Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



Erdbeben in Sichuan

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16.05.2008
 

Katastrophenbeben

Chinas Staatsmedien zensieren Debatte über Baumängel

Von Wieland Wagner, Shanghai

Schulen fielen zusammen wie Kartenhäuser, Wohnblöcke zerbröselten zu Staub: Das verheerende Erdbeben zeigt, wie schlampig in China gebaut wurde, wie rückständig die Weltmacht in vielen Regionen ist. Das Staatsfernsehen sendet Trauer - doch Fragen nach der Verantwortung sind tabu.

Shanghai - "Einige werden zuerst reich, und später werden dann andere reich." So pflegte Deng Xiaoping zu sagen, der legendäre Reformer, der das kommunistische China vor drei Jahrzehnten öffnete und mit seinen marktwirtschaftlichen Reformen rund 300 Millionen Landsleute aus tiefer Armut befreite.

In diesen Tagen lernt die Welt das andere China kennen, den rückständigen Westen des Riesenreiches, der es erst später zu Wohlstand bringen sollte. Und es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet die Ärmsten des Milliardenvolkes sind, die derzeit zu Zehntausenden dramatisch aus den staubigen und stinkenden Trümmern von Schulen und Häusern geborgen werden müssen, einige glücklicherweise noch lebend, doch die meisten tot.

Es handelt sich meist um jene Chinesen, die am wenigsten vom Wirtschaftswunder profitieren, das ausländische Besucher in den glitzernden Metropolen wie Peking oder Shanghai bestaunen. Dabei wäre Chinas Aufstieg zur Weltfabrik kaum möglich gewesen ohne Menschen wie in Sichuan.

Eben diese Region, die das Beben jetzt in großen Teilen so verheerend verwüstete, schickt viele der - oft noch jugendlichen - Wanderarbeiter in den wohlhabenden Osten des Landes: als Billiglohn-Sklaven auf Baustellen oder in Exportfabriken.

Ein anderes Reich der Mitte

Plötzlich erinnern die entsetzlichen Bilder aus der Bebenregion, dass es noch ein anderes Reich der Mitte gibt: das Elend im Schatten der Stahl- und Glaspaläste, die westliche Stararchitekten zum Ruhm der kommunistischen Herrscher planen; das Entwicklungsland China, in dem vom Fortschritt besessene und oft korrupte Parteikader Menschen als Billigmaterial für die industrielle Revolution verheizen.

Diese Gegensätze hat das Erdbeben krass zu Tage brechen lassen. Wie unter der Lupe lässt sich gerade am Beispiel der Krisenregion in Sichuan beobachten, wie überhastet und schlampig in China allenthalben gebaut wird: Vor allem Schulen, die eigentlich zu den sichersten Gebäuden zählen sollten, zerfielen in erbärmliche Schutthaufen aus Zementbrocken und Ziegelsteinen. Rund 500 Staumdämme in der Region weisen so bedenkliche Risse auf, dass Experten vor katastrophalen Überflutungen warnen.

In einigen der verwüsteten Städte und Dörfer, vor zertrümmerten Schulen und überfüllten Leichenhallen, beschuldigen fassungslose Angehörige von Opfern die Obrigkeit bereits der Korruption. Um Geld zu sparen, klagen sie, hätten örtliche Kader Schulen nicht sicher genug bauen lassen. Und das in einer Region, die vor 75 Jahren schon einmal von einem schweren Beben mit Tausenden Opfern heimgesucht wurde. Bei Partei- und Regierungsgebäuden hätten die Funktionäre dagegen darauf geachtet, dass Bauvorschriften eingehalten wurden.

Keine kritischen Fragen

In einem demokratischen Land würden die Medien spätestens jetzt, am vierten Tag nach dem Beben, beginnen, den Regierenden kritische Fragen zu stellen. Gewiss, die Naturkatastrophe an sich hätte sich nicht verhindern lassen. Aber zumindest die Frage, warum das Beben derart gigantische Zerstörungen anrichten konnte, müsste erlaubt sein. Aber nicht in der Volksrepublik.

Zwar berichtet das staatliche Fernsehen täglich ungewöhnlich ausführlich über die Katastrophe, die Flut der Bilder ist ohne Beispiel, aber sie wird sorgfältig kanalisiert von der allmächtigen Zensur. Die Reporter haben strenge Anweisung, den heroischen Einsatz des Militärs herauszustreichen.

Schwer bepackte Retter in grüner Uniform marschieren unermüdlich über die Bildschirme, oft gar in Zeitlupe, untermalt mit traurigen Klängen. Auch die Tatsache, das Premier Wen Jiabao verletzte Bebenopfer großzügig in seinem Diensthelikopter transportieren ließ, wird immer wieder hervorgehoben.

Durchhalteparolen einer "harmonischen Gesellschaft"

Die Berichterstattung des staatlichen Senders CCTV läuft unter der offiziellen Durchhalteparole "Zhongzhi Chengcheng", frei übersetzt: "Unser geeinter Wille ist stark wie eine Festung." Die Opfer in der Desaster-Region würden über eine "stabile Gemütsverfassung" ("qingxu wending") verfügen, loben die Moderatoren in den TV-Studios.

Die Trauer und Verzweiflung der Opfer darf zwar gezeigt werden, aber Anklagen und Wut dürfen nicht in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer vordringen; denn sie passen nicht zu Chinas "harmonischer Gesellschaft", die überall beschworen wird. Ausgeblendet werden daher Bilder, die Nachfragen und Erklärungen erfordern: Zornige Eltern, die den Staat für den Verlust ihrer verschütteten Kinder verantwortlich machen, hungernde Bauern, die aus den Ruinen ihrer Häuser letzte Reiskörner zusammenlesen, weil sie noch immer nicht versorgt werden.

Im Internet beginnt das vernetzte China zwar zaghaft, die amtlichen Erklärungsversuche für das verheerende Ausmaß der Zerstörung anzuzweifeln: "Einige sagen, Klassenräume könnten leicht zusammenfallen, weil sie so groß sind", schimpft ein Blogger auf dem Webportal Tianya, "aber diese Leute denken mit ihren Hintern."

Doch darauf, dass Peking die nötige öffentliche Debatte über das Beben und seine Folgen erlauben wird, kann in China niemand ernstlich hoffen. "Bitte lasst meinen Eintrag etwas länger stehen, bevor ihr ihn harmonisiert", flehte ein Blogger die Zensoren ahnungsvoll an. Doch die Bitte mit dem frechen Seitenhieb auf das Harmonie-Getöse wurde nicht erhört, ein halbe Stunde später war der kritische Kommentar gelöscht, wie von Geisterhand, und andere Beiträge auch.

Fülle unangenehmer Fragen

Dabei gäbe es für die kommunistischen Führer eine Fülle unangenehmer Fragen zu beantworten, die sich Chinesen im ganzen Land derzeit in privaten Gesprächen stellen: Warum zum Beispiel brauchte die Volksbefreiungsarmee 30 Stunden, bis sie endlich in einige der am schlimmsten verwüsteten Dörfer vorrücken konnte? Warum kann eine Armee, die in der Lage ist, von der Erde aus Satelliten im Weltraum abzuschießen, nur wegen Nacht und Regen keine Rettungshubschrauber fliegen lassen?

Oder: Warum lehnte Peking zunächst die Entsendung der besonders erfahrenen Katastrophenhelfer aus dem benachbarten Erdbebenland Japan ab - um sie dann doch noch zu rufen - aber erst am dritten Tag nach dem Beben?

Zu den Merkwürdigkeiten des amtlichen Krisenmanagements in der Volksrepublik zählt auch, dass Staats- und Parteichef Hu Jintao sich tagelang nicht persönlich an die Opfer des Bebens wandte, sondern diese Aufgabe seinem Premier überließ. Nicht einmal über das Fernsehen äußerte Hu ein paar direkte, mitfühlende Worte, stattdessen blendeten die TV-Nachrichten nur seine schriftlichen Durchhalteappelle ein. Erst am heutigen Freitag bereist Hu die Region.

Im vergangenen Jahr hatte Hu es schon einmal mit einem größeren Unglück zu tun: Damals brach die im Bau befindliche Tuojiang Brücke in der Provinz Hunan zusammen, 64 Menschen kamen dabei um, 22 wurden verletzt. Schnell und entschlossen ordnete Hu die Verhaftung der örtlichen Funktionäre an, die für die Schlamperei am Bau verantwortlich gemacht werden. Damit war die Sache vorerst erledigt.

Ganz so einfach wird Peking das Beben von Sichuan nicht zu den Akten legen können. Denn das andere China, eben jenes, das nach dem Willen der Kommunistischen Partei erst später reich werden soll, will nicht nur getröstet werden; es hat Anspruch auf überzeugende Erklärungen.

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