Bogale - Das Hochwasser ist noch nicht ganz abgeflossen. Wenige Lastwagen der Hilfsorganisationen sind bis hierhin vorgestoßen. Nur ein Hubschrauber der burmesischen Armee wurde am Freitag gesichtet. Er warf Nudeln ab über der zerstörten Deltaregion, die so sehr viel mehr benötigt. Win Kyi sucht ihren Sohn und wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Mit ausgestreckten Armen bittet sie um Essen, Geld, Wasser - um alles, was ihr zum Leben fehlt. "Ich habe nichts", sagt sie sichtlich unter Schock. "Alles ist verloren."
Zehn Tage nachdem der Zyklon die flache Küstenregion von Burma verwüstet hat, wird offensichtlich, wie massiv die Zerstörung ist und wie wenig Hilfsgüter bei den Tausenden Dorfbewohnern südlich von Rangun, der größten Stadt des Landes, angekommen sind. Es riecht nach Tod und Verwesung in dieser Region, in der nach Angaben der Militärjunta 10.000 Menschen ums Leben gekommen sind.
Die tatsächlichen Todeszahlen sind kaum zu schätzen, der Zyklon hat Bäume und Häuser hinweg gefegt, nur aufgeblähte Tierleichen hinterlassen. Die Bilder erinnern an den Tsunami in Südostasien, durch den im Jahr 2004 181.000 Menschen starben. Auf der einzigen Straße von Rangun nach Bogale sieht man keine Menschenseele. Noch immer dürfen Hilfsorganisationen und die wenigen ausländischen Journalisten in Burma nicht in die Regionen, die am stärksten von der Katastrophe betroffen sind, vor allem die Küstenregion am Andamanischen Meer.
Die Leute erzählen, dass dort ganze Dörfer von der Landkarte verschwunden sind. Man zählt die Überlebenden, nicht die Toten, weil das so schneller geht. Im Dorf Day Da Nam, gut fünfzig Kilometer von Rangun entfernt, treiben die 28 Bauern, die vom Zyklon getötet wurden, noch immer im inzwischen fallenden Hochwasser. Thein Tun, ein 44-jähriger Busfahrer, sagt, Lebensmittel seien knapp und das Trinkwasser verseucht. Alle Busse sind zerstört. "Jetzt kommen die Seuchen", fügt er hinzu. Auch die Hilfsorganisationen vor Ort befürchten das, wenn nicht bald Medizin und sauberes Trinkwasser in die Region gebracht werden.
Derweil essen die Dorfbewohner im Wasser schwimmende Bananen und andere faulende Früchte. "Normalerweise gibt es zwei Mahlzeiten am Tag", sagt Thein Tun, "jetzt essen wir nur einmal".
Doch niemand in den zerstörten Dörfern und überfluteten Reisfeldern erzählt, dass Menschen verhungern. Die Reisspeicher sind zwar im Sturm nass geworden, doch die Dorfbewohner haben die Körner auf Plastikplanen zum Trocknen ausgebreitet. Der Reis riecht zwar muffig, aber die Bauern haben keine andere Wahl als ihn zu essen. "Er schmeckt schlecht, aber solange wir ihn noch essen können, werden wir das tun", sagt der 43-jährige Reisbauer Than Tun. "Ansonsten geben wir ihn den Schweinen."
Wie Hunderte anderer Bauern lebt er in einer Bambushütte am Straßenrand, seitdem der Zyklon sein Haus zerstört hat. Die Straße liegt etwas höher als das übrige Land. Daher sind viele Menschen auf die Straße geflüchtet, als der große Sturm kam. Das Wasser ist immer noch nicht komplett in die See zurückgelaufen. Es schmeckt brackig. Das ist ein Problem für die Menschen, aber nicht für die Reispflanzen, denen etwas Salz nicht schaden soll. Das längerfristige Problem vor Ort ist, dass viele Bauern kein Saatgut mehr haben.
"Der Wind hat alles verweht", sagt Zaw Win, ein Bauer aus Leyaim, eine halbe Autostunde von Ranguns Stadtrand entfernt. Seine Reisreserven wurden vom Wasser weggeschwemmt. Sie hätten ihn bis November versorgt. Im November hätte dann die Haupternte des Jahres die Speicher wieder gefüllt.
Im Dorf Painal Kone hat das örtliche Kloster seine Reserven verteilt, um die unmittelbare Not zu lindern. Auch die Militärregierung verteile Reis, erzählen Bauern vor allem im Süden des Landes. "Jeder mit einem zerstörten Dach erhält eine oder zwei Tassen Reis", erzählt Enteneierhändler Htayl Lwin. In seinem Hauseingang liegen seine Geschäftsbücher zum Trocknen. Obwohl sein Haus auf Stelzen mitten im Fluss steht, ist niemand in seiner Familie im Sturm umgekommen. Doch in den ersten Tagen nach der Katastrophe trieben immer wieder Leichen am Haus vorbei.
Auch Htayl Lwin sagt, am schlimmsten habe es die Küstenstreifen getroffen. Im Dorf Kyme Kyoung hätten nur zwei Menschen den Zyklon überlebt. Die Polizei gestatte in diese Region kaum Zugang.
Etwa 400 Menschen ohne Dach über dem Kopf haben zunächst im Gebetsraum des Klosters Zuflucht gefunden. Darunter ist auch Win Kyi. Sie wurde von ihren zwei Söhnen getrennt, als der Zyklon zuschlug. Auch ihr Haus und ihren Wasserbüffel hat sie verloren. Seitdem reist sie jeden Tag zum Polizeistützpunkt und studiert die Namensliste der Toten. Freitag sagte man ihr, ein Sohn sei verletzt aufgefunden worden. Als die Mutter ihr Kind wiedersah, umarmten sie sich lange. "Er sagte' 'ich lebe. Mein ganzer Körper schmerzt. Aber ich bin wieder bei meiner Mama'." Auf ihren zweiten Sohn wartet Win Kyi noch immer.
Mit freundlicher Genehmigung der "New York Times"
Übersetzung: Christoph Hendrik Müller
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