Von Marion Kraske, Wien
Es war ein großer, ein historischer Moment, damals, in den siebziger Jahren. Mit allerlei Pomp wurden die ersten Wiener U-Bahn-Linien eröffnet - Bewohner aus dem Wiener Arbeiterbezirk Favoriten etwa konnten nunmehr in weniger als 20 Minuten mitten ins Herz von Wien rauschen. Grund zur Freude für die einen, die anderen beklagten den sozialen Supergau: Jetzt komme der Plebs in die Stadt, ätzte der damalige Kulturchef der Wiener Tageszeitung "Die Presse" - und erhielt nicht wenig Beifall.
Nun ist es wieder so weit: In wenigen Tagen fallen sie erneut ein, die ungezähmten Horden.
Zwei Millionen Besucher, rund 100.000 Gäste täglich, so die Prognosen, werden sich den Weg in die Donaumetropole bahnen, wenn am 7. Juni mit der Partie Schweiz gegen Tschechien in Basel das Eröffnungsmatch der EM über die Bühne gegangen ist.
Anschließend ist Wien neben Klagenfurt als Austragungsort der Gruppe B dran, Zigtausende Polen und Kroaten und fast 400.000 Deutsche haben sich angesagt, die Karawane rollt.
Zimmermädchen werden EM-fit gemacht
Die Drei- und Viersterne Hotels in der einstigen K.u.k-Metropole sind bereits seit Monaten ausgebucht. Selbst im vornehmen Hotel Sacher gegenüber der Wiener Oper ist die EM ein wichtiges Thema, sagt Direktor Reiner Heilmann, ein gebürtiger Westfale im vornehmen dunklen Anzug mit dezent gestreifter Krawatte. Nach der Vorrunde sei die Buchungssituation noch "dramatischer", man habe eine "unsagbar lange Warteliste" mit Gästen, die unbedingt noch kommen wollten.
Intern hält die Belegschaft des Traditionshotels regelmäßig Meetings ab, vom Portier bis zum Zimmermädchen müssen alle auf dem Laufenden sein - wann die Spiele sind, wer gegen wen antritt und ganz Praktisches -, wo sich etwa die Gästelimousinen trotz der Sperrungen ihren Weg bahnen können. Neben der Kulturtafel im mit edlen Antiquitäten bestückten Empfangsbereich werden in Kürze nicht nur Opern- und Theatertermine ausgestellt, sondern auch Wissenswertes rund um den schnöden Sport.
Angst vor marodierenden Hooligans grassiert
Drumherum, im ersten Bezirk, tut sich das bürgerliche Wien derweil noch schwer, bei Hofratswitwen und Kommerzialräten herrscht eher Skepsis denn Freude. Die EM möge stattfinden, aber bitte schön, möglichst weit weg. "Ich habe eine 86-jährige Mutter, muss ich die jetzt zu Hause einsperren?", fragte eine akkurat frisierte Dame mit ernster Stimme jüngst bei einer Bürgerversammlung im Wiener Rathaus.
Wie sie fürchten viele um ihre Sicherheit, um ihre Parkplätze, es grassiert die Angst, vor marodierenden Hooligans, vor Alkoholexzessen unmittelbar vor der Haustür, vor allem aber vor englischen Prollfans. Dass sich das Krawallteam von der Insel gar nicht erst qualifizieren konnte - es hat sich im beschaulichen Wien noch nicht so recht herumgesprochen.
Heinz Palme kennt das Geraunze seiner Landsleute nur allzu gut. Vor zwei Jahren sorgte der drahtige 49-Jährige dafür, dass aus der WM ein deutsches "Sommermärchen" wurde, nun arbeitet er als Chef des nationalen Organisationskommitees "Österreich am Ball" daran, dass auch im ski-affinen Alpenland so etwas wie ein Fußballfest steigen kann.
"Wir versuchen immer wieder klarzumachen, dass bei Welt- oder Europameisterschaften ganz normale Fans anreisen, die einfach nur feiern wollen", sagt Palme. Hooligans seien eher an die Vereine gebunden, nicht so sehr an die Nationalteams.
Prachtboulevards bleiben für Fiaker gesperrt
Die Latte hänge zugegebenermaßen sehr hoch. In Deutschland, sagt Palme und lächelt wie beseelt, habe "alles gepasst", was man in Österreich jetzt brauche, sei ein kleines Quentchen Glück. In jedem Wiener, ist Palme überzeugt, "schlummert auch ein Fußballfan".
Damals, im Qualifikationsspiel für die WM 1990 gegen die DDR, sei das auch so gewesen, zuerst wurde Toni Polster ausgepfiffen, dann schoss er alle Tore zum 3:0-Sieg. "Eine Welle der Begeisterung ging durchs Land", sagt Palme. Wenn das Wetter stimme und die sonst so glücklose österreichische Elf vielleicht gar etwas mehr bringe als gedacht, könne das "das Sahnehäubchen" für den Erfolg sein.
Noch aber sind die Österreicher von Euphorie meilenweit entfernt.
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