• Drucken
  • Senden
  • Feedback
11.05.2008
 

Katastrophe in Burma

Experten befürchten schlimmere Zerstörung als nach dem Tsunami

Sie sitzen hilflos an den Straßen und betteln um ein bisschen Wasser und Lebensmittel: Mehr als eine Woche nach dem verheerenden Wirbelsturm warten immer noch zahllose Opfer auf Hilfe. Zwar ist inzwischen ein erstes Flugzeug der Uno mit Hilfslieferungen gestartet, Experten befürchten aber schlimmere Verwüstungen als beim Tsunami.

Rangun - Es ist eine Mammutaufgabe für die Helfer: Auf einer Breite von 350 Kilometern und bis zu 50 Kilometer ins Inland zieht sich die Verwüstung, die der Zyklon "Nargis" vor einer guten Woche in Burma hinterlassen hat. Obwohl sie immer noch nicht ins Land dürfen, geben die ersten Rettungsorganisationen jetzt eine erste Einschätzung über die Zerstörung ab - und die ist dramatisch: So sind die Schäden des Wirbelsturms nach Ansicht des Technischen Hilfswerks (THW) weit schlimmer als die des Tsunami im Dezember 2004.

Wegen der großen Fläche sei mit einem sehr komplexen humanitären Soforthilfeeinsatz zu rechnen, erklärte das THW am Sonntag. Notwendig sei deshalb eine umfangreiche Hintergrundlogistik, um neben der medizinischen Versorgung der Opfer und der Verpflegung der Einsatzkräfte auch die Treibstoffversorgung und Instandhaltung der Fahrzeuge sicherzustellen. Die Logistik des THW werde auch anderen Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt.

Leichen und Tierkadaver in den Feldern

Wie dringend nötig die Hilfe in dem bitterarmen Land ist, zeigen erste Berichte von Reportern, die inzwischen in das Land reisen konnten: Tausende Menschen harrten an den Straßen zwischen der Großstadt Rangun und dem am schwersten betroffenen Irrawaddy-Delta im Süden des Landes aus und warten dort auf Hilfe, berichtete ein AFP-Reporter. Während die Straßen zum größten Teil geräumt waren, lagen noch immer viele Leichen und Tierkadaver in den Feldern.

Die Überlebenden seien Wind und Wetter ausgesetzt, berichtete auch Tim Costello, der Präsident von World Vision Australien, am Samstag telefonisch aus Rangun. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge leiden einige Kinder bereits an Atemwegserkrankungen, dem Kinderhilfswerk Unicef zufolge sind in einigen Gebieten bis zu 20 Prozent der Kinder an Durchfall erkrankt.

Zwar landete ein Transportflugzeug des Roten Kreuzes mit 35 Tonnen Hilfsgütern am Sonntag in Rangun. An Bord seien Medikamente, eine Anlage zur Aufbereitung von Trinkwasser für 10.000 Menschen, Sanitäreinrichtungen sowie Materialien zur sicheren Lagerung von Leichen. Auch konnte ein weiteres Flugzeug der Vereinten Nationen mit 30 Tonnen Hilfsgütern im italienischen Brindisi Richtung Rangun starten. Aber das ist nach Angaben von Helfern nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Eine Tasse Reis am Tag - pro Familie

Zwar hätten Tausende Menschen inzwischen Hilfe erhalten, aber "es gibt Zehntausende, die noch nicht erreicht wurden", sagte World-Vision-Sprecher Samson Jeyakumar in Bangkok. In der Millionenmetropole Rangun gingen bereits die Vorräte aus. In der Stadt Labutta, die zu 80 Prozent durch den Zyklon zerstört wurde, geben die Behörden eine Tasse Reis am Tag aus - pro Familie.

Tatsächlich haben von den rund 1,5 bis zwei Millionen notleidenden Menschen in Burma nach Angaben der Uno bisher erst rund eine halbe Million Hilfslieferungen erhalten. "Wir sind mit einer großen Langsamkeit der Bürokratie konfrontiert", sagte der Uno-Sprecher Richard Horsey in Bangkok. Am Montag sollten allerdings weitere Maschinen des Roten Kreuzes mit 20 Tonnen Material landen, darunter Benzinkanister und Moskitonetze.

Trotz der verbohrten Haltung setzt die internationale Gemeinschaft weiter auf Verhandlungen mit der burmesischen Militärjunta: Die thailändische Regierung hat am heutigen Sonntag einen neuen Versuch unternommen, das Militärregime in Burma zu überzeugen, endlich ausländische Hilfe ins Land zu lassen. Gemeinsam mit einer Delegation von Armee-Offiziellen flog der frühere Premierminister Surayud Chulamont zum burmesischen Regierungssitz in Naypidaw. Zu der Delegation gehört auch der Chef der thailändischen Luftwaffe, die bei einer Zustimmung aus Burma bereit steht, die in Thailand vorhandenen Hilfsgüter schnell nach Burma zu bringen. Zudem bringt die Delegation bereits einige Hilfsgüter aus Thailand mit in das Land.

Hoffnung regt sich unter den Helfern, dass sie nach dem umstrittenen Referendum über die neue Verfassung endlich ins Land dürfen. Während der Abstimmung wollten die Militärführung auf keinen Fall internationale Beobachter zulassen - egal ob Helfer oder Journalisten. Danach aber, so die Gedankenspiele der internationalen Hilfsgemeinschaft, könnte der Druck und die Not so groß werden, dass Burmas Regierung nachgeben muss.

Unterstützt werden die Überlegungen durch Augenzeugenberichte aus Burma selbst: Mehrere Bewohner der Grenzstadt Mae Sot schilderten einem SPIEGEL-ONLINE-Reporter am Samstag, dass im Staatsfernsehen zunehmend Bilder der großflächigen Zerstörung und von Hilfsbedürftigen gezeigt werden. Allerdings wurden auch immer wieder Bilder einer angeblich helfenden Armee ausgestrahlt - ein Eindruck, dem die wenigen Korrespondenten im Land deutlich widersprechen. Die neuen Bilder aber, so westliche Diplomaten in Bangkok, könnten auf einen leichten Schwenk der eratischen Junta hindeuten.

Tatsächlich hat die Militärregierung in Burma am Sonntag noch einmal die Zahl der Todesopfer nach oben korrigiert: Als Folge der Naturkatastrophe vor einer Woche seien 28.458 Menschen tot und 33.416 vermisst, berichtete das staatliche Fernsehen. Zuvor hatten die Behörden von 23.335 Toten und 37.019 Vermissten gesprochen. Ausländische Diplomaten in Burma schätzen jedoch, dass mehr als 100.000 Menschen ums Leben gekommen sind.

sam/AFP/ddp/AP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles zum Thema Zyklon "Nargis" in Burma

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP