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17.05.2008
 

Burma

Junta startet PR-Offensive - und sperrt Tausende Tonnen Hilfsgüter aus

Die Junta spielt Offenheit - und lässt das Volk darben: Erstmals konnten Diplomaten und Uno-Mitarbeiter ins Katastrophengebiet, frei bewegen durften sie sich nicht. Schiffe mit Hilfe für Hunderttausende warten vergeblich auf Einlass, die ersten westlichen Reporter wurden des Landes verwiesen.

Bangkok - Das Vorgehen der burmesischen Junta hat eine neue Stufe erreicht: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat das Militär am Samstag die ersten westlichen Journalisten ausgeflogen. Zwei britische Reporter wurden von Angehörigen der Junta in ihren Hotels in Rangun abgeholt und wurden direkt zum Flughafen gebracht.

Zyklon-Überlebende
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AP

Zyklon-Überlebende

Das Regime verfolgt eine zynische Doppel-Strategie: In einer straff organisierten Aktion hat die Junta zuvor erstmals ausländische Diplomaten und Uno-Mitarbeiter in die Katastrophengebiete gelassen. Das Regime flog die Diplomaten und Uno-Helfer in die Ortschaften Pyapon und Bogalay, wo Armee-Zelte für Überlebende aufgebaut worden sind. Die Teilnehmer konnten sich nicht frei bewegen. Sie sahen nur wenige hundert gut versorgte Zyklon-Opfer in Lagern. "Was sie gezeigt haben, sollte nur den Anspruch unterstreichen, dass alles bestens organisiert ist", sagte ein Teilnehmer anschließend.

Die Junta in Burma behauptet, die erste Phase der Nothilfe sei erfolgreich abgeschlossen. Jetzt beginne der Wiederaufbau, zitierte die Staatspresse Regierungsvertreter. Zahlreiche Aufträge für den Wiederaufbau gingen nach Informationen des Online- Magazins "Irrawaddy" an enge Vertraute der Junta-Generäle, von denen viele auf internationalen Schwarzen Listen stehen.

Hilfsorganisationen berichten unterdessen, dass weiter Zehntausende, die bei der Wirbelsturm-Katastrophe vor zwei Wochen alles verloren haben, ohne jegliche Hilfe im Irrawaddy-Delta ausharren.

Immer noch verwehrt die burmesische Regierung allen internationalen Appellen zum Trotz ausländischen Helfern den Zugang zu den Katastrophengebieten des Zyklons "Nargis": Ein französisches Kriegsschiff mit 1.500 Tonnen Lebensmitteln und Medikamenten an Bord wartete am Samstag vor der Küste Burmas vergeblich auf die Erlaubnis zum Andocken. Die französische Regierung erklärte, die Lebensmittel reichten, um 100.000 Menschen 15 Tage zu ernähren. Zudem seien an Bord von "Le Mistral" Notunterkünfte für 15.000 Menschen.

Auch die US-Marine ist mit mehreren Schiffen voller Hilfsgüter in Sichtweite der burmesischen Küste und wartet auf die Erlaubnis, den Zyklon-Opfern zu helfen.

Innenstaatssekretär August Hanning sagte im Interview der Berliner Tageszeitung "B.Z. am Sonntag", das Technische Hilfswerk habe Wasseraufbereitungsanlagen nach Rangun gebracht, um 70.000 Menschen mit Trinkwasser zu versorgen. Aber noch liefen die Gespräche mit der Regierung über die Genehmigung zum Einsatz vor Ort.

Die internationalen Reaktionen gegen die Machthaber in Burma werden immer schärfer: Der britische Premierminister Gordon Brown verurteilte das Militärregime als "menschenverachtend", weil es keine internationalen Helfer zu den Opfern lassen will. Das Regime werde dafür zur Rechenschaft gezogen, dass es die Landsleute im Stich lasse, sagte Brown, ohne das näher auszuführen. Es habe aus einem Naturdesaster eine von Menschenhand verursachte Katastrophe gemacht.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, die Lage in Burma habe einen kritischen Punkt erreicht: "Wenn nicht schnell mehr Hilfe ins Land gelangt, stehen wir vor dem Ausbruch von Infektionskrankheiten, die die aktuelle Krise dramatisch verschlimmern könnten."

Die Weigerung der Junta, das französische Schiff mit den Hilfsgütern ins besonders betroffene Irrawaddy-Delta fahren zu lassen, könne "zu einem wirklichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit führen", sagte der französische Uno-Botschafter Jean-Maurice Ripert in New York. Burma habe gefordert, die Hilfsgüter nach Rangun zu fliegen, von wo aus sie weiterverteilt würden, so Ripert.

Die Militärführung besteht darauf, dass sie die Hilfsgüter selbst verteilt. Hilfsorganisationen befürchten jedoch, dass dann viele Nahrungsmittel für die Streitkräfte abgezweigt werden könnten. Ripert forderte ein energischeres Eingreifen der Vereinten Nationen. "Zehntausende Menschenleben sind bereits verloren, hunderttausende könnten es werden", mahnte er.

In Washington forderten 43 Abgeordnete beider Parteien US-Präsident George W. Bush auf, sich für eine "humanitäre Intervention" in Burma einzusetzen. Der US-Präsident verlängerte am Samstag die Sanktionen gegen Burma um ein weiteres Jahr.

An diesem Sonntag wird der Uno-Nothilfe-Koordinator John Holmes in Rangun erwartet. Er soll der Forderung nach Zugang für ausländische Helfer Nachdruck verleihen. Junta-Chef Than Shwe hat auf zwei Schreiben von Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon bislang nicht reagiert. Am 24. und 25. Mai soll in Südostasien eine Geberkonferenz stattfinden. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 1,6 bis 2,5 Millionen Menschen in Burma dringend Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente und Unterkünfte benötigen.

Das Militärregime hatte am Freitag die offizielle Zahl der Toten drastisch nach oben korrigiert: Das staatliche Fernsehen sprach von fast 78.000 Todesopfern. Dies war fast doppelt so viel wie die zuvor von der Militärregierung bestätigten 43.318. Die Zahl der weiterhin Vermissten wurde mit rund 56.000 angegeben - ebenfalls eine Verdoppelung von den bislang genannten 27.838. Die Vereinten Nationen rechnen mit mehr als 100.000 Toten. Die Internationale Föderation vom Roten Kreuz und Roten Halbmond setzte die Zahl sogar bei 128.000 an.

anr/dpa/AP/AFP

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