Am vierten Tag liefen Lay und seine Frau mehrere Stunden in die nächste größere Stadt, dort fuhr ein Bus Richtung Rangun. Er war proppenvoll mit Menschen aus dem Delta, erst jetzt erfuhr Lay von den Ausmaßen der Katastrophe. Viele der südlicheren Dörfern hatte es schlimmer getroffen, erzählten die Menschen, Leichen trieben in den schlammigen Kanälen, manche hingen in den Wipfeln der Bäume, überall lag aufgedunsenes Vieh. Seit Tagen hätten sie nichts mehr gegessen, litten an Lungenentzündung, Magenreißen, Durchfall. Wir sind, sagt Lay und stöhnt jetzt und hustet, in Sicherheit, aber was wird aus denen, die bleiben mussten. Die eigentliche Katastrophe findet jetzt statt, nach dem Zyklon.
Seit seiner Ankunft in Rangun sieht Lay manchmal Fernsehen, CNN und BBC. Bilder der Hilfsgüter, die in Bangkok und Singapur auf Paletten gestapelt liegen, Tabellen mit den vielen Millionen Euro Spenden, die das Ausland bereitstellen will. Er ist dann verzweifelt und voller Hass auf die Junta, an baldige Hilfe glaubt er nicht mehr. Zum Abschied schleppt er sich zur Tür, seine Frau stützt ihn, er sagt: In ein paar Tagen, wenn der Malariaanfall vorüber ist, werden meine Frau und ich zurück in unser Dorf kehren, nach dem rechten sehen, Reis bringen, Medikamente, sauberes Wasser. Wer soll schon kommen, wenn nicht wir.
Ähnlich angespannt und nicht weniger hoffnungslos ist die Lage im Haus der deutschen Welthungerhilfe, in der Nähe der Schwedagon-Pagode, deren goldene Kuppel auch von Nargis beschädigt wurde und die jetzt eiligst wieder repariert wird. Heute gegen 13 Uhr sah es kurzzeitig so aus, als könnte die Versorgungskrise doch schneller behoben werden als erwartet. Welthungerhilfe-Chefin Angela Schwarz war dabei, als die Uno Pläne über Versorgungsstationen in Labutta und Bogalay, den am schlimmsten betroffenen Städten im Delta, vorstellten. Dann ließen sie eine kleine Bombe platzen. Die Regierung hätte soeben signalisiert, dass ab sofort Hilfsgüter ins Land gelassen und auch selbst verteilt werden dürften. Das war die gute Nachricht vom Sonntag, die schlechte folgte eine Stunde später auf der ersten Sitzung der Junta nach Nargis.
Die 20 in Burma ansässigen westlichen Nichtregierungsorganisationen waren geladen, Diplomaten und Botschafter. Der burmesische Minister für Planung und Entwicklung las eine Rede ab. Quintessenz: Die Regierung habe die Lage unter Kontrolle, Güter und Geld aus dem Ausland seien willkommen, aber verteilen tut sie nur die Junta. Und damit, sagte der Minister, sei auch diese Konferenz erfolgreich beendet.
Alles beim Alten also, und wenn das einen nicht verwundert, dann ist es der burmesische Anwalt, dessen Wohnung am Stadtrand jetzt wieder so etwas ist wie die wahre Nachrichtenzentrale von Rangun. Burmesische Journalisten und Regimekritiker treffen sich hier und ein paar Reporter aus dem Westen. Das war vor fünf Monaten schon so, als Tausende von Mönchen über die Straßen von Rangun zogen. Der Anwalt zeigt jetzt Fotos von Leichen im Delta, die burmesische Fotografen gemacht haben, er darf sie nicht veröffentlichen. Er nennt erste Hochrechnungen vom gestrigen Referendum der Junta, angeblich habe es mehr Enthaltungen gegeben als erwartet, angeblich sogar Proteste. Er darf nicht darüber berichten.
Er steht auf seinem Balkon und wirft den Schlüssel herunter für den nächsten Gast, der die Geschichten hinter der Katastrophe erfahren will, zieht tief an seiner Zigarette und sagt: Es war ein guter Zeitpunkt, den er sich ausgesucht hat, dieser Zyklon. Jetzt schaut die Welt wieder nach Burma, nicht nur nach Tibet. Auch wir haben eine Chance. Unsere Chance ist nicht Olympia, sondern das Versagen der Junta nach Nargis, so zynisch das klingt. Wir müssen sie nur ergreifen. Wie soll das gehen? Der Anwalt zuckt mit den Schultern, müde sieht er aus, erschöpft, wie im Auge des Sturms, wie damals im Oktober, kurz nach den Aufständen der Mönche.
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