Einen schlimmeren Ausflug kann man sich kaum ausmalen: 19 Stunden lang standen zwei Taucher Todesängste durch, die von einem Tauchgang nicht in ihr Boot zurückgekehrt waren. Mehr als zwölf Flugzeuge suchten nach der 40-jährigen Amerikanerin und dem 38-jährigen Briten. Am Samstagmorgen wurden sie schließlich entdeckt - rund 14 Kilometer vom Ausgangspunkt ihres Ausflugs entfernt. Ein Hubschrauber konnte sie an Bord nehmen.
Es war ein wahrer Alptraum: Das Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens ist eine Region voller Haie. "Ich dachte, wir müssten sterben. Wir dachten die ganze Zeit an Haie, auch wenn es keiner von uns sagte", erzählte Dick Neely der britischen Zeitung "Sunday Mirror". "Wir mussten immer positiv bleiben, uns gegenseitig beruhigen und nicht daran denken, dass wir bei lebendigem Leib gefressen werden könnten."
Die australische Polizei bescheinigte den beiden, dass ihre Erfahrung und Ruhe ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet habe. "Sie haben sich mit ihren Bleigurten zusammengebunden, sie haben Energie gespart, sind zusammengeblieben und haben auf Rettung gewartet", sagte Polizeisprecher Shane Chelepy.
"Wir haben uns gegenseitig gerettet"
Die beiden sind erfahrene Taucher. Laut "Sunday Mirror" kommt Dick Neely aus der englischen Grafschaft Norfolk, lebt aber in Thailand und Kalifornien und arbeitet als Tauchlehrer. Die 40-jährige Amerikanerin Alison Dalton, seit einigen Monaten Neelys Freundin, ist ausgebildete Tauchlehrerin aus Kalifornien. "Ich glaube, wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet", so Neely.
Nur die Taucheranzüge ließen sie im kaltem Wasser überhaupt so lange überleben. Durch das Zusammenbinden konnten sie ihre Körperwärme teilen und zudem verhindern, dass sie getrennt werden. Neely und Dalton hätten ständig miteinander gesprochen, um wach zu bleiben und sich vom ständig wachsenden Durst abzulenken, erzählte eine Freundin des Paares.
Der Kapitän des Charterbootes, mit dem die beiden Freitag hinausgefahren waren, konnte zwei seiner insgesamt sechs Gäste vor der Rückfahrt zur Küste nicht mehr finden. Neely und Dalton waren beim Tauchen durch eine starke Strömung abgetrieben worden und tauchten 200 Meter vom Boot entfernt auf; es gelang ihnen nicht, den Kapitän durch heftiges Winken zu alarmieren.
Zunächst hieß es, der Kapitän habe die Taucher offenbar vergessen oder aufgegeben, um zum Festland zurückzukehren. Die australische Tageszeitung "Herald Sun" berichtet, dass das Charterboot um das Tauchrevier kreiste und jeder an Bord die Wasseroberfläche absuchte - vergebens. Demnach blieb die Besatzung die ganze Nacht auf der Suche nach den Tauchern und verständigte in der einsetzenden Dämmerung gleich die Behörden. Prompt begann am Freitagabend die großangelegte Suche mit Flugzeugen und Hubschraubern, musste aber in der Dunkelheit abgebrochen werden. Bei Sonnenaufgang am Samstagmorgen gegen 6.30 Uhr wurde sie wieder aufgenommen.
"Sie haben Witze über ihre Tortur gemacht"
Entdecken konnte das Paar der freiwillige Helfer Andrew Barker, der Neely und Dalton "auf dem Rücken treibend sah, mit den Schwimmflossen aus dem Wasser. Sie winkten verzweifelt - und dann warfen sie uns Kusshände zu". Aber der Hubschrauber hatte keine Seilwinde und konnte zunächst nur über den beiden kreisen, bis Hilfe durch einen anderen Hubschrauber nahte, der das Paar aus dem Wasser fischte.
Dass die beiden Taucher überhaupt noch entdeckt werden konnten, sehen die Retter als Mischung aus Umsicht der Taucher, gründlicher Suche und ausgesprochen glücklicher Fügung. "An ihrer Stelle würde ich heute Abend im Lotto spielen", sagte Notrettungssprecher Philip Dowler am Samstag. Das Ausmachen von im Wasser treibenden Menschen aus einem Hubschrauber sei äußerst schwierig. "Man sieht ja nur einen Kopf, der Körper ist unter Wasser, und heute ist es in Queensland sehr bewölkt." Zudem habe es eine starke Strömung, Wind und ordentlichen Wellengang gegeben, ergänzte Chef-Retterin Michaela Moss laut "Herald Sun": "Sie hatten Riesen-, Riesenglück."
Gewaltigen Durst hatten Neely und Dalton ebenfalls, waren aber "ziemlich guter Stimmung, wenn man berücksichtigt, dass sie 19 Stunden da draußen waren", sagte Hubschrauberpilot David Williams, "sie haben so einige Witze über ihre Tortur gemacht." Den Hubschrauber, der die beiden in ein Krankenhaus brachte, verließen sie in Rollstühlen, wurden aber bereits Samstagnacht entlassen.
Die Behörden haben eine Untersuchung angekündigt. Die US-Touristen Tom und Eileen Lonergan, die 1998 nach einem Tauchgang im Barrier Reef 1998 "vergessen" wurden, sind nie gefunden worden. Vermutlich wurde das amerikanische Ehepaar von Haien gefressen. Danach waren in Australien die Sicherheitsstandards für Tauchfahrten am Great Barrier Reef verschärft worden. Die Kapitäne müssen vor der Rückkehr an Land eigentlich sicherstellen, dass jeder an Bord ist. Die Geschichte des Paares wurde 2003 im US-Thriller "Open Water" verfilmt.
jol/AP
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH