Hamburg - Es ist eine humanitäre Katastrophe riesigen Ausmaßes: Der Zyklon "Nargis" hat Hunderttausende Burmesen ins Elend gestürzt - und die Militärführung des Landes tut alles in ihrer Macht stehende, um eine Verbesserung der Situation zu verhindern. Die Uno geht davon aus, dass zwischen 63.000 und 100.000 Menschen durch den Wirbelsturm ums Leben gekommen und weitere zwei Millionen obdachlos geworden sind. Die meisten von ihnen suchen Zuflucht in buddhistischen Klöstern oder campen im Freien.
Hilfsorganisationen berichten nun davon, dass die Militärführung des Landes die besten Lebensmittellieferungen einbehält - und nur kleine Mengen alter und verrotteter Güter an die notleidende Bevölkerung verteilt. Die Organisation Care Australia berichtet, dass den Menschen im besonders schwer betroffenen Irrawaddy-Delta vor allem ungenießbarer Reis verteilt werde.
"Wir machen uns große Sorgen"
"Ich habe einige Körner in meiner Hosentasche mitgenommen und wir konnten feststellen, dass es Reis von so schlechter Qualität ist, wie wir ihn bislang nur selten gesehen haben", sagte Brian Agland, Leiter von Care Australia in Burma. "Der Reis ist durch das salzige Wasser stark verunreinigt worden und er ist sehr alt." Sein Nährwert sei sehr niedrig und entspreche bei weitem nicht dem Standards der Waren, die im Rahmen des Welternährungsprogramms ausgegeben würden. "Wir machen uns große Sorgen wegen der Verteilung der schlechten Waren."
Exil-Burmesen haben laut einem Bericht von CNN ähnliche Angaben gemacht. Eine nicht namentlich genannte Quelle sagte demnach der Nachrichtenagentur AP, in der burmesischen Exilregierung sei man darüber verärgert, dass Hilfslieferungen mit besonders nährstoffreichen Keksen statt zu den notleidenden Menschen in ein Militärkaufhaus gebracht worden seien. Den Opfern habe man stattdessen billig produzierte und wenig gehaltvolle Lebensmittel gegeben.
Aus den Orten, in denen Soldaten erste Hilfslieferungen verteilten, berichten Einwohner von Ausgangssperren. Diese seien von der Armee aus Angst vor Plünderungen verhängt worden.
Vier Helfer - für 200 Menschen
Das burmesische Militär beschlagnahmt die Hilfsgüterlieferungen noch auf dem Rollfeld und verlädt sie in Hubschrauber. Die Zahl der fast ausschließlich einheimischen Helfer ist indes viel zu gering für die große Zahl der Opfer: Viele der Rot-Kreuz-Helfer sind durch den Zyklon selbst obdachlos geworden und leisten trotzdem unermüdlich Hilfe, berichtete Bridget Gardner vom Internationalen Roten Kreuz in Genf nach ihrer Rückkehr aus der Hafenstadt LaButta. "Jeweils vier oder fünf Helfer kümmern sich pro Tag um bis zu 200 Menschen. Und sie haben kein Heim mehr, in dem sie sich nach ihrer schweren Arbeit ausruhen könnten."
Zur besseren Versorgung der Wirbelsturmopfer hat die Uno die Einrichtung einer Luftbrücke gefordert. Um "so schnell wie möglich große Mengen an Hilfen" in das Land leiten zu können, sei ein Korridor auf dem Luft- oder Seeweg erforderlich, sagte die Sprecherin des Uno-Büros für die Koordination humanitärer Angelegenheiten (OCHA), Elisabeth Byrs, in Genf. Ansonsten drohe eine "zweite Katastrophe". Nach wie vor verweigerte die Militärjunta ausländischen Helfern weitgehend die Einreise. Die Bundesregierung verdoppelte ihre Hilfe für das asiatische Land auf vier Millionen Euro.
Zwölf Tage nach dem Durchzug des Wirbelsturms "Nargis" habe das Welternährungsprogramm (WFP) bisher lediglich 361 Tonnen Lebensmittel nach Burma schicken können, von denen noch nicht einmal die Hälfte verteilt worden seien, sagte Byrs. "Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs und die Lage droht immer dramatischer zu werden, wenn die humanitäre Hilfe nicht beschleunigt wird", sagte sie.
Druck von Uno und EU
Die Uno muss nach Ansicht des EU-Außenbeauftragten Javier Solana auch gegen den Willen der Militärregierung in Burma den Katastrophenopfern mit allen erdenklichen Mitteln zur Seite stehen. Wegen der Behinderung von Hilfskräften durch die in dem südostasiatischen Land regierenden Militärs sagte Solana am Dienstag in Brüssel, die Uno-Charta sehe für diesen Fall Lösungswege vor. "Wir müssen alle Mittel nutzen, um diesen Menschen zu helfen." Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er sei zutiefst besorgt und sehr frustriert über die unakzeptabel langsame Reaktion der Regierung Burmas.
Mehr als eine Woche nach den Verwüstungen durch den Zyklon "Nargis" verweigert das Militärregime weiterhin die Einreise der meisten Helfer von Uno oder Hilfsorganisationen. Lieferungen von Nahrungsmitteln oder Medikamenten werden inzwischen zugelassen. Die EU-Kommission hat zwei Millionen Euro bereitgestellt und hält weitere 30 Millionen Euro zur Verfügung, bis mehr Klarheit über den Bedarf herrscht.
Die Entwicklungshilfeminister der 27 EU-Länder trafen in Brüssel zu einer Krisensitzung zusammen, um über die Lage in Burma zu beraten und ihre Hilfsaktionen zu koordinieren. EU-Diplomaten zufolge wollen sie die Regierung Burmas auffordern, die internationale Hilfe nicht länger zu behindern. Bei dem Treffen appellierten die Minister in Brüssel an die Regierung in Burma, das Land sofort für internationale Helfer zu öffnen. Sie hoffen darauf, dass auch der UN- Sicherheitsrat sich auf Drängen Frankreichs und Großbritanniens mit dem Verhalten der Regierung befasst und diese auffordert, Hilfe und Helfer zuzulassen.
EU-Entwicklungshilfekommissar reist nach Burma
Die EU sei zutiefst besorgt über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Militärregierung und dringe auf uneingeschränkten Zugang der internationalen Hilfe, um eine noch größere Tragödie zu verhindern. EU-Entwicklungshilfekommissar Louis Michel wollte gleich nach dem Treffen nach Burma aufbrechen, um auf die Regierung einzuwirken. Doch es war unklar, ob er eine Einreiseerlaubnis bekommen würde.
Sein Sprecher John Clancy sagte SPIEGEL ONLINE: "Er wird sich noch heute auf den Weg nach Bangkok machen. Wir haben gesehen, dass sich die Situation in Burma von Tag zu Tag verschlechtert. Es ist uns ein dringendes Anliegen, der militärischen Führung darzulegen, worin die Notwendigkeit der Hilfslieferungen besteht. Die Einrichtung eines 'humanitären Korridors' ist von besonderer Bedeutung."
Bislang hat Michel von den burmesischen Behörden noch kein Einreisevisum erhalten. "Die Logistik einer solchen Reise ist ein andauernder Prozess", sagte Clancy zu SPIEGEL ONLINE. Der Kommissar sei auch darauf eingestellt, notfalls mehrere Tage in Bangkok zu warten.
han/dpa/AP/AFP
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Zyklon "Nargis" in Burma | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH