Von Marion Kraske, Wien
Umfragen zufolge ist etwa einem Drittel die EM komplett egal. In der Wiener Innenstadt sucht man denn auch fast vergebens nach Hinweisen auf das nach den Olympischen Winterspielen von 1976 zweitgrößte Sportereignis in der Geschichte des Landes.
An Kreuzungen grüßen, vereinzelt, rote, blaue und gelbe Holzkicker als Vorboten, in den Geschäften werden neben schokosüßen Mozartkugeln und Sisi-Talern neuerdings auch die noch immer nahezu unbekannten EM-Maskottchen "Trix" und "Flix" feilgeboten, daneben Fußballwimpel und Trikotage.
Und auch sonst rüstet sich Wien, dieses museal anmutende K.u.k-Gebilde, das sich sonst eher den feinen Künsten zugeneigt zeigt, so gut es eben kann.
Unmittelbar im Zentrum, auf der Wiener Ringstraße mit ihren reich verzierten Palais, öffnet pünktlich zum Turnier-Auftakt eine riesige Fanmeile für 70.000 Menschen. Hier, wo einst die feine Wiener Gesellschaft fröhlich lustwandelte, können Sportbegeisterte die Spiele auf einer Großleinwand verfolgen. Und solange König Fußball regiert, bleiben 800 Meter des beliebten Prachtboulevards für den Verkehr gesperrt, drei Wochen lang, auch die emsigen Fiaker müssen ihre Touren umdisponieren.
"Für uns wird es schwierig, die Highlights fallen weg", sagt Wolfgang Fasching, den sie alle nur den "Baron" nennen, ein Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart, langem Pferdeschwanz und abgewetzter Melone. "Persönlich freu ich mich auf das Sportereignis", sagt der Baron und gibt seinen beiden Pferden Wasser aus einem kleinen Plastikeimer, "als Fiaker aber bin ich froh, wenn es vorbei ist."
Nur ein paar Schritte entfernt liegt der berühmte Volksgarten - er wird für die Dauer der EM für die Öffentlichkeit gesperrt. Mehr als tausend Rosenstöcke stehen hier, seltene Sorten wie "Gloria Dei" oder "Freiheitsglocke". Sie müssten unbedingt geschützt werden, sagt Gerd Koch, Verwalter der Innerstädtischen Prunkgärten, und zeigt auf die penibel angeordneten Dreierreihen. "Der Garten wurde 1920 angelegt. Würden die Fans hier reingelassen, wäre der Pflanzenbestand gefährdet."
Im Berliner Tiergarten seien nach der WM rund 90 Zentimeter Erde abgetragen worden, weil der Boden verseucht war, behauptet Koch, der Rosenretter, kummervoll. Tatsächlich entstand vor dem Reichstag und im Tiergarten erheblicher Sachschaden. Allein in der Wiener Fanmeile werden nun 1200 Toilettenhäuschen aufgestellt, alle 50 Meter eines. Das sei doppelt so viel, heißt es offiziell, wie eigentlich notwendig. Unverständlich, dass man den Massen überhaupt einen derart prominenten Auftritt genehmige, stänkert der Wiener "Standard", wo man doch wisse, dass der "Sauf-, Gröl-, Urinier- und Kotzfaktor" unter Fans notorisch groß sei.
Derlei Alltagsbefindlichkeiten dürfte die VIPs an nobler Adresse wohl kaum einholen: Etwa 600 geladene Gäste werden in der gediegenen Atmosphäre des Burgtheaters auf das Fußballevent anstoßen, auf Einladung zweier Großkonzerne, die sich in den ehrwürdigen Hallen eingemietet haben. Das Schauspiel-Ensemble selbst flieht für drei Wochen, wegen des andauernden Lärms unmittelbar vor der Tür wäre an Vorstellungen ohnehin nicht zu denken.
Verpatzte Generalprobe
Noch aber weiß so recht niemand, wie es tatsächlich sein wird, wenn Hunderttausende Fans die als Weltkulturerbe geschützte Innenstadt belagern, wie die Fahrzeugkolonnen bewältigt werden, wo es doch auch an normalen Tagen schon nervenaufreibende Verkehrsprobleme gibt.
Die Generalprobe jedenfalls ging gründlich schief: Beim Freundschaftsspiel Österreich gegen Deutschland Anfang Februar war die Stimmung im Ernst-Happel-Stadion zwar prächtig, die Organisation aber ließ zu wünschen übrig. Busse und Straßenbahnen hatten - wenig EM-reif - Mühe, den Ansturm der herbeiströmenden Fans zu fassen. Nach einem Tumult an einer Würstelbude kam selbst die Polizei nicht durch - die zuständige Elitetruppe steckte hilflos im Stau. Abhilfe, versichern die Stadtväter, werde die eigens für die EM ausgebaute neue U-Bahn-Linie schaffen, die die Fans im Vierminutentakt unmittelbar bis zum Stadion kutschiert.
Auch die für ihre Ruppigkeit bekannte Wiener Exekutive bereitet sich seit Monaten intensiv auf den Ansturm ausländischer Gäste vor. Orientierung bietet ein in Deutschland erarbeitetes Sicherheitskonzept: Dialog, Deeskalation, Durchsetzung, so die Schlagworte. Die 3-Ds wurden schon bei der WM erfolgreich angewandt, nun sollen sie auch in Österreich ein friedliches Miteinander gewährleisten.
Bislang schienen Wiener Polizisten selbst in Alltagssituationen heillos überfordert: Da wurden Asylbewerber schon mal zu Tode gedrückt oder urlaubende Rentner aus Deutschland wie Kriminelle abgeführt, mit vorgezogener Waffe und Handschellen. Um in den kommenden Wochen auch heiklere Situationen meistern zu können, arbeiten die österreichischen Beamten für die Dauer des Turniers mit Kollegen aus anderen EU-Nationen zusammen, allein aus Deutschland werden an der Donau 800 Beamte ihren Dienst schieben.
Benchmark im Blitzen
Punkten will Wien auch in einer anderen Disziplin: Die Stadt gelte als eine der saubersten Europas, das werde auch während der heißen Fußballphase so bleiben, versprechen die Verantwortlichen. Über Nacht solle alles jeweils wieder blitzblank sein. "Darin san ma a benchmark."
Dann kann es ja losgehen, nach Lust und Laune auch mit Wimpeln und Fahnen am fahrbaren Untersatz. Eine Selbstverständlichkeit? Nicht im Alpenland.
Austriakische Verfassungsjuristen ließen die Öffentlichkeit mit Blick auf den Paragrafen 54 des Kraftfahrtbundesgesetzes jüngst wissen, dass das Schmücken von Autos mit Bundesadler lediglich höchsten Staatsrepräsentanten, etwa dem Bundespräsidenten, vorbehalten sei. Bei Nichtbeachtung drohten empfindliche Strafen.
Noch ehe die Diskussion weitere groteske Kapriolen schlagen konnte, sprach Verkehrsminister Werner Faymann ein Machtwort und setzte für die Dauer des Turniers die Regelung außer Kraft. Der Weg ist also frei für rot-weiß-roten Patriotismus. Es darf, höchst offiziell, geflaggt werden.
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