Rangun - Der Flughafen liegt da wie ausgestorben. Zwei staatseigene Propellermaschinen werden betankt, streunende Hunde jagen über die Piste, sonst herrscht Stille, keine Bewegung nirgends. Und immer noch ist kein Flugzeug in Sicht aus dem sogenannten befreundeten Ausland, aus China also, Indien oder Thailand, das Wasser und Reis und Medikamente bringt und weiter ins überflutete Irrawaddy-Delta transportiert, wo die Naturkatastrophe ihren Lauf nahm.
Wie auch. Es gibt nur einen Gabelstapler auf diesem Flughafen, verlassen steht er in einer Ecke. Und es gibt auch einen Kran, der Hilfsgüter löschen könnte, wenn sie denn endlich ins Land gelassen würden, aber der Kran sei, so sagen es die Taxifahrer und Kofferträger am Flughafen, seit Monaten in Reparatur.
Wie es aussieht, ist Burma auch am Tag acht nach Zyklon Nargis nicht bereit für Hilfe aus dem Ausland. Warum auch. Immer noch lassen die Generäle verkünden, sie hätten alles unter Kontrolle in ihrem geschundenen Land.
Auf dem Weg Richtung Downtown gleicht Rangun einem gigantischen Komposthaufen. Die Straßenränder sind gesäumt von meterdicken Baumstämmen, die der Zyklon auch in der Millionenstadt aus der Erde gerissen hat, überall liegen umgestürzte Werbetafeln auf den Fahrbahnen und gigantische Wurzelballen der Bayanbäume, und Burmesen schleppen immer weitere Äste und Stämme heran, zersägen sie und machen kleine Feuer, um sie zu verbrennen. Wiederaufbau in Burma am Tag acht nach Nargis ist leises, ist emsiges Werkeln, überall sieht man Mönche in dunkelroten Roben und Soldaten mit grünen Uniformen, die sägen und schleppen; stillschweigend, geduldig - noch.
Nicht weit von einem Kloster am Stadtrand, vor dem Mönche um ein Feuer stehen, liegt Lay auf einer Bastmatte und stöhnt und schwitzt. Lay ist 48, ein schmaler Burmese im Wickelrock, er stammt aus dem Irrawaddy-Delta. Vor zwei Tagen flüchtete er mit seiner Frau in die Hauptstadt. Weil sie noch ein paar Geldscheine hatten und Verwandte, die bereit waren, sie aufzunehmen, waren sie die einzigen, die weg konnten aus ihrem Dorf, es liegt ein paar hundert Kilometer südlich von Rangun. Alle anderen Dorfbewohner mussten bleiben, vielleicht leben sie noch, vielleicht auch nicht, sagt Lay und weint.
Gerade ist er zurück vom Markt. Vier Stunden musste er Schlange stehen für einen Liter Benzin, mehr bekam er nicht, und der Preis war doppelt so hoch wie vor einer Woche. Lay windet sich auf der Bastmatte im Haus seines Bruders und erzählt, wie es war im Delta, als Nargis kam. Seine Frau wischt ihm den Schweiß mit einem Handtuch von Brust und Rücken. Ein Fieberschub, schon der dritte seit seiner Ankunft in Rangun, sagt seine Frau, es muss Malaria sein, Medizin haben wir auch hier leider nicht.
Am Freitagabend, als der Sturm losbrach und heulte wie ein Düsenjet, saß er mit seiner Frau und 30 Nachbarn in der Küche ihres Hauses: Sie kochten Fisch und Curry für die Mönche im Kloster, am nächsten Morgen wollten sie ihnen die Speisen bringen, um ihr Karma zu verbessern und zu beten. Es war acht Uhr abends, der Regen peitschte vor den Fenstern, noch dachte niemand an was Böses.
Gegen Mitternacht wurde es plötzlich still, kein Windhauch mehr und kein Regen, sie befanden sich im Auge des Sturms. 15, vielleicht 20 Minuten später peitschte wieder der Wind, schlimmer als zuvor, sie konnten die Pfähle des Holzhauses, an die sie sich klammerten, nicht mehr festhalten. Teile des Daches brachen herunter, sie sprangen ins hüfthohe Wasser, das jetzt um das Haus tobte, hielten eine Plastikplane über die Köpfe, hielten sich an den Händen und beteten. Bis zum nächsten Morgen um halb elf, dann schwächten Sturm und Regen langsam ab.
Sie krochen hervor unter der Plastikplane, das Wasser war weiter landaufwärts geflossen. Sie liefen durch ihr Dorf, nur noch vier Häuser waren übrig, die anderen 500 lagen in Trümmern und später heißt es, knapp einhundert Nachbarn seien tot. Ob wir gewarnt worden sind, fragt Lay, von wem denn, die Sturmwarnungen des staatlichen Fernsehens erreichten doch nur die Menschen in Rangun. In unserem Dorf gibt es ab acht Uhr abends keinen Strom.
Die nächsten drei Tage waren sie sich selbst überlassen, Hilfe kam nicht, keine Trucks, keine Helikopter. Es gab kaum sauberes Wasser, keine Medikamente, keine Soldaten, die sie versorgten, bis heute nicht. Sie liefen zu den Mönchen, das Kloster war heil geblieben, nur eine Palme war auf ein Nebengebäude gestürzt. Sie holten Reis aus der Dorfmühle, wie durch ein Wunder war kein Wasser in die Vorratskammern geflossen, teilten die wenigen Kochtöpfe, kochten Wasser ab, schliefen unter Plastikplanen.
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