine Frau in einem westlichen Stadtteil von Rangun, die ihren Namen nicht nennen will.

"Natürlich haben wir auf Hilfe der Behörden gehofft, aber bis jetzt haben sie sich nicht blicken lassen", sagt sie. Teile von Dächern liegen auf der Straße, bedeckt von niedergerissenen Stromleitungen. "Die Mönche sind gekommen und haben den Menschen geholfen, die Straßen zu räumen und die Bäume wegzuschaffen."

Dass die 400.000 Mann starke Armee auf diese Katastrophe mit Tatenlosigkeit reagiert, macht viele Burmesen wütend. "Wir haben überhaupt keine Soldaten gesehen, nur Polizei in Panzerwagen. Am Samstagnachmittag tauchten einige Militärfahrzeuge auf, aber die meisten Soldaten standen nur herum und rauchten", sagt die 32-jährige Pip Paton, die mit ihrer Familie in Rangun unterwegs war, als der Sturm in der Nacht zum Samstag über das Land fegte. "An einigen Orten kamen Soldaten mit Kettensägen an, aber fast überall mussten die Einwohner die umgestürzten Bäume selber zersägen."

"Die Leute reden bereits darüber, wie schnell die Soldaten im letzten Jahr aus ihren Kasernen kamen und wie langsam sie diesmal reagieren", sagt Burma-Experte Sean Turnell von der Macquarie-Universität in Australien.

Während das Staatsfernsehen Bilder von Soldaten zeigt, die auf Bäume klettern und Stämme abtransportieren, sieht es vor Ort ganz anders aus. "Die meiste Arbeit wird von den Menschen geleistet. Sie haben einen erstaunlichen Gemeinsinn", sagt die in Rangun stationierte, britische Diplomatin Ruth Bradley-Jones. "Alle helfen: Mönche, Kinder, Frauen." Auf der Straße gebe es ständig Szenen von Hilfsbereitschaft, und sei es nur, "ein paar Zweige abzuschneiden, um ein Auto durchzulassen".

"Die Menschen sind wütend, und der Ärger wächst"

Die internationalen Hilfsorganisationen, die nun langsam ins Land kommen, müssen vor allem improvisieren: "Wir haben noch keine konkrete Vereinbarung mit der Regierung", sagte Unicef-Sprecher Patrick McCormick im BBC-Fernsehen.

"Wir haben die Bitte um Hilfe einfach als grünes Licht interpretiert, dass wir in die betroffenen Gebiete vordringen können." Die Militärregierung habe auch eigene Ressourcen, die mobilisiert werden müssten. "Wir brauchen zum Beispiel dringend Hubschrauber", sagte McCormick. Das Kinderhilfswerk ist mit gut hundert Mitarbeitern in der Küstenregion unterwegs und verteilt Erste-Hilfe-Pakete.

flo/dpa/AFP/Reuters/AP

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