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15.05.2008
 

Junta

Uno beruft Krisengipfel zu Burma ein

Die Menschen hungern, sterben, doch die Junta stellt sich stur - angesichts der schleppenden Hilfe für die Wirbelsturm-Opfer werden die Vereinten Nationen jetzt einen Krisengipfel organisieren. Die Situation im Land droht sich abermals zu verschärfen: Meteorologen sagen heftige Regenfälle voraus.

Rangun/Bangkok - Angesichts der schleppenden Hilfe für die zahlreichen Wirbelsturm-Opfer in Birma werden die Vereinten Nationen einen Krisengipfel einberufen. Das teilte der britische Premierminister Gordon Brown, der ein solches Treffen gefordert hatte, am heutigen Donnerstag in London mit.

Kleinere Zugeständnisse hat die Junta der Uno nach SPIEGEL ONLINE-Informationen offenbar gemacht: Nach Angaben der US-Botschaft in Rangun wollen die Militärs in den nächsten Tagen die Einreise von 160 Uno-Experten ins Land erlauben - dies jedenfalls wurde der Uno vor Ort mitgeteilt.

Die Junta bestand allerdings darauf, dass nur Experten aus China, Thailand, Bangladesch und Indien ins Land dürften. Weiterhin aber sperrt sich das Land gegen die Einreise von westlichen Experten, die zwar dieser Tage in immer größerer Zahl in Rangun eintreffen, sicher allerdings offiziell als Touristen ausgeben müssen.

Einige von ihnen sind bereits in das Krisengebiet im Flussdelta aufgebrochen, allerdings mussten sie sich meist in Lastwagen mit Hilfsgütern verstecken und riskieren bei der Arbeit vor Ort, dass sie von der Polizei aufgegriffen werden und zurück nach Rangun gebracht werden.

Ob die 160 Uno-Experten überhaupt ins vom Sturm betroffene Krisengebiet reisen dürfen, ist nach Angaben von westlichen Diplomaten noch offen. Die Uno wolle darüber weiter verhandeln, hieß es.

Lebensmittel, Medizin, Decken: "Es fehlt an absolut allem"

Wie schwer den Helfern ihre Aufgabe gemacht wird, berichtet Alexander Richter. Er war im Auftrag der Johanniter vier Tage in Burma unterwegs. Was er gesehen und erlebt hat, könne er nur schwer beschreiben. "Um überhaupt helfen zu können, müssen wir uns nahe dem Konspirativen bewegen", berichtete der 38-Jährige kurz nach seiner Rückkehr nach Berlin.

Trotzdem sei er überzeugt, dass sich Spenden lohnen. Mit Hilfe der Partner vor Ort kämen Lieferungen sicher an der Junta vorbei zu den Opfern im Katastrophengebiet. "Es fehlt an absolut allem", sagt Richter. Lebensmittel, Zelte, Decken, Arzneimittel, medizinische Geräte und vor allem: Wasser und entsprechende Aufbereitungsmittel. "Die Menschen im Irrawaddy-Delta nutzen weiter das Flusswasser, in dem immer noch Leichen schwimmen." Der Ausbruch von Seuchen ist da nur eine Frage der Zeit, sanitäre Anlage gibt es faktisch nicht.

Kontrolle und Schikane: Junta behindert die Helfer

Richter und drei Mithelfer der Johanniter konnten zwar problemlos nach Burma einreisen, in der Arbeit vor Ort wurden sie indes massiv behindert. Internetseiten, die sie zur Kommunikation mit Deutschland nutzten, wurden von der Militärjunta gesperrt. Satellitentelefone und Funkgeräte durften nicht eingeführt werden, gleichzeitig ist es Ausländern verboten, im Land Mobiltelefone zu kaufen. "Wir mussten uns in Rangun also immer wieder feste Treffen vereinbaren, um uns auszutauschen", erzählte Richter.

Einkäufe, Botengänge, Gespräche mit Behörden, alles dauerte viel länger als notwendig. Es waren nicht die einzigen Steine, die Richter in den Weg gelegt wurden. Mehrmals versuchte der 38-jährige Hamburger, ins Katastrophengebiet vorzudringen - vergeblich. "Wir wurden auf dem Weg dorthin von einem Militärposten gestoppt, die Papiere wurden kontrolliert."

Zunächst habe es geheißen, unter bestimmten Auflagen sei eine Weiterreise möglich, dann habe das Team aber doch umkehren müssen. Weitere Versuche blieben erfolglos.

Die Fahrt in Richtung Delta vermittelte Richter gleichwohl, wie die Lage im Zentrum des Katastrophengebiets sein muss. "Mit jedem Kilometer, den wir näher kamen, wurde die Verwüstung schlimmer." Bäume waren umgeknickt, Häuser und Tempel zerstört, kein Telegrafenmast stand mehr. "Es fällt schwer, das überhaupt zu beschreiben." Tote habe er nicht mehr gesehen. Der ständige Leichengeruch habe ihn überwältigt, sagte Richter.

Meteorologen sagen Starkregen voraus

In Burma bereiten sich Helfer inzwischen auf eine mögliche neue Katastrophe vor: Schwere Unwetter drohen, Meteorologen haben für die kommenden Tage mehr als zwölf Zentimeter Regen vorausgesagt. "Das Land ist schon völlig gesättigt, das Wasser kann nicht abfließen, mehr Leute werden erneut vertrieben und die Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten wächst", sagte Joe Lowry vom Roten Kreuz, der gerade aus dem Katastrophengebiet nach Bangkok zurückkehrte.

Die neue Schlechtwetterfront ist ein weiterer Rückschlag für die Helfer. Fast zwei Wochen, nachdem Zyklon Nargis den Süden des Landes verwüstete, konnte nach Angaben der Vereinten Nationen gerade ein Viertel der Überlebenden notdürftig versorgt werden. Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) leben allein in der zerstörten Stadt Labutta noch 10.000 Menschen auf der Straße oder unter Bäumen.

In Rangun traf der erste Flug mit 20 Tonnen Hilfsgütern aus Deutschland ein, darunter vier Wasseraufbereitungsanlagen. Die Techniker, die die Maschinen schnell einsatzfähig machen könnten, durften allerdings nicht einreisen. Sie haben wie Hunderte andere Katastrophenexperten bislang keine Visa bekommen.

In Berlin sollte noch am Donnerstag eine Maschine mit 16 Tonnen Hilfsgütern des DRK starten. Darunter sind sechs mobile Trinkwasseraufbereitungsanlagen, die 15.000 Menschen mit Wasser versorgen können.

Erst ein paar Dutzend Visa erteilt

Auch bei den Vereinten Nationen in New York wachsen Ärger und Frust über den Widerstand der Militärjunta gegen ausländische Helfer. "Die Größenordnung dieser Situation erfordert eine verstärkte Mobilisierung von Ressourcen und Hilfskräften", forderte Generalsekretär Ban Ki Moon.

Der Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten, John Holmes, werde persönlich nach Burma reisen, um die Junta zu einer Öffnung zu bewegen. Das hatte schon Thailands Regierungschef Samak Sundaravej vergeblich versucht.

Der Uno-Botschafter Burmas, Kyaw Tint Swe, warnte davor, die Situation "zu politisieren". "Wir wollen lediglich humanitäre Hilfe leisten", bekräftigte der zuständige EU-Kommissar Louis Michel.

Hilfsorganisationen gehen inzwischen von mindestens 100.000 Toten in Burma aus. Bis zu zwei Millionen Menschen brauchen dringend Zelte, Decken und Medikamente. Die Militärregierung spricht offiziell weiter von gut 60.000 Toten und Vermissten.

Burmas Militärjunta hat internationale Appelle zur Öffnung des Landes für mehr ausländische Experten und Hilfsgüter bislang weitgehend ignoriert. Lediglich ein paar Dutzend Visa wurden erteilt.

pad/dpa/AP

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