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17.05.2008
 

Drama in Burma

"Die Welt hat keine Ahnung, wie brutal die Junta wirklich ist"

Von Annette Langer

Der Zyklon "Nargis" hat Burma ins Chaos gerissen. Das Ausland erfährt nur wenig von dem Drama. Exil-Burmesen versuchen mit Spenden zu helfen. Das schier unvorstellbare Leid ihrer Landsleute verdrängt jetzt noch die Wut auf die verhasste Junta.

Hamburg - Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt betrachtet May die Bilder ihrer durch Wirbelsturm "Nargis" verheerten Heimat: Ausgemergelte Mönche und hungrige Kinder schauen mit fiebrigen Augen in die Kamera, während ihnen der Regen unerbittlich auf die Köpfe trommelt.

"Ich bin tieftraurig", sagt May, die aus der am schlimmsten betroffenen Region Burmas, dem Irrawaddy-Delta, stammt. "Es tut mir unendlich weh, die Menschen in meinem Land in einer so schrecklichen Notsituation zu sehen." Viele ihrer Angehörigen und Freunde seien nach dem Zyklon vor zehn Tagen bereits tot geborgen worden. Zahlreiche andere würden noch vermisst.

Mays Großeltern entgingen wie durch ein Wunder der Katastrophe. "Das ganze erste Stockwerk meines Geburtshauses wurde vom Sturm abgetragen", erzählt die 35-Jährige. Die Verwandten konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen und haben derzeit genug zu essen und zu trinken. "Weil sie relativ wohlhabend sind", erklärt May lakonisch, denn den armen Menschen vor Ort ginge es sehr viel schlechter.

Noch immer gibt es keine Telefonverbindung in das Delta - die Informationen fließen spärlich per E-Mail. Doch immerhin kommt auf diese Art ab und zu eine Nachricht im Ausland an. Das Irrawaddy-Delta vor der Katastrophe? Eine arme, aber auch sehr friedliche und ruhige Region, die in der Hauptsache von armen Bauern bewohnt wird, erzählt May.

"Wenn die Regierung zwei sagt, dann sagen wir vier"

Auf über 77.000 schätzt die Regierung die Zahl der Toten durch den Zyklon. Unter ausländischen Diplomaten befürchtet man bereits, dass eine Viertelmillion Burmesen der Katastrophe zum Opfer fielen. Was immer die Wahrheit ist - der Glaube der Burmesen an die Verlässlichkeit staatlicher Informationen ist gelinde gesagt gering: "In unserem Land gibt es ein Sprichwort: "Wenn die Regierung zwei sagt, dann sagen wir vier", so May.

Droht nun der zweite Aufstand der geknechteten, neben Wasser und Brot auch nach Freiheit hungernden Burmesen? "Das Volk will Veränderungen, aber es ist sehr schwer zu prognostizieren, wie und ob es die durchsetzen wird." Viele Menschen hätten keine Ausbildung und interessierten sich nicht für Politik. Sie glaubten an die traditionellen Werte und hätten in der Regel große Angst, sich gegen die Regierung zu stellen.

"Die Welt hat keine Ahnung, wie brutal die Junta tatsächlich mit ihren Gegnern umgeht", so May. Nein, derzeit seien die Opfer des Wirbelsturms vorrangig mit dem Überleben beschäftigt, der Suche nach Trinkwasser und einer Schale Reis.

Derzeit engagierten sich vor allem Freiwillige. "Weil unsere Regierung die ausländischen Helfer nicht ins Land lässt, versuchen viele Menschen, zu helfen wo immer es geht." Das Regime behindert sie dabei offenbar nach Leibeskräften. Wie der oppositionelle Sender "Democratic Voice of Burma" in Oslo berichtet, sollen buddhistische Mönche in Zukunft nicht mehr mit Hilfsorganisationen zusammenarbeiten dürfen. Die Regierung habe eine entsprechende Anweisung gegeben, hieß es.

Auch sämtliche Spenden dürfen demnach nur noch über eine zentrale Anlaufstelle beim Militär verteilt werden. "Wir werden unsere Spendengelder direkt an die Bedürftigen geben", zitiert der Sender einen Abt aus der zentralburmesischen Stadt Mandalay. Für den Buddhisten völlig unverständlich: Noch immer stapelten sich in der Hauptstadt Rangun die Hilfsgüter, weil sie nicht verteilt würden.

Während Oppositionelle, Mönche, Prominente und Unternehmer in Land die Sturmopfer nach Kräften unterstützen, helfen auch die Exil-Burmesen im Ausland. "Wir haben viel Geld gesammelt und es den Bewohnern des Deltas zukommen lassen", erzählt May.

Die Oppositionspartei "Nationale Liga für Demokratie" (NLD) hat den Staatsrat für Frieden und Entwicklung heute dringend aufgefordert, den Opfern des Wirbelsturms endlich Hilfe zukommen zu lassen. NLD-Sprecher U Nyan Win sagte: "Unsere Quellen berichten, dass in den meisten Orten die internationalen Hilfslieferungen nicht bei denen ankommen, die sie am nötigsten brauchen. Stattdessen werden sie auf den Märkten in Rangun verkauft."

Derweil steht die Lichtgestalt der Oppositionsbewegung, Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, noch immer unter Hausarrest. "Die Regierung hat die Bewachung ihres Hauses sogar noch verstärkt. Sie ist sehr isoliert und hat keine Ahnung, was im Land vor sich geht", berichtet May.

Wie lange werden die Militärs ihren blinden Kurs fortsetzen können, ohne unter dem gesellschaftlichen und internationalen Druck zusammenzubrechen? "Schwer zu sagen", bedauert May. "Wir hatten noch nie eine Katastrophe dieses Ausmaßes in unserem Land. Das ist eine völlig neue Erfahrung. Nicht nur unsere Regierung ist unfähig, auch unsere Wirtschaft liegt total darnieder."

Fest stehe derzeit nur eins: "Es wird sehr, sehr lange dauern, bis wir alles wieder aufgebaut haben."

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