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10.05.2008
 

Katastrophenregion

Berlin will Burma-Hilfe mit internationalem Druck durchsetzen

Millionen Menschen hungern, warten vergeblich auf Zelte und Nahrungsmittel - doch die werden von Burmas Militärs abgefangen. Angesichts der dramatischen Lage im Katastrophengebiet will die Bundesregierung nun Hilfe auch gegen den Willen der Junta durchsetzen.

Rangun - Die unnachgiebige Haltung der burmesischen Militärjunta bei der Verteilung von Hilfsgütern provoziert die internationale Gemeinschaft. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichneten es in einem gemeinsamen Telefongespräch am gestrigen Samstag als "inakzeptabel", dass sich die Führung in Rangun weiter der Zusammenarbeit mit internationalen Hilfsorganisationen verweigere.

Trotz der internationalen Kritik ließ Burmas Militärjunta am gestrigen Samstag die notleidenden Menschen über eine neue Verfassung abstimmen. Doch in der Bevölkerung wächst der Unmut: "Die Hälfte unseres Dorfes ist zerstört, aber wir müssen wählen. Ich habe mit 'Ja' gestimmt, wie alle anderen, aber ich weiß nichts über die Verfassung", sagte eine junge Frau nördlich von Rangun unter Tränen. Das Wichtigste für ihre Familie sei jetzt, ein Dach über dem Kopf zu finden. Ein Café-Besitzer im Handelsort Pathein sagte: "Was für uns zählt, das sind die Opfer. Die Leute sind angewidert." Nur in den am stärksten betroffenen Katastrophengebieten im Irrawaddy-Delta und Rangun wurde das Referendum um zwei Wochen verschoben.

Die Bundesregierung erwägt nun, auch gegen den Willen der Militärjunta Hilfsgüter ins Land zu schleusen. "Die internationale Gemeinschaft hat die Verantwortung und das Recht, Menschen in Not zur Seite zu stehen, auch wenn die eigene Regierung sich dagegen sträubt", sagte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Sie unterstütze die Initiative des französischen Außenministers Bernard Kouchner, durch Einschaltung des Uno-Sicherheitsrats "Druck auf die Regierung in Myanmar auszuüben".

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagte der Zeitung: "Wenn normale Spendenorganisationen wie die Welthungerhilfe es nicht schaffen, muss gegebenenfalls auch über einen Beschluss der Vereinten Nationen nachgedacht werden."

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) erklärte im Gespräch mit der FAS, Deutschland sei auf einen komplexen humanitären Soforthilfeeinsatz vorbereitet. Die Helfer vom Technischen Hilfswerk seien "abflugbereit".

Machthaber schlagen aus der Nothilfe Kapital

Noch immer dürfen ausländische Katastrophenexperten nicht einreisen - und die Machthaber in Burma wissen auch warum: Bislang gibt die Militärjunta die wenigen Hilfsgüter, die sie ins Land lässt, offenbar als eigene Wohltaten aus. Auf die Kisten wurden die Namen führender Generäle geschrieben - ein offenkundiger Versuch, aus der internationalen Hilfe propagandistisches Kapital zu schlagen.

Das Staatsfernsehen zeigte Bilder, wie Generäle Kisten an Überlebende der Sturmkatastrophe verteilten, darunter auch der Chef der Militärjunta, General Than Shwe. Auf einer Kiste war beispielsweise der Name von Generalleutnant Myint Swe zu lesen. Die dicke Aufschrift überdeckte den kleineren Aufdruck "Hilfe aus dem Königreich Thailand".

"Wir haben schon gesehen, dass regionale Kommandeure ihre Namen auf die Seite von Hilfslieferungen aus Asien geschrieben haben und behaupten, es sei ein Geschenk von ihnen", berichtete Mark Farmaner, Direktor der Menschenrechtsorganisation Burma Campaign UK.

Deutsches Flugzeug auf dem Weg

Nur wenige Hilfslieferungen werden überhaupt ins Land gelassen - und die Bedürftigen müssen weiter warten: Am gestrigen Samstagmittag startete im thailändischen Grenzort Mae Sot ein Konvoi des Flüchtlingshilfswerks UNHCR mit 20 Tonnen Zelten und Plastikplanen für 10.000 Menschen in Richtung Rangun. Doch die beiden Lastwagen wurden etwa einen Kilometer hinter der Grenze vom Militär in ein Kloster dirigiert, berichtet ein Reporter von SPIEGEL ONLINE. Das UNHCR bemühe sich, die dringend benötigten Hilfsgüter so schnell wie möglich wieder auf den Weg zu bringen, sagte eine Sprecherin.

Vom Flughafen Hahn (Rheinland-Pfalz) aus startete am gestrigen Samstagabend eine Maschine der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" mit 35 Tonnen Hilfsgütern für Burma. Dazu gehörten neben Plastikplanen auch Materialien zur Trinkwasseraufbereitung und medizinische Utensilien, berichtete eine Sprecherin der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen". Sie zeigte sich "sehr optimistisch", dass die Flieger in Burma landen dürfen und dass die Organisation die Güter selbst entladen und verteilen darf. "Ärzte ohne Grenzen" habe dort über 43 internationale und 1200 einheimische Mitarbeiter.

Deutsche Hilfsorganisationen versichern, dass die Militärjunta in Burma keinen Zugriff auf Spenden für die Opfer des Zyklons "Nargis" hat. "Wir wickeln alle Zahlungen nur über unsere Partner in Burma ab", sagte Caritas-Sprecher Achim Reinke der "Berliner Zeitung". Ähnlich äußerte sich die Diakonie: "Geld fließt erst, nachdem die lokalen Helfer konkrete Anträge gestellt haben", zitierte die Zeitung Ulrike Felsenstein von der Diakonie-Katastrophenhilfe. Spendengelder würden ohnehin ausschließlich an Nichtregierungsorganisationen überwiesen.

"Lage ist an Dramatik und Traurigkeit kaum zu überbieten"

Und die sind immer noch dringend erforderlich. Denn Mitarbeiter der Hilfsorganisation Humedica aus Rangun berichten, die Lage in der zerstörten Stadt sei an Dramatik und Traurigkeit kaum zu überbieten: "Es gibt keine Nahrungsmittel und kein sauberes Trinkwasser mehr. Die physisch und psychisch angeschlagenen Menschen verhungern und verdursten. Mit jeder Minute, die ohne internationale Hilfe vergeht, sterben Menschen, die gerettet werden könnten."

Inzwischen rechnen die Vereinten Nationen mit bis zu 100.000 Todesopfern und rund 1,9 Millionen Menschen, die von Hunger, Durst und akuter Seuchengefahr betroffen sind. Tatsächlich droht dem Land eine zweite Todeswelle: Eine Woche nach der Katastrophe leide das Land an einem Mangel sauberen Trinkwassers und dem Ausbruch ansteckender Krankheiten, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Den Menschen drohe ohne medizinische Hilfe der Tod, sagte Greg Beck vom International Rescue Committee. "Das ist die zweite Katastrophe nach dem Zyklon."

amz/sam/AP/dpa/Reuters

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