• Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.05.2008
 

Erste Hilfslieferungen gelandet

Tödliche burmesische Langsamkeit

Die ersten Flugzeuge mit Hilfslieferungen sind in Burma gelandet: Doch die dringend benötigte Hilfe wird im Zeitlupentempo umgesetzt. Ob die Hilfsgüter dort landen, wo sie gebraucht werden, ist ungewiss. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon ist zornig auf die Junta. Von unserem Reporter aus Rangun

Rangun - Mit burmesischer Langsamkeit läuft sie an, die dringend benötigte Hilfe für das Irrawaddy-Delta, der von Kanälen und Flussarmen durchzogenen Reiskammer Burmas im Südwesten des Landes. Hier war es, wo Zyklon "Nargis" vor zehn Tagen den Schätzungen nach mehr als 100.000 Menschen in den Tod riss.

Montagachmittag gegen 14.30 Uhr burmesischer Zeit landete die erste US-Maschine auf dem Flughafen von Rangun. Für Dienstag werden zwei weitere Maschinen aus den USA erwartet. Die Hilfsgüter wie Trinkwasser, Moskitonetze, Nahrungsmittel, Zeltplanen und Medikamente wurden auf Laster geladen, wo man sie hinfährt und ob sie das Militär oder geschulte Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die seit Jahren in Burma arbeiten, unter den von Hunger und Krankheiten geplagten Menschen im Delta verteilten, ist weiterhin ungewiss.

Im Hafen von Rangun, wo am Sonntag noch nackte Kinder zwischen den untergegangenen Schiffswracks im schlammbraunen Wasser des Yangun-Flusses planschten, stehen seit heute Militärlaster. Tagelöhner in Unterhemden holen Säcke mit T-Shirts und Nägeln aus den Lastern, Kisten mit Obst und Gemüse, Wasserflaschen und rosafarbene Kartons mit der Aufschrift "Made in China".

Sie schleppen die Hilfsgüter durch den Monsunregen, der seit wenigen Tagen die Stadt in eine riesige Pfütze verwandelt hat, über das einzige vom Zyklon unbeschädigte Getty und laden sie in eine der rostigen Fähren, die normalerweise zwischen dem Delta und der Hauptstadt verkehren.

"Wenn die Fähre voll ist, wird sie ins Delta ablegen", sagt ein Polizist in blauer Uniform, der mit seiner Truppe die Aktion bewacht. "Heute Abend werden wir in Bogalay und später in Labutta sein und die Ladung verteilen."

Woher die Ladung stammt, ob auch Hilfsgüter aus dem Ausland darunter sind und ob weitere Schiffe bereitgestellt werden, weiß er nicht. Er weiß nur, dass am Sonntag ein paar Generäle da waren und das staatliche Fernsehen die Hilfsaktion filmte. "Wir haben alles unter Kontrolle", sagt er und scheucht uns davon.

Im Hotel Trader's im Stadtzentrum rekrutieren derweil Unicef und andere Hilfsorganisationen neue Mitarbeiter. Nur Burmesen dürfen sich melden, Ausländern ist Hilfe nach wie vor untersagt.

Während die regierungsnahe Tageszeitung "New Light of Myanmar" weiterhin Fotos von Generälen zeigt, die Zeltcamps mit Obdachlosen aus den zerstörten Städten besuchen, Hände schütteln und Reissäcke verteilen, berichten regimefeindliche Burmesen hinter vorgehaltener Hand über die Ergebnisse des Referendums.

Im Bundesstaat Rakhine im Nordwesten Burmas sollen in 16 Wahlbezirken zwischen 70 und 90 Prozent der Wähler gegen die neue Verfassung gestimmt haben. Offizielle Ergebnisse werden in einer Woche erwartet, wahrscheinlich sogar erst nach dem 24. Mai, denn dann erst wird in den 46 vom Zyklon betroffenen Bezirken im Irrawaddy-Delta und in Rangun abgestimmt.

Wie diese offiziellen Ergebnisse aussehen werden, dass sie gehörig geschönt und gefälscht werden, davon, sagen die Informanten, muss man natürlich ausgehen in diesem Land.

Uno-Generalsekretär zornig über schleppende Hilfe

Die regierende Militärjunta hat ihren Widerstand nur zum Teil aufgegeben: Sie ermöglicht ausländischen Hilfsorganisationen zwar die Einreise nach Rangun, Gesprächen mit den Vereinten Nationen in New York widersetzt sie sich jedoch weiterhin.

Wegen ihrer "inakzeptabel langsamen" Reaktion auf die Zyklon-Katastrophe hat Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon die Militärregierung in Burma scharf gerügt. Nun dürfe man "absolut keine Zeit mehr verlieren", sagte Ban. Ob die Vereinten Nationen die Junta zwingen sollten, mehr internationale Hilfe anzunehmen, liege in der Entscheidung des Weltsicherheitsrates. Nach Einschätzung der Uno sind rund zwei Millionen Menschen im Katastrophengebiet von tödlichen Krankheiten und vom Hungertod bedroht.

Ban sagte, er habe seit der vergangenen Woche mehrfach versucht, mit dem führenden General Than Swe zu sprechen. Dies sei nicht gelungen. Auch ein erster Brief an den obersten Machthaber blieb unbeantwortet. Er habe nun über diplomatische Kanäle ein zweites Schreiben geschickt, berichtete Ban. Gleichwohl lehnte er es ab, den Uno-Sicherheitsrat wegen der Verzögerungen bei der dringend benötigten Katastrophenhilfe einzuschalten.

Die Entscheidung darüber liege bei den Mitgliedern des Sicherheitsrats selbst, sagte Ban. Er wolle sich als Generalsekretär darauf konzentrieren, möglichst schnell humanitäre Hilfe ins Land zu bringen. "Ich möchte meine tiefe Sorge und gewaltige Frustration über die inakzeptabel langsame Antwort auf diese schwerwiegende humanitäre Krise zum Ausdruck bringen", erklärte er.

Mit Material von AP und Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles zum Thema Zyklon "Nargis" in Burma

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP