• Drucken
  • Senden
  • Feedback
08.05.2008
 

Hilfsgüter für Burma

Uno fürchtet miese Tricks der Junta

Zynisches Katz- und Mausspiel im Angesicht einer humanitären Katastrophe: Die burmesische Militärregierung besteht darauf, internationale Hilfsgüter selbst zu verteilen. Beobachter vermuten, dass die Junta mit der Not Geschäfte machen will.

Rangun - Tote, Zerstörung, Verwesungsgeruch über dem Land, verzweifelte Menschen, denen nichts geblieben ist - und die Junta in Burma erlaubt sich ein zynisches Katz- und Mausspiel mit internationalen Hilfsorganisationen. So kann der geplante Flug einer US-Transportmaschine mit Hilfsgütern nach Burma nun doch nicht stattfinden, der zunächst grünes Licht von der Regierung erhalten hatte. Es sei unklar, ob die zuvor verkündete Einreiseerlaubnis durch die Militärjunta in Burma ein Missverständnis gewesen sei oder ob die Junta diese zurückgezogen habe, sagte US-Botschafter Eric John in Bangkok.

Dagegen hat die Uno von der Militärregierung die Erlaubnis erhalten, Flüge ins Land zu schicken, die erste Maschine mit Hilfsgütern ist in Rangun gelandet. Doch was damit nach der Landung geschieht, ob und wie schnell die Güter zu den Menschen gelangen, die sie brauchen, scheint nicht gesichert zu sein.

Güter nicht dem Militär zur Verteilung überlassen

Die Befürchtung von Helfern und oppositionellen Gruppen: Die Junta lässt die Lieferungen von der Armee entgegennehmen, lagert sie zwischen - um sie dann erneut von Hilfsorganisationen ankaufen zu lassen.

Eine Maschine der Rotkreuzföderation sollte noch am Donnerstag in Malaysia starten, sagte deren Sprecher John Sparrow. "Wir laden gerade sechs bis sieben Tonnen Pakete zur Aufbauhilfe ein, das reicht für einige tausend Menschen", sagte Sparrow. Die Pakete enthalten Plastikplanen, Nägel, Hämmer und Schnüre zur notdürftigen Reparatur beschädigter Häuser.

Die Maschine wurde gechartert und nimmt keine Rotkreuzmitarbeiter mit.

Die Rotkreuzföderation betont, man werde die Güter nicht dem Militär zur Verteilung überlassen. Nach Angaben von Sparrow, der selbst noch auf ein Visum zur Einreise wartet, wird das Material am Flughafen von Rangun von Mitarbeitern des burmesischen Roten Kreuzes in Empfang genommen und in eigene Lagerhäuser gebracht. "Wir werden sicherstellen, dass das Material nicht in die falschen Hände gerät", sagte Sparrow.

"Wir haben den Militärs erklärt, dass wir so nicht arbeiten"

Exilgruppen hatten berichtet, dass das Militär Hilfslieferungen aus Thailand und China entlud und umpackte, um es als Hilfe aus eigenen Beständen zu deklarieren.

Die Militärjunta hatte auch das Welternährungsprogramm aufgefordert, Lieferungen in Rangun an Regierungssoldaten auszuhändigen, sagte Sprecherin Bettina Luescher im Fernsehen: "Wir haben ihnen erklärt, dass wir so nicht arbeiten."

Nach Angaben Sparrows soll das Material so schnell wie möglich von den 17 000 einheimischen freiwilligen Rotkreuz-Mitarbeitern verteilt werden. Die im Land selbst bereitgehalten Bestände seien bereits ausgegeben worden. "Es ist ein Testflug", sagte Sparrow.

"Wir müssen sehen, wie das System funktioniert." Geplant sei anschließend eine Luftbrücke. Die Lagerhäuser in Kuala Lumpur und Bangkok seien voll. "Es ist nur eine Frage des Transports", sagte er.

"Die Regierung muss zulassen, dass wir helfen können"

"Die Regierung muss endlich zulassen, dass wir den Menschen helfen können", fordert auch Ingo Radtke, Leiter von Malteser International. Stattdessen werde die Haltung der Regierung eher noch restriktiver. "Auch in die Projektgebiete rund um Rangun, in denen wir bereits vor dem Zyklon tätig waren, dürfen unsere internationalen Mitarbeiter nicht mehr fahren."

Die Malteser hätten auf eine Verbesserung der Lage gehofft, doch dann seien bereits erteilte Reisegenehmigungen wieder zurückgezogen worden. Die Regierung plane, selbst die Verteilung aller Hilfsgüter zu übernehmen, was die Arbeit der Hilfsorganisationen enorm behindern würde.

Das Flüchtlingshilfswerk der Uno (UNHCR) will in zwei Tagen Hilfsgüter nach Burma liefern. Im Nordwesten Thailands, bei Mae Sot, stünden insgesamt 22 Tonnen mit Waren bereit, sagte UNHCR-Sprecherin Jennifer Pagonis. Die dürften dann über die Grenze nach Rangun gebracht verteilt werden. Das Problem: die Logistik.

Die Organisation habe 70 Mitarbeiter vor Ort, die befänden sich jedoch hauptsächlich in Gebieten, die vom Zyklon verschont geblieben sind, sagte Janet Lim, Direktorin des Asien-Pazifik-Büros von UNHCR.

Die Lagerbestände in Rangun gehen zur Neige

Die Aktion Deutschland Hilft, ein Bündnis aus zehn Hilfsorganisationen, warnt derweil vor einer massiven Nahrungsknappheit in Burma.

Weil die Militärregierung kaum Güter ins Land lasse, müssten die Hilfsorganisationen lokale Märkte leer kaufen, um der Bevölkerung in den zerstörten Gebieten zu helfen, sagte Janina Niemietz vom Aktionsbündnis. "Doch die Lagerbestände in Rangun gehen zur Neige. Es sind definitiv nicht genügend Hilfsgüter da", warnte sie. Vor allem die Überlebenden im Süden des Landes seien akut gefährdet.

Auch Aktion Deutschland Hilft wirft der Militärjunta vor, Hilfsgüter nur selbst verteilen zu wollen. Die wenigen bislang genehmigten Hilfslieferungen aus dem Ausland würden von der Regierung übernommen. "Doch das Militär kann nicht bedarfsgerecht verteilen", warnte Niemietz.

Zudem dürften die internationalen Helfer, die bereits im Land seien, die frühere Hauptstadt Rangun weiterhin nicht verlassen. Die am schlimmsten betroffene Region des Irrawaddy-Flussdeltas könne deshalb kaum versorgt werden.

Nach der verheerenden Wirbelsturmkatastrophe in Burma - am Samstag hatte Zyklon "Nargis" mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern zunächst das Delta, dann auch die Metropole Rangun getroffen - rechnen selbst die örtlichen Behörden mittlerweile mit mehr als 80.000 Toten. Eine US-Diplomatin ging unter Berufung auf den Bericht einer Hilfsorganisation von bis zu 100.000 Toten aus.

Allein im Bezirk von Labutta müsse mit Opferzahlen in dieser Höhe gerechnet werden, so ein Armeevertreter. Dutzende der 63 Ortschaften um die Stadt Labutta seien ausradiert.

Der Zyklon beschädigte offenbar auch das Haus von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi in Rangun schwer. Der Wirbelsturm habe Teile des Dachs des Bungalows weggerissen, in dem die Politikerin unter Hausarrest steht, sagte ein Nachbar. Die Nobelpreisträgerin habe in ihrem beschädigten Haus keinen Strom und auch keinen Generator. Ein Baum auf dem Grundstück sei entwurzelt worden.

pad/dpa/AFP/Reuters/AP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles zum Thema Zyklon "Nargis" in Burma

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP