Dujiangyan - Es ist ein Wettlauf mit der Zeit für die Rettungskräfte: Nach dem schweren Erdbeben in China versuchen Soldaten, in manchen betroffenen Gebieten zu Fuß vorzudringen, etliche Straßen sind unpassierbar. Die chinesische Regierung hat 50.000 Soldaten in die Unglücksgebiete entsandt - und das wahre Ausmaß der Katastrophe wird erst allmählich sichtbar. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua sind in einem einzigen Bezirk noch mindestens 10.000 Menschen unter den Trümmern begraben gewesen.
Rettungskräfte in Dujiangyan: Pausenlos im Einsatz
Die jüngsten Angaben bezogen sich auf Mianzhu nahe dem Epizentrum des Bebens, das im Bezirk Wenchuan lag. Wenchuan war wegen der schweren Schäden an Straßen und Schienenverbindungen noch immer von der Außenwelt abgeschnitten.
Laut Xinhua sind rund eine halbe Million Häuser im Katastrophengebiet eingestürzt. In Shifang, wo zwei Chemie-Fabriken zerstört wurden, starben laut Xinhua rund 600 Menschen. 2300 wurden dort noch vermisst.
In einer Schule im Bezirk Beichuan wurden mindestens tausend Schüler und Lehrer verschüttet. Die Schule liegt nur einige Dutzend Kilometer entfernt vom Epizentrum des Bebens. In der Juyan-Schule in Dujiangyan, 50 Kilometer südlich des Epizentrums, wurden 60 Tote geborgen. Helfer zogen weiter Leichen aus den Trümmern. Auch in der Xiang-Schule in Dujingyan wurden Schüler und Lehrer verschüttet. Verantwortliche der Schule gingen davon aus, dass weniger als 100 der 420 Schüler den Einsturz des Gebäudes überlebt haben. Bereits am Montag war berichtet worden, dass 900 Schüler eines Gymnasiums in Shifang verschüttet wurden.
Beim Einsturz einer Dampfturbinenfabrik in Hanwang wurden laut Xinhua "mehrere tausend Menschen" getötet oder verschüttet. Die Fabrik befinde sich etwa 30 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. In der Stadt Shifang wurden durch das Beben zwei Chemie-Fabriken zerstört. Rund 500 Menschen kamen laut einem Fernsehbericht in der Stadt ums Leben, 2000 Menschen waren verschüttet und 3000 wurden verletzt.
Ministerpräsident Wen Jiabao ordnete an, die Straßen nach Wenchuan bis zum Mittag passierbar zu machen. Regen und schwere Wolken behinderten aber die Arbeiten. Militärhubschrauber konnten deshalb nicht landen. Für den Fall, dass das schlechte Wetter anhielte, wurde erwogen, Soldaten per Fallschirm in das Katastrophengebiet abspringen zu lassen.
Die Lage sei schlimmer als befürchtet, sagte Wen Jiabao. "Wir brauchen mehr Helfer." Die Arbeit könne nicht mehr allein von den Helfern vor Ort bewältigt werden. "Es müssen Rettungsteams von außerhalb kommen." Chinas Präsident Hu Jintao sagte in Peking, die Hilfe für die Opfer sei eine "absolute Priorität".
In der Stadt Dujiangyan - etwa auf halber Strecke zwischen Wenchuan und Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu - zogen Helfer die ganze Nacht durch Opfer aus den Trümmern von Häusern, Schulen, Fabriken und Krankenhäusern. Zwischen den zerstörten Gebäuden lagen Leichen auf den Straßen. Viele Bewohner suchten unter Zelten Schutz vor dem schweren Regen.
Unter den Opfern des Bebens sind auch Touristen. Ein Erdrutsch begrub einen Reisebus in Maoxian und tötete 37 Insassen.
Mehr als 2000 Touristen steckten in der Präfektur Aba fest. Wie viele Ausländer betroffen waren, ist unklar. Eine britische Touristengruppe galt im Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum lag, als vermisst. Die rund 15 Briten dürften das berühmte Pandareservat Woolong besucht haben, sagte ein Behördensprecher laut Nachrichtenagentur Xinhua.
Die US-Erdbebenwarte stufte die Stärke des Bebens vom Montag mittlerweile von 7,8 auf 7,9 hoch. In der Nacht gab es immer wieder Nachbeben. In Chengdu verbrachten viele Menschen die Nacht im Freien oder in ihren Autos.
Noch im 1500 Kilometer entfernten Peking und in der Millionenmetropole Shanghai schwankten Hochhäuser und Wolkenkratzer, so dass die Menschen in Panik auf die Straßen liefen. Mehrere Bürohochhäuser wurden vorsichtshalber geräumt. In der taiwanischen Hauptstadt Taipeh bebte die Erde etwa eine halbe Minute lang. Auch in Hongkong und im vietnamesischen Hanoi berichteten Einwohner von Erdstößen.
Das Zentrum des Bebens lag nach Messungen amerikanischer Geologen zehn Kilometer unter der Erdoberfläche. Danach wurden 313 Nachbeben gezählt. Die Erschütterungen waren bis nach Thailand, Vietnam und Pakistan zu spüren. Das Beben ereignete sich entlang eines geologischen Grabens, der die eurasische Landmasse von Südostasien trennt und wo die Ebene von Sichuan in das Bergland übergeht, das bis nach Tibet führt.
hen/Reuters/dpa/AFP
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