Von Jürgen Kremb, Singapur
Als London seine Kolonie Burma am 4. Januar 1948 in die Unabhängigkeit entließ, war das Land das reichste in ganz Südostasien. Doch nach sechs Jahrzehnten Misswirtschaft durch immer wieder andere, aber stets äußerst kleptomanische und korrupte Offiziere leben die knapp 50 Millionen Burmesen heute in dem größten Armenhaus der prosperierenden Asean-Region.
"Denen ist der Zustand des Landes absolut gleichgültig", sagte schon im vergangenen Herbst ein bekannter Wirtschaftsexperte in Rangun dem SPIEGEL. Das war kurz nachdem die Generäle den Aufstand der Mönche in den Straßen Ranguns blutig niedergemacht hatten.
Die führenden Familien scheffeln ihren geradezu obszönen Reichtum, so der Fachmann, indem sie Gefälligkeiten an Günstlinge vergeben und Güter künstlich verknappen. So verdient Diktator Than Shwe und sein Vize Maung Aye etwa an jedem importierten Auto und an jeder vergebenen Handynummer Unsummen von Dollar. Aber auch der Rest der zwölfköpfigen, korrupten Junta, die sich sinnigerweise "Rat für Frieden und Wiederaufbau" nennt, ist durch den Export von Tropenhölzern, Edelsteinen und Schwarzgeschäften steinreich geworden. "Das Land ist vollkommen pleite", sagt der Mann, "aber sie schwimmen im Geld."
Schon von dem Zyklon "Nargis" gab eine Durchschnittsfamilie mehr als 70 Prozent ihres Einkommen für Lebensmittel aus. Viele hungerten, ein Drittel der Kinder sind unterernährt. Kaum auszudenken, was in den nächsten Wochen in Burma passiert.
"Solange es dem Machterhalt dient, sind die Leichen egal"
Dennoch ist zu bezweifeln, dass dies die Junta zum Einlenken zwingen wird. "Dass die Generäle auch trotz der vielen Toten noch immer keine ausländischen Katastrophenhelfer ins Land lassen wollen, hat natürlich damit zu tun, dass sie sich mit dem Referendum erstmal ungestört die Macht für die nächsten Jahre sichern wollen", sagt Soe Aung, Sprecher der burmesischen Exilopposition. Grundsätzlich gelte eben: "Solange es dem Machterhalt dient, ist es den Generäle vollkommen gleich, über viele Hunderttausend Leichen sie dafür gehen müssen."
Ein EU-Diplomat glaubt aber, dass hinter der menschenverachtenden Hinhaltetechnik und dem Verbot, Nothelfer ins Land zu lassen, noch ein anderer Grund zu erkennen sei. "Ich würde nicht ausschließen, dass Militärs Hilfsgüter auch unter der Hand verkaufen und sich damit noch mehr bereichern", meint er.
Erste Anzeichen hat es dafür schon gegeben. Nachdem in den vergangenen Tagen in Rangun die Militärs Zinkbleche für Dachabdeckungen zuerst an jene Soldatenfamilien kostenlos vergeben haben, deren Häuser vom Wirbelsturm "Nargis" beschädigt wurde, bekamen normale Bürger die Hilfsgüter nur gegen Bargeld. Und auch das Trinkwasser, das die Feuerwehr der größten Stadt des Landes verteilte, ist nicht immer umsonst. Viele Durstende mussten dafür mit ihren letzten Notgroschen bezahlen.
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