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17.05.2008
 

Burma

Uno rechnet mit mehr als einer halben Million Flüchtlingen

Von Barbara Hans

Die Cholera ist ausgebrochen, der Reis wird knapp - und der andauernde Regen verschlimmert die Situation für die Menschen: In Burma sind mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht. Sie campen im Freien oder schlafen in einfachen Verschlägen - und ihre Wut wächst.

Hamburg - "Die Menschen waren verwundet, haben aber keinerlei medizinische Versorgung erhalten. Dann sind die Soldaten gekommen und haben angeordnet, dass das Lager geschlossen wird und wir zurück in unser Dorf müssen. Aber wir haben nichts, wohin wir zurückkehren können." Journalisten der "Irrawaddy News" haben ein Video veröffentlicht, dass das Elend der Flüchtlinge in Burma beschreibt. Es ist eines der seltenen Dokumente, das die Menschen vor Ort zu Wort kommen lässt.

Es zeigt: Die Menschen sind verzweifelt - aber vor allem sind sie wütend. Über die Willkür der planlosen Militärjunta, die sie von einem Ort zum nächsten verfrachtet - und das Chaos so vergrößert statt verkleinert, mehr Probleme schafft als lindert. Über ein Regime, das den Verletzten nicht hilft und den Hungrigen und Obdachlosen auch nicht.

Ein hagerer älterer Mann berichtet im Video vom Ausbruch der Cholera, davon, wie sie seit nunmehr fast zwei Wochen beinahe schutzlos dem Wetter - strömendem Monsunregen und starken Winden - ausgesetzt sind. "Nichts", hätte die Regierung gemacht, um das Elend zu lindern. "Nichts! Nichts!" Die Menschen rufen es, reißen die Arme in die Höhe.

250.000 Tote - und eine Führung, die das Land abschottet

Wenig von dem, was die Nachrichten auf der ganzen Welt in diesen Tagen füllt, kommt in den entlegenen Dörfern Burmas an. Und auch wenig Unterstützung: Zwar landen inzwischen regelmäßig Maschinen internationaler Hilfsorganisationen in Rangun, doch die Hilfe erreicht die Menschen nicht.

Viele Burmesen wissen wenig über das Ausmaß der Katastrophe - und auch den Vereinten Nationen fällt es schwer, Zahlen zu nennen. Fest steht: Die Zahl der Toten und Vermissten dürfte um ein Vielfaches höher liegen als das Regime behauptet. Die Junta spricht offiziell von rund 78.000 Toten und 27.900 Vermissten. Diplomaten im Land befürchten, dass "Nargis" bis zu 250.000 Menschen das Leben gekostet hat, das Rote Kreuz geht davon aus, dass insgesamt rund zweieinhalb Millionen Burmesen unter den Folgen des Wirbelsturms leiden.

Zeugnisse dieses Leidens gelangen nur selten an die westliche Öffentlichkeit. Das am schwersten betroffene Irrawaddy-Delta ist für internationale Helfer und Journalisten noch immer ein Niemandsland, aus dem kaum Informationen dringen.

"Alle standen sichtbar unter Schock"

Khin Khin Pyone arbeitet seit sieben Jahren in Burma für Unicef. In einem Protokoll hat sie ihre Erfahrungen aus einem Flüchtlingslager in der Küstenstadt LaButta im Irrawaddy-Delta wiedergegeben:

"Als ich vor drei Jahren zuletzt in LaButta war, war es eine angenehme Stadt. Jetzt ist alles zerstört: Tempel, Schulen, Geschäfte. Es ist schrecklich. Menschen sammelten mit Plastiktüten Wasser aus einem nahen Teich. [...] Alle standen sichtbar unter Schock. [...] Die Not überwältigte mich. Ich musste weiter und suchte nach einem Kloster. [...] Insgesamt hatten hier etwa 10.000 Überlebende Zuflucht gefunden. Auch ich musste hier übernachten. [...] Die ganze Nacht hindurch hörte ich Stimmen. Die Menschen berichteten von Leichen, von totem Vieh und toten Hunden, die im Fluss treiben. Das Flusswasser roch sehr schlecht in LaButta, vermutlich aufgrund der vielen Kadaver. Am nächsten Morgen wachte ich von einem stechenden Geruch nach Urin und Fäkalien auf. Auf dem Tempelgelände gab es nur zwei Toiletten."

Das Land versinkt im Chaos - die Wut der Menschen wächst

"Nach unseren Schätzungen leben derzeit rund 550.000 Menschen in Notunterkünften, aber das ist nur eine sehr vage Schätzung. Alles, was wir sagen können, ist sehr sehr vage", sagt Elizabeth Byrs vom Uno-Büro zur Koordinierung von Hilfsmaßnahmen SPIEGEL ONLINE. "Die Menschen verlassen die am schlimmsten betroffenen Gebiete und machen sich auf den Weg in die größeren Orte - in der Hoffnung, dass ihnen dort eher geholfen wird." Doch die am schlimmsten betroffenen Gebiete sind zugleich am schwersten zugänglich und werden von der Junta erfolgreich abgeschottet. "Es ist Monsunzeit: Die Menschen bräuchten dringend Hilfe, um sich gegen den Regen abzuschirmen. Das Problem ist nicht, dass die Hilfsgüter nicht ins Land gelangen - sondern dass sie vom verstopften Flughafen in Rangun nicht weiter transportiert und nicht vernünftig gelagert werden können."

Burma versinkt im Chaos und die Menschen sind auch nach ihrer Flucht nicht sicher: "Das große Problem ist, dass die Lager nicht systematisch organisiert werden", sagt Rudi Tarneden von Unicef SPIEGEL ONLINE. So kommt es vor, dass die Flüchtlinge eigenhändig in einem Ort fünf oder sechs Camps errichtet haben, sich auf freien Flächen rund um Schulen und Klöstern sammeln, die Militärführung aber offiziell nur das Bestehen eines Lagers anerkennt - und folglich auch nur ein Lager notdürftig versorgt.

Immer wieder werden die Menschen vom einen Ort zum nächsten verfrachtet, die Regierung spricht von sogenannten "safe grounds" - sicheren Plätzen. Doch die Lager werden errichtet und oft nur wenig später wieder abgebaut. Viele sind schlecht ausgestattet, können die Menschenmassen nicht versorgen oder beherbergen. Es mangelt an Planen, Betten, Nahrung, Wasser.

Die Regierung verfrachtet die Menschen

Doch viele Menschen wollen ihre Dörfer gar nicht verlassen: Weil sie Angst haben, auch ihren letzten Besitz zu verlieren und weil sie den Ort, an dem ihre engsten Angehörigen und Freunde ums Leben gekommen sind, nicht hinter sich lassen wollen.

Im aktuellen Lagebericht von Unicef ist die Rede von den Dörfern Thandi und Zee Phyu, in denen von rund 500 Häusern nur vier den Wirbelsturm überstanden haben. Die anderen hat "Nargis" hinweggespült. Viele der Bewohner leben nun zusammen auf dem engen Raum der beiden Häuser. Gehen wollen sie nicht. Unicef berichtet sogar davon, dass die Menschen die Flüchtlingslager wieder verlassen, um in ihre völlig zerstörten Dörfer zurückzukehren - andere wiederum wollen bleiben und werden von den Soldaten gedrängt, zurückzukehren.

Inwieweit internationale Helfer die einheimischen Rettungskräfte unterstützen können, variiert von Ort zu Ort. Mal sind die Behörden kooperationsbereit, meistens sind sie es nicht. Auch die Situation der Flüchtlinge ist von Dorf zu Dorf verschieden. Während einige Lager laut Unicef in recht gutem Zustand sind, vegetieren die Menschen andernorts im Freien und ernähren sich von den Tierkadavern, die in den Flüssen treiben.

Dass die Regierung die Flüchtlinge auffordert, in ihre zerstörten Dörfer zurückzukehren, wie "Irrawaddy News", ein von Exilburmesen betriebenes Internetportal, berichtet, davon weiß die Uno offiziell bislang nichts. "Dass die Regierung die Menschen aber immer wieder von einem Ort zum nächsten bringt, verkompliziert die Hilfsmaßnahmen unnötig. Neue Camps bedeuten, dass wieder Familien auseinandergerissen werden, dass die Logistik neu aufgebaut werden, man sich neu orientieren und neue Ansprechpartner finden muss."

"Wer ist gekommen, um uns zu helfen?"

Viele der selbstgebauten Lager werden von den Militärs nicht versorgt. Die Bewohner müssen um Lebensmittel betteln und sind auf die Großzügigkeit der Menschen in den nicht völlig zerstörten Gebieten angewiesen - und ihnen auch schutzlos ausgeliefert. "Die ersten zehn Tage bis zu den ersten vier Wochen sind die entscheidende Zeit nach einer solchen Katastrophe. Je mehr Zeit verloren geht, desto höher ist das Risiko für Krankheiten. In Burma ist uns sehr viel Zeit verloren gegangen", sagt Tarneden. "Es besteht die Gefahr, dass nach nunmehr 14 Tagen die Resignation in Frustration umschlägt und es zu Gewalt kommt."

"Wer ist gekommen, um uns zu helfen als wir allein waren auf dem Bauernhof und in großer Not? Wer?", fragt ein Mann in dem von "Irrawaddy News" veröffentlichten Video. Und beantwortet sie gleich selber: "Keiner ist gekommen. Keiner!"

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