Rangun - Noch immer dürfen ausländische Katastrophenexperten nicht einreisen - und die Machthaber in Burma wissen auch warum: Bislang gibt die Militärjunta die wenigen Hilfsgüter, die sie ins Land lässt, offenbar als eigene Wohltaten aus. Auf die Kisten wurden die Namen führender Generäle geschrieben - ein offenkundiger Versuch, aus der internationalen Hilfe propagandistisches Kapital zu schlagen.
Das Staatsfernsehen zeigte ständig Bilder, wie Generäle Kisten an Überlebende der Sturmkatastrophe verteilten, darunter auch der Chef der Militärjunta, General Than Shwe. Auf einer Kiste war beispielsweise der Name von Generalleutnant Myint Swe zu lesen. Die dicke Aufschrift überdeckte den kleineren Aufdruck "Hilfe aus dem Königreich Thailand".
"Wir haben schon gesehen, dass regionale Kommandeure ihre Namen auf die Seite von Hilfslieferungen aus Asien geschrieben haben und behaupten, es sei ein Geschenk von ihnen", berichtete Mark Farmaner, Direktor der Menschenrechtsorganisation Burma Campaign UK.
Nur wenige Hilfslieferungen werden überhaupt ins Land gelassen - doch die Bedürftigen müssen trotzdem warten: Am Samstagmittag startete im thailändischen Grenzort Mae Sot ein Konvoi des Flüchtlingshilfswerks UNHCR mit 20 Tonnen Zelten und Plastikplanen für 10.000 Menschen in Richtung Rangun. Doch die beiden Lastwagen wurden etwa einen Kilometer hinter der Grenze vom Militär in ein Kloster dirigiert, berichtet ein Reporter von SPIEGEL ONLINE.. Das UNHCR bemühe sich, die dringend benötigten Hilfsgüter so schnell wie möglich wieder auf den Weg zu bringen, sagte eine Sprecherin.
Deutsche Hilfsorganisationen versichern, dass die Militärjunta in Burma keinen Zugriff auf Spenden für die Opfer des Zyklons "Nargis" hat. "Wir wickeln alle Zahlungen nur über unsere Partner in Burma ab", sagte Caritas-Sprecher Achim Reinke der "Berliner Zeitung". Ähnlich äußerte sich die Diakonie: "Geld fließt erst, nachdem die lokalen Helfer konkrete Anträge gestellt haben", zitierte die Zeitung Ulrike Felsenstein von der Diakonie-Katastrophenhilfe. Spendengelder würden ohnehin ausschließlich an Nichtregierungsorganisationen überwiesen.
"Lage ist an Dramatik und Traurigkeit kaum zu überbieten"
Und die sind immer noch dringend erforderlich. Denn Mitarbeiter der Hilfsorganisation Humedica aus Rangun berichten, die Lage in der zerstörten Stadt sei an Dramatik und Traurigkeit kaum zu überbieten: "Es gibt keine Nahrungsmittel und kein sauberes Trinkwasser mehr. Die physisch und psychisch angeschlagenen Menschen verhungern und verdursten. Mit jeder Minute, die ohne internationale Hilfe vergeht, sterben Menschen, die gerettet werden könnten."
Zwar schickte das Internationale Rote Kreuz am Freitagabend von Genf aus erste Hilfsgüter nach Burma. Das Flugzeug war mit Pumpen, Generatoren, Wassertanks und Wasseraufbereitungsmaterial beladen. Damit solle vor allem den Insassen von Gefängnissen und Arbeitslagern geholfen werden, hieß es.
Aber noch immer kommen die internationalen Hilfsorganisationen nur schleppend voran, weil die sturen Militärs in Burma den Helfern immer noch die Einreise in das vor einer Woche zerstörte Land verweigern. Inzwischen rechnen die Vereinten Nationen mit bis zu 100.000 Todesopfern und rund 1,9 Millionen Menschen, die von Hunger, Durst und akuter Seuchengefahr betroffen sind.
Tatsächlich droht dem Land eine zweite Todeswelle: Eine Woche nach der Katastrophe leide das Land an einem Mangel sauberen Trinkwassers und dem Ausbruch ansteckender Krankheiten, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wundinfektionen, chronischer Durchfall und Erkrankungen wie Malaria und Denguefieber bedrohten die Bevölkerung. Den Menschen drohe ohne medizinische Hilfe der Tod, sagte Greg Beck vom International Rescue Committee. "Das ist die zweite Katastrophe nach dem Zyklon."
"Verletzungen, die wir nie zuvor gesehen haben"
Viele Patienten litten unter Durchfall und Entwässerung, sagte ein burmesischer Arzt über die Lage in Labutta, einer der am schwersten betroffenen Orte im Irrawaddy-Delta. Es gebe kaum Kochsalzlösung für Infusionen, die gegen das Austrocknen helfen könnten. Verschmutztes Wasser stelle wegen drohender Cholera ein großes Problem dar, sagte der Arzt in Myaung Mya weiter. In dem rund 50 Kilometer von Labutta entfernten Ort sind 80 Prozent der Gebäude zerstört oder beschädigt. Auch das Dach des örtlichen Krankenhauses wurde abgedeckt.
Blutvergiftung sei unter den Patienten weit verbreitet. Sehr viele Menschen hätten durch die vom Sturm herumgewirbelten Trümmer Fleischwunden erlitten. "Das sind Verletzungen, die wir noch nie zuvor gesehen haben", fügte der Arzt hinzu.
Weltweit wächst inzwischen die Wut über die Weigerung des Regimes sich von der internationalen Gemeinschaft helfen zu lassen. Erste Länder fangen deshalb an, nach neuen Möglichkeiten zu suchen: So kündigte Frankreich an, für die Hilfsgüter ein Kriegsschiff einzusetzen. "Wir haben entschieden zu handeln, ohne weiter zu warten", sagte Außenminister Bernard Kouchner der Zeitung "Le Figaro". Mit dem Kriegsschiff "Mistral" sollen 1500 Tonnen Hilfsgüter in das südasiatische Land geschickt werden. "Die Hilfe wird direkt an die Betroffenen verteilt (...)", sagte Kouchner. "Es kommt nicht infrage, die Hilfe direkt an die Junta zu liefern. Dieses Regime ist zu allem fähig - selbst dazu, inmitten einer Naturkatastrophe eine Verfassungsabstimmung zu organisieren."
Auch der internationale Druck wächst: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Regierung in Burma eindringlich zur Kooperation auf. Hilfsorganisationen müssten "ohne jede Behinderung" so schnell wie möglich ins Land gelassen werden. Er habe versucht, direkt mit den Machthabern in Burma zu sprechen, dies sei ihm aber bisher nicht geglückt. Auch die USA, Deutschland und Großbritannien machten Druck - bisher aber ohne große Wirkung. Immerhin erhielt ein US-Militärflugzeug mit Hilfsgütern für Montag die Landeerlaubnis in Rangun.
Russland beugt sich dem Diktat aus Burma
Am Samstag trafen auch die ersten russischen Hilfsgüter in Burma ein. In Rangun sei am Morgen ein Transportflugzeug mit rund 30 Tonnen Zelten und Decken gelandet, meldete die Agentur Itar-Tass. Die Hilfsgüter würden der Regierung in Burma übergeben, die selbst die Verteilung übernehme. Damit beugt sich Russland dem Diktat der burmesischen Regierung, Hilfsgüter lediglich abzuliefern und nicht selbst zu verteilen. Insgesamt will Russland nach Angaben der staatlichen Agentur RIA Nowosti mindestens 60 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und Diesel-Generatoren nach Burma bringen.
Das Welternährungsprogramm (WFP) verhandelte am Samstag noch mit dem Militär über die Freigabe der konfiszierten Lieferungen vom Freitag. Sie waren ohne Zustimmung der Organisation am Flughafen in ein Lagerhaus gebracht worden. Das WFP setzte seine Flüge am Samstag dennoch fort. "Angesichts der humanitären Krise sind wir einfach verpflichtet weiterzumachen", sagte Sprecher Marcus Prior in Bangkok.
sam/AP/dpa/Reuters
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