Rangun - Die Katastrophe traf die Menschen in der Region um die Küstenstadt Labutta am härtesten - und doch müssen sie am längsten auf die dringend benötigte Hilfe warten: Mehr als eine Woche nach dem verheerenden Zyklon "Nargis" dringen Hilfsorganisationen mit einheimischen Mitarbeitern allmählich in die entlegenen Regionen des Krisengebietes vor.
In der schwer zerstörten Stadt Labutta hat der Malteser Hilfsdienst inzwischen eine Behelfsklinik eingerichtet. "Die Lage ist sehr, sehr dramatisch", sagte Birke Herzbruch von Malteser International am Dienstag in Rangun. Durchfallerkrankungen seien ein großes Problem. Die Menschen hätten die ganze Woche nur aus Brunnen trinken können, in denen das Wasser durch die Flutwelle versalzen war.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind im Katastrophengebiet die ersten Ruhr-Fälle aufgetreten. Cholera sei dagegen noch nicht ausgebrochen. Die WHO ist mit elf ausländischen Helfern in Burma. "Wir arbeiten eng mit dem burmesischen Gesundheitsministerium zusammen", teilte der Regionaldirektor für Südostasien, Samlee Plianbangchang, mit. In Rangun seien inzwischen Medikamente und medizinische Ausrüstung zur Behandlung von 80.000 Menschen eingetroffen.
Sorge vor Seuchen - doch die Junta blockt ab
Trotz Hilfslieferungen ist die Versorgung der gut 1,5 Millionen Zyklon-Opfer in Burma weiterhin völlig unzureichend. Hilfsorganisationen warnen vor großer Seuchengefahr. Dadurch könnten in den nächsten Wochen mehr Menschen sterben als insgesamt beim Tsunami 2004, warnt die Hilfsorganisation Oxfam. Bei der Flutkatastrophe in Südostasien waren mindestens 230.000 Menschen ums Leben gekommen.
Zusätzlich erschweren heftige Niederschläge die Situation in der Region. Seit Tagen sorgt ein starker Monsunregen für Überschwemmungen.
Die Staatspresse, das Sprachrohr der Militärjunta, machte trotz der katastrophalen Situation in weiten Teilen des Landes noch einmal deutlich, dass ausländische Helfer nicht erwünscht sind. Die Verteilung der Hilfsgüter im Land übernehme das Militär, sofern die Spender keine einheimischen Mitarbeiter im Land haben, hieß es. Im staatlichen Fernsehen sagte der burmesische Marine-Befehlshaber, Konteradmiral Soe Thein, die Grundbedürfnisse der Menschen würden erfüllt und "fachkundige Helfer" seien "nicht erforderlich". Sein Land brauche keine ausländischen Helfer, sondern vielmehr Hilfslieferungen und Geld.
Internationale Hilfe - mit nationalen Helfern
Um die Arbeit vor Ort trotz der Reglementierungen der Junta fortsetzen zu können, ist Ärzte ohne Grenzen dazu übergegangen, an Ort und Stelle neue Mitarbeiter anzuheuern. Sie sollen helfen, die eingetroffenen Hilfsgüter per Lastwagen zu den Bedürftigen zu bringen. "Wir gehen davon aus, dass erheblich mehr Material nötig ist, um diese Krise zu bewältigen", teilte ein Sprecher mit. Die Organisation ist inzwischen mit 200 Mitarbeitern im betroffenen Flussdelta vertreten, jeden Tag kämen bis zu 20 weitere hinzu, hieß es.
Im Auftrag der Bundesregierung flog am späten Montagabend ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) nach Burma. Die zwölf Trinkwasserexperten starteten mit einer Linienmaschine von Frankfurt am Main nach Rangun. Den Experten folgt eine vom Auswärtigen Amt gecharterte Frachtmaschine mit vier Trinkwasseraufbereitungsanlagen. Diese können sauberes Wasser für täglich 40.000 Menschen produzieren. Das Auswärtige Amt finanziert den Einsatz mit 600.000 Euro.
Konferenz der Eu-Entwicklungsminister
Hilfsgüter erreichen Burma auch aus den USA: Von Thailand aus startete ein US-Militärflugzeug nach Rangun, eine weitere Maschine soll im Laufe des Dienstags folgen, wie US-Militärsprecher Douglas Powell mitteilte. An Bord hat die Maschine vor allem Trinkwasser, Decken und Moskitonetze. Mit einem ersten Hilfsgüterflug war am Montag der US-Befehlshaber der Pazifik-Streitkräfte, Admiral Timothy Keating, nach Rangun geflogen. Er hoffte, die Junta zu einer Öffnung der Grenzen für ausländische Helfer bewegen zu können. Nach seinen Gesprächen teilte er mit, es gebe lediglich ein Übereinkommen, dass die Militärregierung die ausländischen Angebote zur Hilfe prüfen werde.
Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul forderte Russland und China auf, im Uno-Sicherheitsrat gemeinsam Druck auf Burmas Junta auszuüben. "Der Weltsicherheitsrat sollte die Junta auffordern, die Hilfsorganisationen endlich ins Land zu lassen", sagte die SPD-Politikerin der "Passauer Neuen Presse".
Dafür müssten sich auch Länder wie China und Russland bewegen und ein entsprechendes Vorgehen im Sicherheitsrat unterstützen. Die internationale Staatengemeinschaft habe die Verantwortung, Menschen in schweren Notsituationen auch dann zur Seite zu stehen, wenn ihre Regierung die Bevölkerung bewusst nicht schütze.
Kritik der Uno
Die Ministerin forderte die Junta auf, die Hilfe in die Hände der Uno zu legen: "Keine Regierung der Welt - schon gar nicht eine, die nur aus Militärs besteht - ist in der Lage, eine Hilfsaktion von dieser Dimension zu leisten." Wieczorek-Zeul stellte in Aussicht, die finanzielle Hilfe für die Soforthilfe bei dem kurzfristig anberaumten Treffen der EU-Entwicklungshilfeminister zu erhöhen: "Deutschland hat bereits zwei Millionen Euro fest zugesagt. Wenn es sich als notwendig erweist, werden wir das Volumen selbstverständlich erhöhen."
Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte es trotz harscher Kritik an den Versäumnissen des Regimes in Burma bisher abgelehnt, den Weltsicherheitsrat einzuschalten. Gleichwohl machte Ban seine Verärgerung über die mangelnde Kooperation der Militärjunta deutlich. "Ich möchte meine tiefe Sorge und gewaltige Frustration über die inakzeptabel langsame Antwort auf diese schwerwiegende humanitäre Krise zum Ausdruck bringen", erklärte er in New York.
Ban zufolge sind weniger als ein Drittel der mehr als 1,5 Millionen Überlebenden des verheerenden Zyklons versorgt worden. Und selbst die rund 270.000 Opfer, die man habe versorgen können, hätten nur das Allernötigste bekommen.
Die Regierung in Burma gibt die Zahl der Toten inzwischen mit knapp 32.000 an. Mehr als 30.000 Menschen gelten als vermisst. Die Vereinten Nationen gehen von bis zu 100.000 Toten aus. Zyklon "Nargis" verwüstete das Küstengebiet Burmas am 3. Mai.
han/taf/dpa/AP/AFP
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